29. September 2019, 1. Petrus 5,5b-11
15. Sonntag nach Trinitatis

Von: Thomas Damm
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Demut statt Demütigung

Die Situation

Der Briefeingang (1,1) legt nahe, dass 1. Petr. in der Fremde entsteht, um das Volk Gottes in der Fremde zu trösten. Er wendet sich an heidenchristliche Gemeinden in der Diaspora, die Paulus mit seiner Mission nicht erreicht hat.


Die Perikope

Sie ist der zweite Teil des »Pastoralstücks« am Ende des Briefes. Zunächst wendet sich der Autor an die Ältesten, die Gemeindeleitung (5,1-5). Mit Beginn der Perikope (5,5b-11), ja noch mit dem Halbvers davor (5a), nimmt er die Neubekehrten in den Fokus. Er spricht sie an mit folgenden paränetischen Themen: demütig sein gegenüber Gott (5-6), die Sorgen an Gott abgeben (7), wachsam sein gegenüber dem Versucher (8-9). Im Anschluss folgt der Zuspruch: Nach kurzem Leiden wird Gott (die Empfänger) aufrichten und stärken (10). Abschließend folgt ein Lob Gottes (11).


Aktualisierungen

Im Folgenden werde ich versuchen, von den drei Themen der Paränese »Demut«, »Sorgen« und »Wachsamkeit« speziell die Haltung der Demut für die Predigt fruchtbar zu machen. Denn m.E. wurzeln einige triefgreifende politische, gesellschaftliche und ökologische Krisen in einer narzisstischen Grundhaltung, der durchaus mit einer Neubesinnung auf eine – recht verstandene – demütige Einstellung begegnet werden kann.


Begriffsbestimmung

1. Petr. verwendet, wie zumeist im NT, den Begriff ταπεινοϕροσύνη, der im Lateinischen durch »humilitas« wiedergegeben wird. Biblisch wird das Verhältnis »Herr – Knecht« und »Schöpfer – Geschöpf« mitgedacht. Das ist auch in der Etymologie des deutschen Begriffes »Demut« nicht anders: Er entstammt dem althochdeutschen »diomuoti«: dienstwillig (vgl. Art. Wikipedia).

Spannende Hinweise für ein theologisches Verständnis des Demutbegriffs finden wir in der Dialektik der christlichen Mystik. Meister Eckhart schreibt: »Das sicherste Fundament, auf dem diese Vollkommenheit sich zu erheben vermag, das ist die Demut; denn wessen Natur hier in der tiefsten Niedrigkeit kriecht, dessen Geist fliegt auf zur höchsten Höhe der Gottheit.« (Von der Abgeschiedenheit, Traktat 9). Ein starker, selbstbewusster Glaube lebt aus der Erkenntnis, dass er alles aus Gottes Hand empfängt und ohne ihn nichts wäre. Der springende theologische Punkt ist hier, dass die demütige Glaubenshaltung nicht in ein niedergedrücktes Selbstbewusstsein, sondern in ein erfüllendes Gottesbewusstsein führen und für den »Gottesdienst in der Welt« stark machen kann.


Predigtziel

Hörende unter der Kanzel, die mit beiden Beinen im Leben stehen und nicht in erster Linie hohe Theologie erwarten bzw. hören wollen, werden für eine einfachere Definition dankbar sein: Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt. Wichtig ist aber m.E. auch, auf negative Erfahrungen und Haltungen einzugehen, die noch vor ein bis zwei Generationen zum Repertoire (christlicher) Erziehung gehörten. Denn entgegen manchen Formen des religiösen Lebens, in denen eher Demütigung als Demut im Vordergrund stand, wird in der heutigen christlichen Spiritualität Demut nicht als ein Sich-klein-Machen oder als Leugnen des eigenen Wertes gesehen. Vielmehr, und das wäre ein gutes Predigtziel, kann Demut als realistische Selbsteinschätzung des Menschen in seiner Position in der Welt umrissen werden; die Selbsteinschätzung seiner eigenen Geringheit im Vergleich mit der Größe Gottes, aber zugleich seine Würde und sein Wert als Geschöpf und Kind Gottes.


Ideen und Beispiele

Negative Gegenbilder solch einer guten demütigen Haltung, die ihre Würde und ihren Wert aus Gott empfängt, sind Beispiele von Hybris und Hochmut, Ignoranz und Selbstüberschätzung im internationalen Staatswesen und in der Führungsriege der Wirtschaft. Fruchtbarer kann es sein, die hochmütige Haltung anzugehen, die es möglich macht, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen für den vermeintlichen Selbstschutz. Ebenfalls ist es naheliegend, die (auch eigene) Konsumhaltung anzusprechen, unnötige Flugreisen, Verwendung von Plastik, Müllverhalten – und den gesellschaftlich-ökologischen Wert der Fridays-for-Future-Bewegung. Was würde eine demütige Grundhaltung – eingedenk des Auftrages zur Bewahrung der Schöpfung – von Predigthörenden und Predigenden fordern?


Thomas Damm

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2019

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