24. Dezember 2018, Jesaja 9,1-6
Christvesper

Von: Peter Haigis
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Der Name ist Programm

Ein messianischer Text am Christfest?

Die Perikopenrevision beschert uns dieses Jahr zum Christfest denjenigen Jesaja-Text, der bislang in der vierten Reihe an dieser Stelle zu hören und zu predigen war, d.h. zuletzt erst 2017 im Mittelpunkt der Christvesper-Predigten stand. Er ist jedoch so zentral, dass man ihn gut »alle Jahre wieder« verkündigen könnte. So vertraut und verbunden dem Weihnachtsfest ist er, dass er schlicht zum Kernrepertoire gehört. Indessen: Es handelt sich um einen atl. Text – und wir tun immer gut daran, die jüdische Bibel als Christen nicht einfach zu vereinnahmen, sondern uns und anderen über den hermeneutischen Vorgang, der dahinter steht, auch Rechenschaft zu geben.

Jes. 9,1-6 ist ohne Zweifel ein messianischer Text. Mit dem Anspruch, diesen Abschnitt ins Zentrum unserer christlichen Verkündigung am Weihnachtsfest zu rücken, ist der Glaube und die Überzeugung verbunden, eben in Jesus, den wir den »Christus« (»Messias«) nennen, Züge der Erfüllung messianischer Verheißungen zu erblicken. Das ist nicht tabu, nicht religiös anstößig oder gar verletzend. Es ist eine Interpretation des Messias-Symbols, die starke Plausibilität für sich anführen kann – ohne andere Interpretationen, etwa diejenige, die sich in der heute lebendigen Messiaserwartung des Judentums ausdrückt, abzuwerten. Es muss möglich sein, in einer unvollendeten Welt mit unabgeschlossenen Fragen zu leben – und zwar friedlich!


Namen sind nicht Schall und Rauch

Abgesehen von der, gerade in der dunklen Jahreszeit, ansprechenden Lichtmetaphorik in V. 1 zieht V. 5f die Aufmerksamkeit auf sich: insbesondere die vier Messias-Namen sind von Gewicht. Rätselhaft, transzendent, aus einer ewigen Sphäre in unsere Menschen- und Weltzeit gesprochen klingen sie. Ich erinnere mich daran, wie sie mich als Kind ergriffen haben: Was muss das für ein Kind, sein, das solche Namen bekommt?

In der Bibel sind Namen mehr als Bezeichnungen. Sie sind Wesenszuspruch: Wer jemand ist, wird erkennbar im Namen, und wer jemandes Namen kennt, hat Anteil an oder verfügt über dessen Wesen. Namen charakterisieren (vgl. Jakob und Esau, 1. Mos. 25,25f), sie beinhalten Geschichten (vgl. Mose, 2. Mos. 2,10), sind Kürzel für herausragende Ereignisse (vgl. Jakob als Israel, 1. Mos. 32,29).

Wenn das Kind in Jes. 9,5, diese Verheißung neuen Lebens und einer neuen Geschichte menschlichen Lebens auf Erden in Persona, solche Namen erhält, dann sind diese eine Ansage – sie sind Programm.


Gottes Gegenprogramm zu Macht, Gewalt und Herrschaft

In seinem »Faust. Der Tragödie zweiter Teil« lässt Johann Wolfgang Goethe im 4. Akt, 1. Szene drei gewaltige Feldherren auftreten. Die Szene ist überschrieben: »Hochgebirg. Starre, zackige Felsengipfel«. Das zeigt schon an, was zu erwarten ist: ein Feldherrnhügel, ein Führerhauptquartier, eine militärische Befehlszentrale. Faust und Mephisto schauen auf die Truppen und Heerscharen hinab, die sich im Tal formieren. Eine Aufstellung, die mich an die »Alexanderschlacht« von Albrecht Altdorfer denken lässt (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_ Alexanderschlacht). Und Faust soll ihr »Obergeneral« werden, wie Mephisto ihm diabolisch einflüstert.

Dann treten die »Drei Gewaltigen« auf. Goethe hat sie der Heldenchronik Davids aus 2. Sam. 23,8-12 entlehnt. Bei Goethe tragen sie die Namen »Raufebold«, »Habebald« und »Haltefest«. Auch aktuell gibt es wohl genügend Gewaltige, die genau diese Namen auf ihrer Stirn tragen könnten – und der Bezug zu Jes. 9,3f ist unmittelbar gegeben.

Demgegenüber hat der jüngste Thronfolger Davids ein anderes Programm anzusagen mit seinen Namen: »Wunder-Rat«, »Gott-Held«, »Ewig-Vater«, »Friede-Fürst«. Es lohnt sich, in der Predigt hierbei zu verweilen, danach zu fragen, wo wir eben diese Qualitäten bitter nötig haben in Politik und Zeitgeschehen – und womit Jesus von Nazareth eben dies erfüllte, wovon derlei Namen zeugen.


Die Verkündung

Wer mag, kann heiter mit einer kleinen Geschichte einsteigen, die in Franz Hohlers Solothurner Literaturpreisrede 2013 enthalten ist: Letzthin im Zug, direkt neben dir, das elend-fröhliche Digitalpiepsen eines Handys, und du weißt, jetzt wirst du die Seite nicht in Ruhe zu Ende lesen können, du wirst mithören müssen, wo die Unterlagen im Büro gesucht werden sollten oder warum die Sitzung auf nächste Woche verschoben ist oder in welchem Restaurant man sich um 19 Uhr trifft, kurz, du bist auf die unüberhörbaren Schrecknisse des Alltags gefasst – und da zieht der junge Mann sein Apparätchen aus der Tasche, meldet sich und sagt dann laut: »Jä nei – Wänn? – Geschter znacht? – Und was isch es? – E Bueb? – So härzig! – 3½ Kilo? – Und wie gohts der Jeannette? – So schön! – Seisch ere ne Gruess, gäll! – Wie? – Oliver? ...« Und über uns alle, die wir in der Nähe sitzen und durch das Gespräch abgelenkt und gestört werden, huscht ein Schimmer von Rührung, denn soeben haben wir die uralte Botschaft vernommen, dass uns ein Kind geboren wurde.

(http://www.franzhohler.ch/files/solothurner_literaturpreis.html)


Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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