18. April 2019, 1. Korinther 11,17-29.33-34a
Gründonnerstag

Von: Markus Eisele
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»Wartet aufeinander!«

Freundschafts- und Abschiedsmahl

Wer in der Gemeinde erkennbar einen großen liturgischen Bogen aus der Fastenzeit über Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag bis Ostern spannt, wird darauf verzichten können, zu jedem Feiertag eine ausführliche Predigt zu halten und stattdessen der Kraft der Liturgie und der biblischen Worte vertrauen. So bietet gerade der Gründonnerstag in seiner doppelten Ausrichtung als Freundschafts- und Abschiedsmahl die Chance, beide Aspekte, den geselligen und den tieftraurigen, auch ohne Kanzelrede zu betonen.

Wir haben in unserer Gemeinde stets einen ausgeprägt langen Teil des Essens und Gesprächs mit den Tischnachbarn an den langen extra dazu aufgestellten Tischen in der Kirche vorgesehen. Das Gesprächsthema war so ausgesucht, das man darüber auch generationsübergreifend sprechen konnte. Einmal haben wir in der Art des Speed-Datings die Plätze gewechselt (die eine Tischseite rückt einen Platz nach rechts, die andere Tischseite einen Platz nach links). Die Resonanz war überwältigend. Menschen, die sich im Ort oft begegnet sind, aber noch nie gesprochen haben, haben sich intensiv ausgetauscht. Dabei entstand eine dichte Atmosphäre, die eine starke Brücke zum folgenden Karfreitag bildete.

Was dieses Mal Thema sein könnte, gibt die Perikope zum Gründonnerstag vor. »Wartet aufeinander!« fordert Paulus kurz und prägnant von der Gemeinde in Korinth und erinnert an die Einsetzung des Abendmahls durch Jesus.


Warten können

Warten aber nervt. Jedenfalls die meisten. Im Stau, im Supermarkt, auf den Zug. Eine Fachstudie belegt, dass mehr als die Hälfte der Deutschen Zwangspausen ärgern. In anderen Ländern ist Warten dagegen eine soziale Tugend und Kulturtechnik. »Wir warten, weil wir müssen«, so der Konstanzer Soziologe Göttlich. In der westlichen Welt sei der Ausspruch Benjamin Franklins »Zeit ist Geld« im Privaten angekommen: Warten bedeute Ressourcen verschwenden.

Der bekannte Marshmallow-Test zeigte, wie sehr sich schon vierjährige Kinder im Warten-Können unterscheiden: In Kamerun konnten zwei Drittel zehn Minuten lang die begehrte Süßigkeit ignorieren, dagegen schaffte dies nicht einmal ein Drittel der deutschen Kinder. Deutsche Eltern erwarteten von ihren Kindern, dass sie als Individuum selbstständige Entscheidungen treffen. Impulskontrolle und geduldig zu sein, gehöre nicht zu den Top-Erziehungszielen. Dagegen hatte der Schriftsteller Leo Tolstoi über die Kulturtechnik des Wartens gesagt: »Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.«


Gastmahl der Begegnung

Können wir in der Gemeinde aufeinander warten? Was würde das für den Gründonnerstag bedeuten? Man könnte sich klarmachen, wer alles in der Tischgemeinschaft fehlt. Sind Agnostiker und Atheisten dabei, Menschen mit Behinderungen oder auch einfach die, die den Bezug zum »normalen« Gottesdienst verloren haben? Lohnt sich das Warten auf sie? Fühlen sie sich eingeladen? Was tragen wir dazu bei, dass sie auch wirklich dazu kommen können? Wie schaffen wir eine barrierefreie Umgebung? Und das meint nicht nur ebenerdige Zugänge für Rollatoren.

Es gibt viele Gründe, warum unsere Tischgemeinschaft am Gründonnerstag zu oft eine Binnenveranstaltung bleibt – wenig beeinflussbare gesellschaftliche Trends, aber auch beeinflussbare hausgemachte Rahmenbedingungen. Zu oft münden Gespräche darüber in ein Lamento. Das Gegenteil wäre schön. Kein Fatalismus! Sich nicht verdrießen lassen! Es müssen nicht alle kommen. Aber wo wir uns mit klaren Signalen als einladende Gemeinschaft zeigen, ist Wichtiges schon geschafft. Erwarten wir doch als Freundinnen und Freunde Jesu Christi die »Anderen«, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen – ohne die implizite Erwartung, dass sie mindestens Christen, noch besser Gemeindemitglieder werden müssten. Wie großartig wäre es, wenn wir den Gründonnerstag als gesellschaftliches Ereignis feiern, als Gastmahl der Begegnung? Als Ort, wo man auf dem Hintergrund der Passionsgeschichte und des je eigenen Glaubens über die Endlichkeit und Verletzlichkeit des Lebens und der menschlichen Gemeinschaft nachdenken kann.


Abendmahlsüberlieferung

Paulus erinnert die Korinther an die Einsetzungsworte. Ich haben sie über die liturgische Bedeutung hinaus stets umfassender verstanden. Nämlich als Hinweis darauf, woher Lebensdankbarkeit rührt und wohin sie führt. Es sind diese drei Schritte, die unser Leben insgesamt gründen: 1. Annehmen, was mir gegeben ist. 2. Für das danken, was mir geschenkt ist. 3. Das Erhaltene nicht für sich alleine behalten, sondern teilen und mit offenen Händen weitergeben.

Für alle, die nicht warten können oder nicht teilen können, hat der Apostel dann noch einen pragmatischen Rat: einfach zuhause essen. Denn wer schon nicht teilen kann, sollte die Anderen wenigstens nicht auch noch beschämen. Wer aber so handelt, wird nicht erleben, dass Warten Erfüllung bedeutet und Teilen Freude.


Lieder


EG (EKHN) 614 »Schweige und höre«

EG 461 »Aller Augen warten auf Dich, Gott«

EG 147, 1-2 »Wachet auf, ruft uns die Stimme«

»Du bist das Brot, das den Hunger stillt«


Markus Eisele

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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