12. Mai 2019, Sprüche 8,22-36
Jubilate

Von: Gerhard Maier
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Von der (neuen) Schöpfung reden und singen

Vor der Revision der seit diesem Kirchenjahr in der EKD geltenden Perikopenordnung stand dieser Abschnitt wie so viele andere atl. Texte eher im Abseits. Denn er gehörte zu den gar nicht oder allenfalls selten gepredigten Marginaltexten. Dies ändert sich nun. Darüber kann man nur froh sein, auch über seine Platzierung: nach Ostern und zwischen Frühling und Sommer. Deshalb die Überschrift.


Frau Weisheit redet von sich

Der Hauptteil der Perikope (V. 22-31) besteht aus einer Präzisierung von Spr. 3,19, ja noch mehr: die von V. 1-20 der Welt und den Menschen zugewandte Frau Weisheit redet jetzt von sich selber und ihrer einzigartigen Stellung zwischen Gott, dem Schöpfer und allem Geschaffenen. »Sie ist, von der Schöpfung her gesehen näher an Jahwe zu rücken, von Jahwe her gesehen verbleibt ihr eine stärkere Affinität zur Schöpfung.«1 Ein großartiger Entwurf eines Weisheitsgedichtes. Viel mehr als andere altorientalische Weisheitsgedichte, weil es erstens Teil der Hebräischen Bibel wurde und zweitens, weil es mannigfache Bezüge zum NT aufweist (am deutlichsten zum Prolog des Joh.; vgl. zusammenfassend TRE 35,512f). Darüber hinaus trug drittens diese Passage zur altkirchlichen Christologie und Gotteslehre bei.


Evangelisation und Paränese in einem

An die neue Schöpfung erinnert der Wochenspruch: »Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.« (2. Kor. 5,17) Da das Gewordensein der Neuschöpfung jedoch kein abgeschlossener Prozess, sondern noch im Gange2 ist, gewinnt »die Abschlußmahnung der Weisheit« (Plöger, 96) in den V. 32-36 – so wie die Ethik allgemein – hohe Relevanz. Diese Schlussverse bringen »eindrückliche Bilder für diejenign, die sie [die Weisheit] missachten oder sich sogar an ihr versündigen. Die nämlich tun ihrer Seele ›Gewalt‹ an (V. 36).« (Schüle, 245) Also Evangelisation und Paränese in einem.


Gottesdienstgestaltung

Teil des Gottesdienstes könnte eine Taufe sein, die Taufansprache sich auf die kreatürliche Dimension der Schöpfung (1. Artikel) und auf die neue Schöpfung in und durch Jesus Christus (2. Artikel) beziehen. – Gottesdienst und Predigt sollten insgesamt in der Klammer der Weisheit stehen. In der Eröffnungsphase könnte EG 181.6 (laudate omnes gentes) gesungen werden, nach Ps i.W. 104 (EG 742) aus »Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder plus« 87 (»Wiesen und Berge, die Wälder und Seen«), vor der Predigt EG 196,1f (»Herr, für dein Wort«), danach EG 390,1-3 (»Erneure mich«) und vor dem Segen »Wo wir dich loben wachsen neue Lieder plus« 41 (»Geh mit uns«).


Anmerkungen:

1 Otto Plöger: Sprüche Salomos. Proverbia (BK XVII, Neukirchen-Vluyn 1984, 93); exegetisch und zum Gottesdienstganzen s. bes. die Meditation von A. Schüle, in: Alexander Deeg/Andreas Schüle: Die neuen alttestamentlichen Perikopen. Exegetische und homiletisch-liturgische Zugänge, Leipzig 2018, 243-248.

2 Vgl. das bekannte Lutherwort vom christlichen Sein als einem Sein im Werden (vgl. WA 7,336, abgedruckt im EG (Württ.), S. 424).


Gerhard Maier

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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