15. September 2019, Markus 3,31-35
13. Sonntag nach Trinitatis

Von: Christiane Borchers
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Familienbande

I Situation

Jesus hat mit seinen Jüngern seine Heimatstadt Nazareth erreicht. Sie sind zum Essen in ein Haus gegangen. Die Volksmenge drängt sich derartig um Jesus und seine Jünger, dass sie nicht einmal in Ruhe essen können (Mk. 3,20). Seine Familie hat gehört, dass Jesus da ist. Sie halten ihn für einen, der von Sinnen ist und wollen ihn zurückholen (Mk. 3,21). Schriftgelehrte aus Jerusalem sind angereist, um mit Jesus einen Disput zu führen. Sie werfen ihm vor, er treibe die bösen Geister mit Hilfe des Beelzebubs aus (Mk. 3,22).

Wer noch zu der Volksmenge gehört, die ihn bedrängt, wird nicht näher erläutert. Wir können aber davon ausgehen, dass es nicht nur Anhänger, sondern auch Kritiker, gar Feinde sind. Das verschärft die ablehnende Haltung gegenüber seiner Mutter und Geschwistern. Die eigene Familie gehört zu den Kritikern, sie steht räumlich und geistig »draußen«. Die unbekannte Volksmenge hingegen, von der noch nicht ausgemacht ist, ob sie den Willen Gottes tut, wird zum »Insider«. Kriterium für die Gemeinschaft mit Jesus ist, den Willen Gottes zu tun. Das bedeutet für Markus den Weg Jesu bis in die Passion und die Bereitschaft, diesen Weg mitzugehen (vgl. Melzer-Keller 1997, 70).


II Draußen vor dem Haus

»Mama, was habe ich dir gesagt, der lässt uns nicht zu sich kommen. Der ist so mit sich und seinen Dingen beschäftigt, der will uns gar nicht haben«, fühlt Salome sich bestätigt.

Maria: »Wie kann er mir das antun?! Denkt er denn gar nicht an mich?«

Esther: »Der hat immer nur an sich gedacht. Schon als er klein war, meinte er, er sei etwas Besonderes. Weißt du das nicht mehr, Mama, als du und Papa ihn im Tempel gesucht haben? Er meinte, der Tempel sei sein wahres Elternhaus.«

Maria: »Er ist auch etwas Besonderes. Es war schon bewegend, als Papa und ich ihn als kleines Baby in den Tempel brachten, da war er gerade 7 Tage alt. Eine alte Frau und ein alter Mann sagten, er sei der Erlöser.«

Lea: »Das ist genau das Problem. Er wird sich und uns große Schwierigkeiten machen, wenn er weiterhin so redet und meint, er muss den Leuten vom Himmelreich erzählen.«

Jakobus: »Erlöser, Himmelreich, hin oder her. Der soll seinen Pflichten nachkommen. Er ist der Älteste. Papa ist nicht mehr der Jüngste, es wird Zeit, dass Jesus endlich sein Handwerk lernt, damit er den Betrieb übernehmen kann. So wird das nichts, wenn er auf Wanderschaft ist und sich mit Reden schön tut.«

Joses: »Ich habe lange zu ihm gehalten, er ist mein großer Bruder. Er hat mich beschützt, wenn andere größere Jungen mich verprügeln wollten. Aber das geht mir wirklich zu weit.«

Salome: »Er ist bei fremden Leuten eingekehrt, warum kommt er denn nicht zu uns, wir sind doch seine Familie. Ich glaube, der hat gar nicht die Absicht, uns zu besuchen. Der geht aus Nazareth wieder weg, ohne dass er sich bei uns meldet.«

Esther: »Das ist schon ein starkes Stück. Er ist undankbar für das, was du und Papa alles für ihn getan habt.«

Maria: »Ja, das ist wohl wahr, aber er bleibt mein Sohn. Ich habe ihn doch so lieb.«

Joses: »Fast lieber als uns?«

Maria: »Aber nein, euch habe ich genauso lieb.«

Mutter und Geschwister sitzen unschlüssig draußen vor dem Haus. Was sollen sie machen? Warten, bis er herauskommt, sodass sie doch noch eine Gelegenheit finden, ihn zu sprechen und zu überzeugen?

Lea: »Mama, lass uns weggehen, es hat keinen Zweck. Der will uns nicht sehen.«

Mama: »Ich habe solche Sehnsucht nach ihm. Warum lehnt er uns ab? Ich habe ihn doch geboren und großgezogen.«

Salome: »Der hat sich eine andere Familie gesucht. Ob er da glücklicher wird als bei uns?«

Lea: »Die Sache geht nicht gut aus. Das spüre ich.«

Alle, seine Mutter, seine Schwestern Salome, Esther und Lea, seine Brüder Jakobus und Joses machen sich resigniert auf den Heimweg.


III Nachbemerkung

Die Szene ließe sich weiter entwickeln. Es könnte ein Szenenwechsel stattfinden: Was passiert im Haus? Wie verhalten sich die Leute, wie reagieren sie auf die Aussage Jesu: Wer den Willen Gottes tut, ist meine Mutter, meine Schwester und mein Bruder? Wollen sie seine neue Familie sein?

Die Namen der Schwestern habe ich selbst gewählt, da sie nicht überliefert sind, die Namen der Brüder habe ich aus Mk. 6,3.


Literatur

Melzer-Keller, H. (1997). Jesus und die Frauen. Eine Verhältnisbestimmung nach den synoptischen Überlieferungen (Herders biblische Studien, Bd. 14). Freiburg im Breisgau: Herder


Lieder

EG 670 (Ev.-ref. Ausgabe) »Hört, wen Jesus glücklich preist«

EG 358 »Es kennt der Herr die Seinen«


Christiane Borchers

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2019

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