19. Mai 2019, Apostelgeschichte 16,23-34
Kantate

Von: Matthias Freudenberg
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Nacht der offenen Tür

Mission impossible?

Wie im Film rauschen die Szenen vorüber – verdichtete Lebenserfahrungen von bedrückender Enge (V. 23f), widerständigem Gotteslob (V. 25), überwältigender Befreiung (V. 26) und neuen Glaubens- und Lebensperspektiven (V. 28-34). Das Evangelium dringt nach Europa vor, aber seine Boten Paulus und Silas treffen auf die Brutalität der Staatsmacht und landen im Gefängnis. Auf den ersten Blick keine Erfolgsgeschichte, sondern eine Niederlage. Das Evangelium eckt an und ruft Opposition hervor. Seine Botschaft vom Leben mit Gott beunruhigt und provoziert Widerspruch. Mission impossible?


Geschmack der Freiheit

Worin besteht das Wunder jener Nacht der offenen Tür? In einem Erdbeben –gewöhnlich ein Anlass zum Fürchten –, das die Ketten sprengt und die Gefängnistüren aufspringen lässt? Dass der Wärter samt Familie zum Glauben kommt? Alles ist wunderbar und befreiend zugleich. Es ereignen sich mindestens drei existenzielle Befreiungsgeschichten, in denen sich Gott zu erkennen gibt und Möglichkeiten schenkt, das Leben zu erneuern:

Die evangelische Botschaft lautet erstens, dass Gott Menschen in existenzieller Not neue Lebensräume und Zukunftsmöglichkeiten eröffnet. Zum Beispiel: Junge entdecken die Buntheit des Lebens und Betagte spüren nicht nur die Last, sondern auch die Würde des Alterns. Ketten der Angst fallen ab, Tore zu neuen Entdeckungen mit Gott, mit sich selbst und mit anderen öffnen sich. »Ein frei gewordener Mensch (…) will seine neue Welt-Sicht auch realisieren. (…) Ein freier Mensch ist so frei, etwas anzufangen mit sich und mit seiner Welt.« (Jüngel, Anfänger, Stuttgart 2003, 16f).

Eine zweite Befreiung: Paulus bringt den Wärter vom Suizid ab und hält ihn im Leben. Jemand wird zum Erst- und Lebensretter. Menschen verhelfen anderen dazu, dem eigenen Leben kein unwiderrufliches Ende zu setzen, sondern am Leben festzuhalten.

Drittens stellt die Geschichte einen Namen in den Mittelpunkt – Jesus Christus (V. 31). Auf die Frage nach dem Weg zum Heil antworten die Apostel mit dem Namen, der über alle Namen ist (Phil. 2,9). Menschen geben sich ihm hin und machen die beglückende Erfahrung, ihrer Wege fröhlich zu ziehen. Ihr Glaube macht sie selig und bringt sie in Einklang mit Gott und der Welt.


Befreites Singen

Kantate! Beten, singen, Gott loben, Getauftwerden, Freude und ein gedeckter Tisch: Im Umkreis der Erfahrungen von Gefangensein und Befreitwerden entsteht – dank der eingeübten jüdischen Psalm- und Gebetspraxis – geistliches Leben. Es ist vom Wechselgespräch zwischen Gott und Mensch durchzogen und ermöglicht selbst an den unmöglichsten Orten Gottesdienst. Nicht einmal das Gefängnis macht stumm, sondern ruft ein gesungenes Gebet auf dem Tiefpunkt der Existenz wach, mitten in Todesangst und unter menschenunwürdigen Bedingungen. Ähnliches ist über Paul Schneider (1897-1939) überliefert, der im Lager Buchenwald aus seiner Zelle heraus die Mitgefangenen ermutigt, für sie gebetet und sie zum Gebet angestiftet hat – als Antwort auf die höhnische Frage der Aufseher: »Wo ist nun dein Gott?«

Das Evangelium entfaltet seine befreiende Kraft in Situationen, in denen niemand damit rechnet. Nicht nur Lebensfreude (»Ich sing dir mein Lied«, EG 19 E) inspiriert zum Singen, sondern Gott kann auch in der Tiefe angesungen werden (»Aus der Tiefe rufe ich zu dir«, EG 655 RWL). Singen ist der Herzschlag der Kirche. Es berührt das Innerste, entfaltet in ihm seine Kraft und trägt selbst dann, wenn die Melodie im jugendlichen Stimmbruch, mit trauriger gebrochener Stimme oder dem rauen Sound des Alters erklingt. Im Singen erkennen Menschen Jesus Christus als ihren Grund und Herrn über Leben und Tod an. Sie erfahren, dass sie durch ihn gehalten sind, wenn sie ihn singend anrufen oder andere es für sie tun. Die Befreiungsgeschichte mündet in ein Fest ein, das wie ein Doppelpunkt über den zum Glauben Gekommenen steht: Frei sind, die ihr Leben in der Gemeinschaft mit Jesus Christus führen. Bei ihnen und durch sie ereignet sich Kirche der Freiheit.


Matthias Freudenberg

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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