14. April 2019, Jesaja 50,4-9
Palmsonntag

Von: Titus Reinmuth
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Auf Gott hören und nicht zurückweichen

Verben

Manchmal lohnt es sich, nur auf die Verben zu achten: Gott gibt, weckt, öffnet (V. 4-6). Er hilft, ist nahe, spricht gerecht (V. 7-9). So handelt Gott an seinem Propheten, dem Gottesknecht. Positiver, stärker geht es kaum.

Der Prophet weiß mit den Müden zu reden und hört, wie die Lernenden hören. Bleibt bei der Sache und hält sich an Gott. Doch er wird bedrängt. Seinen Rücken und sein Gesicht bietet er denen dar, die ihn schlagen, raufen, schmähen, bespucken. Aber er fühlt sich nicht von Gott verlassen, sondern von Gott bestärkt. Also hält er durch und hält das aus, denn Gott hilft, ist nahe – und wird ihn vor allen ins Recht setzen.


Bedrängnis

In einer Zeit großer Bedrängnis, im April 1938, schrieb Jochen Klepper ein Morgenlied über Jes. 50: »Er weckt mich alle Morgen« (EG 452). Manchmal frage ich mich, wieso wir als Kirche heute nicht stärker bedrängt werden. Macht die Freiheit bequem? Haben wir verlernt, auf Gott und sein Wort zu hören und mit den Müden, den Abgehängten zu reden? Auf deren Seite müsste man uns doch finden.

Gut, wir sind ja da: Ein Hospizverein gründet eine Gruppe für trauernde Jugendliche, eine Kirchengemeinde eröffnet ein Familien-Café bei der Tafel, eine andere einen Frühstückstreff für Geflüchtete. Sind das nur Trostpflaster für eine gereizte Gesellschaft? Ein wenig Schmerzlinderung immer zur rechten Zeit? Toleriert, vielleicht sogar gewünscht von einer Gesellschaft, in der viele müde geworden sind?

Bedrängt werden wir als Christinnen und Christen immer dann, wenn Freiheit und Demokratie insgesamt bedrängt werden. Das geschieht ja schon. Auf Gottes Wort hören und nicht zurückweichen, das kann sehr plötzlich gefordert sein.


Erst mal innehalten

Gott weckt mich alle Morgen. Er weckt mir das Ohr, dass ich zuerst auf ihn höre. Ist das so? Spüre ich das? Jes. 50 hat neben der widerständigen auch diese spirituelle Seite. Deshalb ein Vorschlag für jeden Morgen: nicht aufstehen, duschen, e-mails checken, Sachen packen, sondern erst mal innehalten. Vielleicht vor dem offenen Fenster oder vor einer Kerze. Und dann etwas sagen wie: »Danke, Gott, dieser Tag kommt von dir. Meine Kraft kommt von dir. Meine Aufgabe kommt von dir. Meine Freude kommt von dir. Du hast mich geweckt, du bist mir nah. Ich danke dir.«

Das macht einen Unterschied. Ob man gedankenlos und mehr oder weniger für sich alleine in den Tag geht oder sich für einen Moment klar macht: Da gibt es eine stärkende Kraft. Gott geht mit mir durch diesen Tag. Er weckt mich alle Morgen. Solche Rituale nähren den Glauben. Sie sind leicht einzuüben. Ein Gebet am Morgen, ein Segen am Abend, einmal am Tag oder wenigstens am Sonntag wie ein Jünger (wörtlich: ein Lernender, ein Übender) auf Gottes Wort hören. Auch Rituale im Jahreslauf – so wie jetzt an Palmsonntag, Karfreitag, Ostern – helfen, dass wir gestärkt werden und nicht zurückweichen. Dann können wir aus dieser Kraft heraus leben, reden, Gottes Wort weitersagen, Position beziehen.


Getrost bleiben

Bedrängnisse gibt es ja durchaus. »Sie wirken sehr in sich ruhend«, sagt die Ärztin. Ja, kann schon sein, denke ich. Wer soll mich denn trennen von Gott? Doch nicht diese Krankheit. Trotzdem gibt sie mir die Unterlagen vom psychoonkologischen Dienst. Mein Grundgefühl bleibt: Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Ich werde jetzt eine Behandlung durchlaufen, es wird gut werden.

»Natürlich gehe ich am Sonntag auf die Kanzel«, sagte mein früherer Kollege im Kirchenkreis. Rechte Schläger standen am Samstagabend vor seiner Tür. Etwas Hartes traf ihn mitten ins Gesicht, die Brille zersprang. Aus dem Krankenhaus hat er sich damals selbst entlassen, noch in der Nacht. Er ist bekannt dafür, dass er mit den Müden redet. Er wich nicht zurück. Der Staatsschutz nahm die Ermittlungen auf, die Gemeinde feierte Gottesdienst (vgl. Der SPIEGEL, 30.12.2016).

So kann das zusammenkommen: auf Gott hören und widerständig bleiben, auf Gottes Hilfe setzen und getrost bleiben, auch wenn Bedrängnisse da sind.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

1 Kommentar zu diesem Artikel

23.03.2019
Ein Kommentar von Stephan C. Weihmann


Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte darauf aufmerksam machen, dass im Bereich "Predigtimpulse" das Feld PDF ("Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.") seit einiger Zeit außer Funktion ist. Mit freundlichen Grüßen Stephan C. Weihmann Pfarrer im Ehrenamt, Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde München I

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