30. Dezember 2018, Matthäus 2,13-18(19-23)
1. Sonntag nach dem Christfest

Von: Hans Dieter Wille
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»Flüchten oder Standhalten?«

I

Die Geschichte von Flucht und Kindermord ist der geradezu schockierende Kontrast zur wenige Tage zuvor gehörten Botschaft von der »großen Freude« und vom »Frieden auf Erden«. Stattdessen schreckliches »Geschrei, viel Weinen und Wehklagen« und die untröstliche Trauer der Angehörigen angesichts ihrer bestialisch ermordeten Kinder. Der Traum einer idyllischen Weihnacht zerplatzt spätestens hier mit diesem von Mt. in geradezu provozierender Nüchternheit erzählten Alptraum. Mit dem Kindermord wird vollends deutlich, auf welche brutale Wirklichkeit mit ihren Gefährdungen und Versuchungen sich der Gott einlässt, der in diesem Kind in der Krippe Mensch und unser Bruder geworden ist.

Die Erzählung zeigt freilich auch, dass diese sich mit gnadenloser Gewalt durchsetzende, auf bloßen Machterhalt ausgerichtete Herrschaft des Herodes jeglicher Souveränität entbehrt, weil sie dauernd um ihren Bestand fürchten muss. Am Ende ist der Tod der Herr auch über den Despoten und macht so den Weg zur Rückkehr frei (2,19f).


II

»Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh …«

Dieses Kind, das doch Retter der Welt sein soll, gehört nun selbst zu den Flüchtenden und Heimatlosen. Dabei stehen vielleicht manchen Gemeindegliedern ganz konkrete Fluchtgeschichten von Asylbewerbern vor Augen.

»Ägypten« ist der Ort der Fremde und der Unterdrückung – und gleichzeitig Symbol für den Anfang einer großen Befreiungsgeschichte, die in Christus ihre Erfüllung findet.


III

»Es ist unsretwegen geschrieben, dass Christus geflohen ist«, schreibt Martin Luther zu diesem Text. »Dadurch wird angezeigt, dass wir fliehen sollen, wo wir können.« (Evangelienauslegung)

»Steh auf und flieh ...!« In bedrohlichen Situationen, in bedrängender Lage meldet sich diese Stimme, eigentlich von ganz allein. Nur wissen wir oft nicht, was gerade jetzt von uns verlangt wird: »Flüchten oder Standhalten?« (H.E. Richter) Diese Frage ist nicht leicht zu entscheiden. Protestantisch erzogen (»Hier stehe ich …«) sind wir geneigt, dem »Standhalten« einen höheren ethischen Rang einzuräumen.

Bezogen auf Jesu Sendung ist die Flucht aber das einzig Vernünftige, das Standhalten wäre töricht. »Steh auf und flieh« könnte dann für uns heute heißen: »Setz dich diesem Streit, setz dich auch bestimmten Menschen nicht mehr aus! Verstrick dich nicht länger in einen Konflikt, den du nicht lösen kannst, in den du selbst immer mehr hineingezogen wirst und wo du am Ende nur verlieren kannst. Verlass den Ort des Geschehens, wo du jetzt, jedenfalls unter den gegenwärtigen Umständen, nichts verbessern oder in Ordnung bringen, geschweige denn heilen kannst! Unterbrich dein gutgemeintes Engagement, das dich nur frustriert und lähmt! Leg deinen Ehrgeiz ab! Geh auf Abstand und warte ab! Lass dir Zeit! Hab Geduld, bis sich die Situation beruhigt hat! Schone deine Kräfte für günstigere, aussichtsreichere Gelegenheiten!«

»Er hat sich unermüdlich für seinen Betrieb eingesetzt.« Das steht manchmal in Todesanzeigen. Es gibt ein säkulares Märtyrertum in unserer Leistungs- und Erfolgsgesellschaft, auch eine Neigung zur Selbstaufopferung, wo man besser im Sinne unseres Textes die Flucht hätte ergreifen sollen.


IV

Jesus empfiehlt seinen Jüngern, in eine andere Stadt zu gehen, wenn in der einen die Arbeit der Verkündigung unmöglich gemacht wird (Mt. 10,14; vgl. Lk. 13,31f). Auch »Christus«, lesen wir bei Dietrich Bonhoeffer, »entzog sich solange dem Leiden, bis seine Stunde gekommen war. Dann aber ging er ihm in Freiheit entgegen, ergriff es und überwand es. … Wir sollen uns nichts Unmögliches aufbürden und uns damit quälen, daß wir es nicht tragen können. Wir können das Leiden anderer Menschen nur in ganz begrenztem Maße wirklich mitleiden. Wir sind nicht Christus, aber wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, daß wir an der Weite des Herzens Christi teilbekommen sollen in verantwortlicher Tat …«(Mitleiden. In: Widerstand und Ergebung).


Hans Dieter Wille

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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