1. September 2019, Hiob 23
11. Sonntag nach Trinitatis

Von: Ursula Ziehfuß
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Hiob – eine spirituelle Erfahrung

»Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht fühle. Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.« (Zvi Kolitz)


Juden kennen keine Theodizee

Im harten Ringen kommen sie sich näher: Gott und Hiob. Insofern ist die Hiobsgeschichte nicht in erster Linie eine Geschichte der Lehre, sondern eine Beziehungsgeschichte. Es lohnt sich, sich mit der jüdischen Hiob-Tradition auseinanderzusetzen. Juden kennen keine Theodizee. Gott ist kein Gegenstand der Diskussion, sondern Partner des Dialogs, der das Menschenleben in Leid und Freude ist. »Der Gott Hiobs ist kein Gott der Philosophen, sondern die dunkle Urmächtigkeit, die wir spüren, ohne sie erklären oder intellektuell reflektieren zu können« wie die klugen Reden der Freunde Hiobs, die meinen, das Mysterium aufhellen zu können« (Schalom Ben-Chorin in: »Die Tränen des Hiobs«, Innsbruck – Wien 1994).


Der Fall Hiob

Ich halte es für sinnvoll, der Predigt einen narrativen Anfang und Schluss zu geben, da sonst der Predigttext zu sehr aus dem Zusammenhang gerissen wird.

Einleitung: Ausgehend von der (letzten) Rede Zofars kann eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse erzählt werden: Was Hiob an Leid erfahren musste. Das Schweigen und das Reden seiner Freunde über Gott.

Predigt: Mit J. Ebach (30) gehe ich für Kap. 23 und 24 von einer Hiobrede aus. Gegen Elifas und gegen alle bisherigen Reden seiner Freunde hält Hiob an seiner Klage und an seinem Protest fest. Hiobs Stöhnen ist so schwer, dass er es mit »seiner« Hand (Buber) bedecken muss. Sein größter Wunsch ist nicht die Veränderung seiner Lage, sondern der Wunsch vor Gottes Thron zu kommen, weil für ihn dies auch der Ort von Recht und Gerechtigkeit ist. Hiob will nicht als reuiger Sünder dastehen – wie es seine Freunde gerne gehabt hätten –, sondern als jemand, der vor Gott seinen Fall »zurechtstellen« will. Das erweckt den Eindruck, dass Hiobs Position sich durch die Reden seiner Freunde verfestigt hat. Er malt sich aus, wie er Gott seinen Fall schildern würde und dass dieser ihm Recht geben würde. »Gold-richtig« (V. 10) käme er vor Gott zu stehen. Doch in V. 13 erkennt Hiob Gottes Souveränität an: Gott bleibt Gott, und Hiob bleibt Mensch! Diese Einsicht führt Hiob aber nicht zu mehr Zuversicht, sondern zu weiteren Fragen und zum Widerspruch. »Garantiert Gott für die Freunde die Stimmigkeit der Welt, so ist er für Hiob der, der sie herstellen soll.« (Ebach, 39).

Schluss: Auf eine Antwort Gottes muss Hiob aber noch warten. Am Ende wird er eine Antwort erhalten, doch anders als erwartet: nicht vor einem fernen Thron, sondern »aus dem Wettersturm«: (Zusammenfassung von Kap. 38-40) Hiob gibt am Ende zu, dass er Gott nur vom Hörensagen gekannt hat – so wie wir alle. Aber er macht in dieser »Schutt und Asche-Situation« eine unmittelbare Gotteserfahrung. Noch einmal Ebach: »Am Ende des Hiobbuches ist nicht davon die Rede, dass die richtige Lehre sich durchsetzt, sondern davon, dass einer nach langen Leiden wieder leben konnte.« (168).


Veränderte Gottesbeziehung

Die veränderte Gottesbeziehung Hiobs zeigt sich auch daran, dass Gott, den Hiob zuvor nur mit den kanaanäischen Gottesnamen El und Schaddai nannte, dann, als er selber auftritt mit seinem persönlichen Zusage-Namen aus Ex. 3,14 anspricht. Parallel zur Gottesbeziehung, verändern sich bei Hiob auch die menschlichen Beziehungen. Interessant ist, dass von drei der Kinder, gerade von den Töchtern, die Namen dastehen. Hiob beginnt in Beziehungen einzutreten: seine Welt hat sich in dem Maß verändert wie sich Gott für ihn verändert hat.

Hiob, das ist auch eine spirituelle Erfahrung – so wie sie Meister Eckhart beschreibt: »Dass ein Mensch ein ruhiges und nachdenkliches Leben in Gott hat, das ist gut; dass der Mensch ein mühevolles Leben mit Gott erträgt ist besser; aber dass man Ruhe habe mitten im mühevollen Leben, das ist das allerbeste …« (zit. nach Jörg Zink, Gotteswahrnehmung, Gütersloh 2009, 351).


Literatur

Jürgen Ebach, Streiten mit Gott, Hiob, Teil 2, Neukirchen-Vluyn, 1996
Georg Fohrer, Das Buch Hiob, Gütersloh 1998
Die Schrift (Buber-Rosenzweig), Verlag: Deutsche Bibelgesellschaft 1992


Ursula Ziehfuß

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2019

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