16. Dezember 2018, Römer 15,4-13
3. Sonntag im Advent

Von: Dankmar Pahlings
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Das Ende der Behaglichkeit?

Vielleicht erregt der Predigttext zunächst kaum Widerspruch; der Aufruf zur Einmütigkeit wurde oft schon gehört. Der Text war letztes Jahr auch schon dran (wegen der Umstellung der Perikopen-Ordnung), zudem war V. 7 vor drei Jahren Jahreslosung.

Zwei mögliche Zugänge schweben mir vor, die die Zuhörer vielleicht doch aufhorchen und mitdenken lassen


Die Spannung von Mehrstimmigkeit und Einmütigkeit

Wollen wir im Grunde nicht viel lieber Mehrstimmigkeit? Nicht nur, wenn es um Chormusik im Advent geht, sondern auch sonst, ist uns doch unsere eigene Tradition lieb, und es fällt schwer sich auf einen Nenner mit den Katholiken, den Baptisten oder den neuapostolischen Christen zu begeben (auch wenn diese in der Kantorei womöglich beim Weihnachtsoratorium mitsingen).

Sicher gibt es da so etwas wie eine »versöhnte Verschiedenheit« (mitunter auch bloß wechselseitiges Ignorieren), aber Einmütigkeit wird selten angestrebt; sie ist ja auch schwierig (und für manche total unrealistisch), weil die Traditionen zu unterschiedlich sind. Man könnte Paulus kritisch fragen, wie er sich das vorstellt, Christenmenschen, die ja ganz andere kulturelle Prägungen hatten (in seinem Fall Juden- und Heidenchristen) zur Einmütigkeit und gegenseitigen Annahme aufzurufen – und konstatieren, dass dieses gegenseitige Annehmen in der Kirchengeschichte sich nicht durchgesetzt hat.

Einmütigkeit entspricht für Paulus der Einheit Christi! Wie lässt sie sich herstellen? Ist sie ein Ziel für uns heute? Oder reden wir uns damit heraus, dass nur Christus sie schenken kann. Das stimmt zwar, aber unser Tun und Denken, unser Beten und Predigen könnte sich dem Ziel unterordnen.

Auch einmütiges Gotteslob mit unseren Mitchristen in der sog. Dritten Welt, für die wir im Advent ja durch Basare und andere Aktionen sammeln – vor welchen Schwierigkeiten steht das, wenn wir hören, wie sehr sie sich von uns unterscheiden in Fragen der Moral oder der Bibelauslegung?

Im Sonntagsevangelium ist vom Heil für Israel die Rede, der Predigttext schärft ein: »Christus kam doch in diese Welt, um seinem Volk Israel zu dienen.« (Übersetzung »Hoffnung für alle«). Einmütigkeit mit Juden(-Christen)? Womöglich gar noch mit Muslimen, die bei uns wohnen. Darf das (nicht) sein? Wäre das Paulus gemäß?


Das Miteinander der Starken und Schwachen

Nehmt einander an, na gut, aber auch die Mitchristen mit hörbar geäußertem rechtem Gedankengut? Die unsere Haltung zur Aufnahme von Flüchtlingen nicht teilen und Angst vor fremden Kulturen und da besonders vor dem Islam haben oder schüren? Sollen wir auf sie Rücksicht nehmen? Hieße das nicht Einknicken vor Positionen, die uns unmoralisch erscheinen? Wie würde Paulus diese Herausforderung angehen, er, der ja vor Auseinandersetzungen nicht kniff, dem aber dennoch die Einheit in Dingen des Glaubens wichtiger war als die fortbestehenden kulturellen Differenzen?

Vielleicht wäre es sinnvoll, die V. 1-3 hinzuzunehmen, wenn dieser Zugang gewählt wird. Hier wird deutlich, wie es um das Miteinander der Starken und Schwachen im Glauben geht, und wie Paulus jenen zumutet, auf diese Rücksicht zu nehmen. Das Wort »Schmähungen« in V. 3 ist jedenfalls ein (leider) aktueller Erfahrungswert im Kontext der Auseinandersetzung dieser Tage, auch von hüben nach drüben. Treffen die Schmähungen bestimmter Menschengruppen nicht auch Christus? Die Bitte des Apostels um Frieden wird angesichts dieses Risses, der durch die Gesellschaft und auch durch viele Gemeinden geht, sehr nachvollziehbar.

Bei beiden Zugängen dürfte klar werden, wie schwierig das ist, was nach Paulus die Aufgabe der Christen sein sollte: Einander anzunehmen und miteinander Gott zu loben – und dabei das Trennende zurückzustellen. Doch der Wochenspruch fordert uns ja auf, Wegbereiter zu sein; da heißt es dann rauszugehen aus dem behaglichen eigenen Lager. Wir bauen den Weg ja nicht für uns, sondern für ihn.

Dankmar Pahlings

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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