6. Oktober 2019, Johannes 11,1-45
16. Sonntag nach Trinitatis

Von: Michael Pfeiffer
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Wonach »riecht« es bei uns?

Riecht unsere Welt nach Tod? – Angesichts mancher Entwicklungen – von der Klimaerwärmung angefangen bis hin zum menschenverachtenden »Wir/ich zuerst!« – liegt der »Gestank« des Todes in der Luft.

Doch zu den Eigenheiten des Joh. gehört es, traditionelle eschatologische Aussagen gegenwärtig zu machen: »Leben« hat der, der glaubt (3,36). Im Gericht ist bereits derjenige, der nicht glaubt (3,18). Auch die Auferstehung ist nichts Zukünftiges mehr, sondern ereignet sich hier und jetzt schon im Vertrauen auf Jesus: »Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt …« (11,25f).

Zugleich »spiegelt« sich in dieser Wundergeschichte, der letzten von sieben im Joh., die »Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater« (1,14). Sie zeigt: Hier handelt Gott, der allein Leben schenken kann. Darauf weist das Wunder hin. Die dann folgende Passion Jesu kommt so schon in ein anderes Licht.

Gleichzeitig wird in der Auferweckung des Lazarus, des Freundes Jesu, deutlich: Gott ist von Leid und Tod betroffen, er geht unsre Wege mit (»Und Jesus gingen die Augen über.«). Gottes Macht, die größer ist als die des Todes (»Lazarus, komm heraus!«) wirkt in und durch Jesus (»Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung Gottes …«). Damit sagt die Geschichte: Wir werden durch Leid und Tot hindurchgetragen – trotz des Verwesungsgeruchs.

Ermutigt uns das? Ist das wie »frische Luft« für uns? – Warum z.B. diese merkwürdige Verzögerung der Hilfe? Wird Lazarus hier als »Demonstrationsobjekt« von Gottes Macht missbraucht oder spiegelt sich in ihm unsere Erfahrung der Todverfallenheit wieder, der hier bereits widersprochen wird? Will Jesus – bzw. Joh. – hier ganz bewusst keine Krankenheilung sondern eine »Totenerweckung«, um Gottes Möglichkeit zu verdeutlichen, die gegen alle Erfahrung steht? Und spiegelt Martas Antwort (»Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist«) auch unsere Antwort angesichts von Not, Leid und Tod wider? Oder ist uns Maria näher, die weinend vor Jesus niederfällt? Und was steckt in dieser Geste? – Oder ist für uns schon »frische Luft« da, wo die Mittrauernden angesichts des weinenden Jesus sagen: »Sieh, wie er ihn geliebt hat«?

Jesus lässt sich jedenfalls nicht vom Geruch des Todes abschrecken. Sein erneuter Zorn (V. 33+38) richtet sich gegen das, was Leben vernichtet. In seinen Tränen und seinem Grimm stecken für mich Gottes Liebe zum Leben. Trauer und Wut – Jesu Gebet – werden nicht übersehen: »Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast …«.

Die andauernde Verbundenheit Jesu mit Gott wird hier – noch vor dem Wunderzeichen – betont. Der »Duft des Lebens« ist schon im Raum – trotz allem Tod. Und im Befehl: »Lazarus, komm heraus!« und der Aufforderung an die Umstehenden: »Löst die Binden und lasst ihn gehen!« wird der befreiende Atem des Lebens deutlich.

Wonach »riecht« es bei uns? – Leben wir etwa – wie Lazarus – auch in »Todeshöhlen« und sind gebunden in Leichenbinden, weil wir nicht mehr hoffen und nicht mehr vertrauen, dass Gott hier und jetzt schon mit und durch uns über Unrecht weint und gegen Unterdrückung ergrimmt? – Gut ist es, wenn es uns »stinkt«. Gut ist es, wenn wir wie die Schwestern des Lazarus aktiv werden – angesichts von Not und Tod. Und wie wichtig ist es in unseren Ohnmachtserfahrungen darauf zu vertrauen: »Und der Logos (das Wort) wurde Fleisch und nahm Wohnung unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit als des Einziggeborenen des Vaters, voller Gnade und Wahrheit«. Mögen wir dadurch auch »Lazarus« heißen: »Gott hat geholfen«. Dann riecht es bei uns nach Hoffnung, Zuversicht und Mut.


(Anmerkung: Anregungen zu diesen Gedanken habe ich besonders in einem Vortrag von Dr. Dorit Felsch gefunden, veröffentlicht unter: https://akd-ekbo.de/wp-content/uploads/Vortrag_Dr._Dorit_Felsch_zu_Joh_11.pdf)


Michael Pfeiffer

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2019

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