3. März 2019, Lukas 10,38-42
Estomihi (Sonntag vor der Passionszeit)

Von: Angelika Rudnik
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Inneres Hören


Verfremdung

»Es geschah, als sie ihres Weges zogen, dass Jesus in ein Dorf kam; und ein Mann mit Namen Joachim nahm ihn auf. Dieser hatte einen Bruder, genannt Josef, der sich auch zu Füßen Jesu niedersetzte und seinem Wort zuhörte. Joachim war sehr beschäftigt mit vielem Dienen; er trat aber hinzu und sprach: Herr, kümmert es dich nicht, dass mein Bruder mich allein gelassen hat zu dienen? Sage ihm doch, dass er mir helfe! Jesus aber antwortete: Joachim, Joachim! Du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge; eins aber ist nötig. Josef hat das gute Teil erwählt, das nicht von ihm genommen werden wird.«


Verwirrung

Nach dem Umschreiben des Textes hat mich selbst die Umkehrung der Geschlechter in unserem Predigttext verwirrt: Werden auch diese Rollen gelebt? Dass ein Mann Jesus in Haus und Tisch bedient und ein anderer, dessen Bruder, sich Jesus zu Füßen setzt und ihm zuhört? Als gelebtes Modell fällt mir hierfür das Klosterleben der Mönche ein, wo es innerhalb der männlichen Gemeinschaft diese Rollen- bzw. Funktionsaufteilungen gibt: vita activa und vita contemplativa.

Vielleicht zeigt die genannte Vorstellung des klösterlichen Lebens, dass es um eine Alternative zwischen vita activa und vita contemplativa nicht geht, sondern um das Zusammenspiel von beidem – darin wird christliches Leben fruchtbar.


Hingabe

Und doch, und doch: Jesus hebt das Hören der Maria hervor als »das Eine, das nötig ist«! An diesem Punkt geht der Text für mich über alles soziale, gesellschaftlich-kirchliche Leben hinaus. Hier geht es um die Beziehung zu Gott. Hier steht die Hingabe an Gott als Dreh- und Angelpunkt für christliches Leben im Mittelpunkt: Alles Handeln, das ja bei Lk. besonders in der vorangehenden Perikope vom barmherzigen Samariter dem Hören auf die Gebote vorgeordnet wird, kann sich nur dauerhaft gründen in der Hingabe, im Vertrauen auf Gott.

Mit Ralf Lange-Sonntag schließe ich mich der Erkenntnis aus christlich-jüdischen Dialogen an: Im Christentum wie im Judentum ist das Zusammenspiel von »Gottes Wort hören und Gottes Wort tun« gedacht als die unbedingte Verbindung im Inneren des Menschen, der Gott vertraut und deshalb seine Worte, seine Gebote hören kann, um sie für das Leben fruchtbar zu machen. Der Dreh- und Angelpunkt des Textes erscheint mir also das innere Hören, die innere Einstellung, aus der das äußere Hören und Handeln entspringt.

Meister Eckehart übrigens sah Marta als die Vollkommene an, die Hören und Handeln schon in sich trägt als erwachsener Mensch, während Maria noch die Lernende, die Träumende ist, die sich auch im Ideal verlieren könnte. Maria muss noch lernen, Arbeiten und Beten zu vereinen im erwachsenen Lebensprozess, dazu braucht sie jetzt das Gespräch mit Jesus. Marta hingegen steht über den Dingen, gerade weil sie mit vielen Dingen zu tun hat.


Zum Sonntag

Es ist der Sonntag nach dem Weltgebetstag der Frauen, der 2019 mit einer Liturgie von Frauen aus Slowenien gefeiert wird; Textgrundlage ist Lk. 14,13ff: das Gleichnis vom Festmahl. – Und es ist Faschingssonntag, der ja leichter als andere Sonntage auch mal eine Verfremdung der Texte erlaubt.


Lieder

EG 165,1.5-7 »Gott ist gegenwärtig«

EG 390 »Erneure mich, oh ewigs Licht«


Literatur

Janssen, Claudia/Regene Lamb: Das Evangelium nach Lukas. Die Erniedrigten werden erhöht, in: Kompendium Feministische Bibelauslegung, Hg.: Luise Schottroff und Marie-Theres Wacker, Gütersloher Verlagshaus, 1999, 513-526

Lange-Sonntag, Ralf: Predigtmeditation zu Estomihi Lk 10,38-42, in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe III, Hg.: Wolfgang Kruse für »Studium in Israel«, 2004, 89-94

Meister Eckehart: Predigt 28, in: Meister Eckehart, Deutsche Predigten und Traktate. Hg.: Josef Quint, Diogenes TB 20642, 1979, 280-289


Angelika Rudnik

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2019

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