17. November 2019, Hiob 14,1-6 (7-12) 13 (14) 15-17
Vorletzter Sonntag des ­Kirchenjahres

Von: Dörte Kraft
1 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Ein Blick in die innerste Herzkammer


Die erste Hälfte dieses Predigttextes, V. 1-6, gehörte nach der alten Perikopenordnung zum drittletzten Sonntag des Kirchenjahres. Jetzt haben wir diesen Text – dankenswerterweise – mit der Fortsetzung ab V. 7, auf die ich das Augenmerk richten möchte.

Das 14. Kapitel stellt den Abschluss des ersten von drei Redewechseln zwischen Hiob und seinen drei Freunden dar, wobei die Rede Hiobs die Kap. 13 und 14 umfasst. Die Themen der Redewechsel müssen hier nicht erörtert werden – Hiob stemmt sich mit der Wut der Verzweiflung gegen die Welterklärung seiner Freunde, bleibt aber hartnäckig dabei, von Gott selbst eine Antwort einzufordern.


Töte mich – aber schweig mich nicht an!

Wohl, er mag mich erschlagen – ich harre dessen –, jedoch meine Wege will ins Antlitz ich ihm erweisen. Kap. 13,15 in den Worten der Übertragung von Buber/Rosenzweig lässt etwas ahnen von der Kraft dieser Auseinandersetzung eines Gerechten mit seinem Gott. Getragen von einem geradezu wüsten Vertrauen in die Gerechtigkeit, aber auch die Nahbarkeit und Ansprechbarkeit Gottes.


Ein Nichts ist der Mensch – lass ihn doch wenigstens in Ruhe! (V. 1-6)

Der Mensch – wie Hiob es hier empfindet – gleicht einer welkenden Blume, einem flüchtigen Schatten, welkem Laub und leerer Spreu. Ohnehin Bild der Leere und Vergänglichkeit, der Schwäche und Vergeblichkeit – und da macht Gott sich noch die Mühe, ihm hinterherzujagen? Wenn schon nicht mehr vor uns liegt als das, dann lass uns wenigstens die paar Jahre in Ruhe leben; wende deinen ewig-kritischen Blick ab und lass uns einfach in Frieden. Eine bittere Bitte an Gott, enttäuscht, fast zynisch.


Du riefest, und ich gäbe dir Antwort

Aber mit V. 7 beginnt ein neues Bild: ein gefällter Baum treibt doch wieder aus (V. 7-9). Und der Mensch? Wenn er gefällt wird, was dann? Die Erfahrung sagt: tot ist tot. Da vergeht eher der Himmel, als dass ein Toter wieder aufsteht (V. 10-12).

Und dennoch, es gibt da einen Traum, eine Sehnsucht, ein Verlangen, das sich hier Gehör verschafft: Wie wäre es, wenn du, Gott, mich im Totenreich verstecktest, für eine von dir bestimmte Zeit – dann aber würdest du mich wieder herausrufen. V 13-17 sind wie ein vorsichtig tastender Wunsch danach, dem Gott wieder zu begegnen, dem Hiob sein Leben lang gedient hat, dem er angehört, dem sein Herz gehört. Dieses Herz spricht hier: Du riefest, und ich gäbe dir Antwort (V. 15). Es ist nicht nur das Verlangen nach einem Ende des Leides, nach einer Antwort auf die Fragen nach Freiheit und Glück. Es ist die leise Bitte nach der Begegnung mit Gott; fast zärtlich das Bild vom Hören und Antworten, vom Trauen darauf, dass dann auch Sünde keine Bedeutung mehr hätte.

Es ist wie ein kleiner Blick in innerste Herzkammer des Gerechten, in ein Herz, dass leidet unter der Einsamkeit der Gottferne und sich sehnt nach der spürbaren Nähe Gottes. Wie lange auch immer die Zeit der Verschlossenheit dauern würde – einzig tröstend wäre das Wissen darum, dass Gott selbst sich naht und seinen Gerechten wieder zu sich ruft, weil er selbst Sehnsucht hätte nach seinem Geschöpf.

Vielleicht ist es dies, das den Hiob so unbeugsam allen Erklärungen der Freunde widersprechen lässt – er kennt ihn doch eigentlich, diesen Gott. Und was ihm hier passiert, stimmt einfach nicht damit zusammen. Das lässt er sich nicht nehmen, lässt es sich nicht wegerklären. Wenn schon, dann will er »seinen« Gott wiederhaben, nicht so ein sauberes erklärbares System. Vielleicht.

Das kleine Guckloch schließt sich wieder nach V. 17 und das Klagen und Kämpfen und Streiten geht weiter. Vielleicht waren wir Zeugen eines Geheimnisses zwischen Gott und Mensch?


Dörte Kraft

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

1 Kommentar zu diesem Artikel

19.10.2019
Ein Kommentar von Dörte Kraft


Beim Verfassen dieses Impulses stand mir ein Gedicht von Nelly Sachs vor Augen, aber trotz intensiven Suchens fand ich die Belegstelle nicht. Nun bin ich doch noch fündig geworden und reiche den Text auf diesem Weg nach. Vielleicht erscheint er außer mir noch jemand hilfreich. Hinter der Tür ziehst du an dem Sehnsuchtsseil bis die Tränen kommen In dieser Quelle spiegelst du dich - (zitiert nach: Nelly Sachs, Späte Gedichte, Frankfurt/M. 1965, S. 154

Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

4. Sonntag im Advent
22. Dezember 2019, 2. Korinther 1,18-22
Artikel lesen
2. Sonntag im Advent
8. Dezember 2019, Lukas 21,25-33
Artikel lesen
Gesundheit versus Dienstrecht
Das 3. Forum »Pfarramt und Gesundheit«
Artikel lesen
Christnacht
24. Dezember 2019, Sacharja 2,14-17
Artikel lesen
Christvesper
24. Dezember 2019, Hesekiel 37,24-28
Artikel lesen
Befreiende Aufklärung
Der Logos als Synthese von Liebe und Vernunft
Artikel lesen
Profession in der Krise
Das Pfarramt ? eine überkomplexe Herausforderung
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!