23. Dezember 2018, Lukas 1,(26-38)39-56
4. Sonntag im Advent

Von: Thomas Ehlert
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Resonanz geistlicher Erfahrung

I

Allgemein gefragt: Warum ist jemand zu beglückwünschen, der ein Kind bekommt? Als mein älterer Sohn geboren wurde, schrieb mir vor fast 18 Jahren mein akademischer Lehrer Prof. Dr. Manfred Seitz: »Dank und Freude überwiegen, Leben ist im Haus; neues Leben; das Leben geht weiter und jedes neugeborene Kind hat etwas Messianisches. Es verbindet unsere Zeit mit der des Kommens Christi. Und so ist es Gottes Wille, der in der Taufe greifbar wird.« Es geht um eine Zukunft und Hoffnung stiftende Neuheitserfahrung in einer altgewordenen Welt, die man als Fingerzeig Gottes deuten darf. (vgl. auch EG 211)


II

Am 4. Advent spielt im Evangelium die »Mutter des Herrn« eine Rolle. Mariologie wird ein Aspekt der Christologie. Jesus wird ein besonderes Kind sein. Er verändert nicht nur das Leben seiner Eltern, sondern auch die Welt und den Glauben an Gott. Atl. Stimmen werden im Magnifikat (V. 46-55) zu einer neuen Komposition, einem individuellen eschatologischen Danklied zusammengefügt und der Maria in den Mund gelegt. Die Freude ist die beherrschende Stimmung.

Was ihr in besonderer Weise, weil in einem speziellen Auftrag widerfuhr (1,31), nämlich das Geheimnis göttlichen Angesehen-Werdens und Wohlgefallens (Gnade), ist grundsätzlich jedem Glaubenden als Erfahrung möglich. Diese Erfahrung heißt: »Gott hat sich mir zugewendet, mich in meiner Niedrigkeit angesehen (V. 48) und mich zu seinem Werkzeug in seinen Planungen gemacht!« Diese religiöse Erfahrung löst Staunen, Freude und Jubel aus (V. 46-49).

Die biblische Grunderkenntnis, dass der heilige Gott von menschlichem Hochmut nichts hält, wundersame Wege geht, die Machtverhältnisse umkehrt und die Niedrigen erhebt, klingt in diesem ältesten Adventslied an. Dieser Text hat unzählige Komponisten zu Tönen und Takten angeregt. Das Magnifikat ist ins Abendgebet der Kirche aufgenommen worden, weil die Kirche sich selber in dem Bild der glaubenden Maria (V. 38.45) entdeckt und in ihrem Singen und Beten in Gemeinschaft mit Maria Gott »groß macht«. Man könnte passende Gesangbuchlieder unter diesem Aspekt durchmeditieren, z.B. EG 308; 324; 369(6); 325; 585; 329; 316. Daraus erwächst die Predigtidee: Lieddichtung als Resonanz geistlicher Erfahrung.


III

Die Engelserscheinung (V. 26-28) hat im Glaubensbekenntnis (V. 27: Jungfrau – Maria; V. 35: der heilige Geist wird über dich kommen) einen Nachhall gefunden: conceptus de spiritu sancto, natus ex Maria virgine. Der Heilige Geist ist der Ursprung Jesu im Leib Marias. Das wird von einem Engel bekannt gemacht. Jesus ist eben nicht nur vom Geist erfüllt wie Johannes (1,15), sondern verdankt seine gesamte Existenz dem Gottesgeist (V. 35). Ohne diesen Geist ist er nicht als der Gottessohn denkbar. Biblisch wird das Geheimnis der Herkunft Jesu »von oben« auch lokalisiert in der Taufe (Mk. 1,11) oder in der Auferstehung (Apg. 13, 33).

Wie will ich als Theologe das Geheimnis Jesu predigen? Was berührt mich und wo knüpfe ich an? Die V. 39-45 schildern die Begegnung der beiden schwangeren Frauen. Sie ist ein beliebtes Motiv für künstlerische Darstellung gewesen. Der Gruß der Maria (V. 40) ist »zu verstehen als mit realer Dynamis geladener Segen« (G. Voigt, Der schmale Weg, Berlin 1978, 33), wofür das Hüpfen des Johannes im Mutterleib ein Zeichen ist (V. 41). Elisabeth – durch den Gruß der Maria mit heiligem Geist erfüllt – antwortet mit der Segnung der Maria (V. 42). Zwischen beiden Frauen fließt die Geistes-Kraft Gottes – transzendenzhaltige Resonanz mit leiblicher Auswirkung!

Geisterfüllt hat Elisabeth entdeckt, dass Maria das Gefäß der »leibhaften Gegenwart des Herrn (V. 43) geworden ist« (Voigt, a.a.O., 35). Der ewigreiche Gott kann Wohnung nehmen in Fleisch und Welt. (vgl. auch EG 41,4; 42,3)


Thomas Ehlert

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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