21. April 2019, 1. Thessalonicher 4,13-18
Osternacht

Von: Dörte Kraft
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Auswirkung der Auferstehung heute

Die Nacht der Nächte

Osterfeuer unter noch dunklem Himmel, dunkle Kirche, das sich von der Osterkerze aus verbreitende Licht, der mit den Lesungen geschlagene große Bogen der Heilsgeschichte und endlich das Osterevangelium. Je intensiver die Passionszeit und die Karwoche ge- und erlebt werden konnten, desto tiefer wird in dieser ausklingenden Nacht die Erlösung in der Auferstehung gespürt, desto ehrlicher ist der Jubel des Christ ist erstanden (EG 99). Bei aller Fülle der Inhalte – die Osternacht ist auch ein tief emotionales Erleben und dem darf die Predigt entsprechen.

Text ist der neu in die Perikopenordnung gekommene Abschnitt aus dem 1. Thess. Hier ringt die noch sehr junge Gemeinde mit der Frage nach dem Verhältnis von Heil und irdischem Tod. In die fraglose Ganz-nah-Erwartung ist offenbar der Tod gebrochen und hat der Zuversicht der Gläubigen einen tiefen Riss zugefügt. So lässt es der Rahmen der Perikope (V. 13 und 18) erkennen.


Kann es sein, dass der Tod das Heil ­bedroht?

Nein, sagt Paulus, das kann nicht sein. Wie auch immer man den grammatikalischen Bruch in V. 14 erklärt1, die Argumentationslinie ist klar: Jesus ist gestorben und auferstanden – das ist unser Glaube – und ebenso (d.h. wie Gott Jesus auferweckt hat) wird er, Gott, die Verstorbenen durch Jesus in die Gemeinschaft mit sich führen. Mit einem (bislang?) nicht identifizierbaren »Herrenwort« versichert Paulus in V. 15 den besorgten Thessalonichern, dass die bei der bevorstehenden Parusie noch Lebenden den Verstorbenen nichts voraus haben werden. Gott selbst wird für Gleichzeitigkeit sorgen. Wie das aussehen wird, ist Inhalt der V. 16f. So ist also die Auferstehung Jesu Christi die Grundlage für die Zuversicht im Blick auf die Verstorbenen – und die Zukunft der noch Lebenden.


Herausgerissen

In der ostkirchlichen Ikonographie wird unter dem Begriff »Auferstehung« weder das leere Grab, noch tatsächlich das Auferstehen Jesu Christi dargestellt, sondern dessen Konsequenz. Die Auferstehung Jesu ist mehr als sein individuelles Schicksal; sie ist die Voraussetzung für das Hinüberreichen des Heils über den irdischen Tod hinaus. Dargestellt wird auf den Ikonen Christus, wie er auf den aus den Angeln gehobenen Pforten der Hölle steht und sich herabbeugt, um Adam und Eva aus dem Totenreich herauszuziehen2.

Das ist es, was Paulus den Thessalonichern vor Augen malt: Jesus Christus selbst wird Lebende wie Tote herausreißen und sie zur Gemeinschaft mit Gott führen.


Gottesgemeinschaft in drei Buchstaben

Knapp 2000 Jahre nach der Abfassung dieses Briefes wird kaum jemand in der Osternacht sitzen, der fest mit der Wiederkunft Christi zu seinen/ihren Lebzeiten rechnet. Auch Paulus hat es erfahren und bedacht, was die Parusieverzögerung für den Glauben bedeutet. Folgen wir ihm, finden wir die Botschaft für heute.

Ansetzen können wir mit 1. Thess. 5,10: er ist für uns gestorben, damit wir mit ihm leben – hier und jetzt. Über Gal. 2,20 und das 6. und 8. Kapitel des Röm. entfaltet Paulus den Glauben an die Gegenwärtigkeit des gekreuzigten und auferstandenen Jesus im Leben des Gläubigen. Er ruft zur Lebensgestaltung, die diesem Herrn entspricht. Und er spricht dem Gläubigen die Gemeinschaft mit Gott zu, die nichts und niemand – nicht einmal der Tod – jemals in Frage stellen kann. Die Auswirkung der Auferstehung wird im Heute gelebt und mitgenommen über die Todesgrenze hinaus.

In drei kleinen Buchstaben – syn/mit – liegt das Heilsversprechen der unzerstörbaren und unverlierbaren Gemeinschaft mit Gott (4,14.17; 5,10), das in dem wurzelt, was die Osternacht bedenkt und preisend feiert: die Auferstehung Jesu Christi.

Marie Luise Kaschnitz3 umschreibt in einem Gedicht das Auferstandensein im so normalen Hier und Jetzt:

Auferstehung
Manchmal stehen wir auf
Stehen zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns,
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Dörte Kraft



Anmerkungen:

1 Vgl. T. Holtz in: EKK, 1. Thess, 1986, 182ff.

2 Beispielhaft auf www.ikonen-museum.com die Ikone des Monats März 2016.

3 Zit. n.: Seid nicht so sicher. Geschichten, Gedichte, Gedanken. Gütersloh 1979, 73f.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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