11. August 2019, Jesaja 2,1-5
8. Sonntag nach Trinitatis

Von: Titus Reinmuth
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Den Krieg nicht mehr lernen

Ein Aufnäher entfaltet subversive Kraft

Irgendwann war der runde Sticker, aufgenäht auf der Jeansjacke, nur noch weiß. Trotzdem wussten alle, was gemeint war. Denn zuvor war auf den Stickern der DDR-Friedensbewegung das Bild einer weltberühmten Skulptur abgedruckt: ein starker Heros, der mit einem gewaltigen Hammer ein Schwert zu einem Pfug umschmiedet. 1959 von der Sowjetunion gestiftet, wurde die Skulptur im Garten des UNO-Hauptgebäudes in New York aufgestellt. Besagter Aufnäher führte anfangs auch den Schriftzug »Schwerter zu Pflugscharen« und den Hinweis auf Micha 4. Wer ihn trug, musste mit Repressalien rechnen. Aber was soll man gegen jemanden vorbringen, der nur einen runden, weißen Sticker trägt? Eben.

Die biblische Vision aus Jes. 2/Mi. 4 entfaltete so eine subversive Kraft. Schon 1981 übernahmen viele Gruppen der westdeutschen Friedensbewegung das Symbol. Der Erfurter Probst Heino Falcke sprach im Bonner Hofgarten auf der bis dahin größten Demonstration gegen die atomare Aufrüstung. »Schwerter zu Pflugscharen« schaffte eine Verbindung zwischen der Friedensbewegung in Ost und West, zwischen den Blöcken, zwischen den Völkern.


Uralte Sehnsucht nach Ruhe und Frieden

Ob das Original, die biblische Vision, in biblischen Zeiten auch eine solche Wirkung entfaltet hat? Etwa 722, nach dem Fall des Nordreichs, nach den Erfahrungen von Krieg und Flucht? Oder im 6. Jh. nach dem babylonischen Exil und vor dem Wiederaufbau des Tempels? Menschen unterschiedlicher Herkunft aus verschiedenen Völkern bildeten seit Jahrzehnten die Bevölkerung in Juda. Die ehemals führenden Kreise kehren aus Babylon zurück und suchen ihren Platz. Die Perser gewähren Religionsfreiheit und erkennen die lokalen Gesetze an. Eine Wende zum Besseren liegt in der Luft. Die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden ist groß.

Untrennbar verbunden mit der Vision vom Völkerfrieden ist die Vorstellung, dass vom Zion Weisung ausgeht. Es gibt etwas zu lernen: Die Völker werden das Wort Gottes hören und auf seinen Wegen wandeln. Und so werden sie nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Es kommt eine Zeit, im Grunde hat sie schon begonnen, da wird diese Vision wahr, da ist sich der Prophet sicher.


Herausgeputzte Uniformen

Bis dahin verschickt die Bundeswehr in Deutschland Postkarten an alle Jugendlichen, die 17 Jahre alt werden. Adressiert an unsere Tochter war sie vor Kurzem im Briefkasten: »Du in Uniform? Bei der Bundeswehr? Warum eigentlich nicht? Wenn Du wissen willst, wie sich das anfühlt und welche Möglichkeiten sich Dir bieten, dann informiere Dich unter …« So wirbt die Armee dafür, den Krieg zu lernen. Es gibt sogar limitierte Plätze bei einer exklusiven VIP-Führung am Tag der Bundeswehr. Der findet wohl nicht in Afghanistan, Mali oder im Kosovo statt. Und wenn die Jugendlichen kommen, werden die Uniformen herausgeputzt sein und nicht blutverschmiert.


Christliche Friedenshoffnung

Manche mögen das alles für richtig und notwendig halten. Die christliche Friedenshoffnung weist in eine andere Richtung. Den Krieg nicht zu lernen bleibt für Christinnen und Christen das deutlichere Zeichen. »Wehrkraftzersetzung« war übrigens der Vorwurf der DDR-Oberen an die Jugendlichen, die sich den Sticker »Schwerter zu Pflugscharen« auf ihre Jacke nähten.

Dass die Saat von Jesaja und Micha gelegentlich aufgeht, durften wir in der jüngeren deutschen Geschichte erleben. Als die Friedensgebete 1989 in der Leipziger Nikolaikirche anwuchsen, stand dort längst ein großer Aufsteller mit dem bekannten Symbol der Friedensbewegung. Mit dem Ruf »keine Gewalt« zogen Tausende auf die Straßen, mit Kerzen und Gebeten brachten sie ein ganzes Regime friedlich zum Einsturz. Eine Arbeitsgruppe des Runden Tisches übernahm das Symbol »Schwerter zu Pflugscharen« in ihren Entwurf für eine neue Verfassung. Laut Art. 43 sollte es das Staatswappen der DDR werden. Eine Wende zum Besseren lag in der Luft. Die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden war groß.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Gott ist kein übermächtiger Marionettenspieler
Anders von Gottes Allmacht reden
Artikel lesen
Der aktuelle Einspruch dialektischer Theologie
Anmerkungen zum Karl-Barth-Jahr 2019
Artikel lesen
15. Sonntag nach Trinitatis
29. September 2019, 1. Petrus 5,5b-11
Artikel lesen
Wie kommt Gott ins Gehirn?
Überlegungen zu einer neuronalen Theologie
Artikel lesen
12. Sonntag nach Trinitatis
8. September 2019, Apostelgesch. 3,1-10
Artikel lesen
Allmacht und Anfechtung
Eine Auseinandersetzung mit Jutta Koslowski
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!