9. Dezember 2018, Jesaja 35,3-10
2. Sonntag im Advent

Von: Dorothee Wüst
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Zeit der Erschütterung

I

Bei strömendem Regen oder klirrender Kälte: Er sitzt immer auf derselben Bank. Neben ihm ein oder zwei Dosen Bier und ein schäbiger Rucksack mit seinen Habseligkeiten. Ab und an springt er auf, gestikuliert wild und redet. Mit sich selbst. Mit wem auch sonst? Alle, die ihn sehen, machen einen weiten Bogen um ihn. Da ist einer ganz unten angekommen. Da, wo niemand sein will. Da, wo es kaum noch Hoffnung gibt.

Ich betrachte ihn verstohlen und frage mich, was ihn dorthin gebracht hat. Der war ja nicht immer so. Der war auch irgendwann ein kleiner Junge mit Freunden, Fußball und Flausen im Kopf. Und irgendwo auf dem Weg standen die Weichen auf Sackgasse. Vielleicht die Schule geschmissen, die Arbeit verloren, die Frau weggelaufen. Und auf dem Weg nach unten die Hoffnung in Bier ertränkt und das Hirn weggesoffen.


II

Beim Propheten Jesaja geht es um Hoffnung. Mit machtvollen Worten und in prächtigen Farben malt er ein Hoffnungsbild für die Damaligen. Menschen in der Sackgasse des Exils. Die waren auch nicht immer so. Die waren mal frei, souverän, selbstbestimmt. Die Weltpolitik hat die Weichen gestellt, und nun sitzen sie da an den Wassern Babels, weinen vor Heimweh und hängen ihre Harfen hoffnungslos in die Weiden. Und dann kommt einer und redet von Hoffnung. Ob die ihm überhaupt zugehört haben?


III

Als Kirche stimmen wir seit Jahrtausenden ein in das göttliche Lied der Hoffnung, malen und zeichnen die Bilder nach, die einer wie Jesaja entworfen hat. Für Menschen in den Sackgassen des Lebens. Und es sind so viele verschiedene Sackgassen der Hoffnungslosigkeit: Es sind arme, geprügelte, verfolgte, kranke Menschen, die ihre Harfen längst in die Weiden gehängt haben. Für die singen wir das Lied von Hoffnung und Gerechtigkeit. Wie mein fremder Freund auf der Bank. Aber der hört es vermutlich gar nicht.

Wer hört das Lied der Hoffnung? Nicht nur mit den Ohren, sondern von ganzem Herzen? Das ist für mich die große Frage bei den großen Worten des Propheten. Auch und gerade im Advent mit seinen schmusig-schummerigen Weichzeichner-Erwartungen, bei denen die Ankunft des Herrn und Heiland eine eher untergeordnete Rolle spielt. Das Lied der Hoffnung singen wir zur Melodie von »Süßer die Glocken nie klingen« und begreifen nicht, dass Worte, die Welt verändern können und wollen und sollen, keine Fahrstuhlmusik sind. Auch wenn sie noch so eingängig klingen.

Und das tun sie ja. Die Worte des Propheten. Sie schmeicheln sich in unser Ohr, rühren an die Sehnsucht nach einer wahrhaft heilen Welt. Aber wenn diese Worte bleibenden Wert haben sollen, Welt verändern wollen, damit hoffnungslose Menschen die Harfen aus den Weiden nehmen, um wieder das Lied des Lebens zu spielen, reicht das nicht. Dann ist Predigen im Advent Reden gegen den süßen Strom, Misstöne in Hörgewohnheiten und Hoffen auf Hoffnung, die Stachel im Fleisch ist. Damit sie Herzen verändert. Damit sie Welt verändert. Eine Hoffnung, der man zuhört. So richtig. Nachhaltig.


IV

Wir können nicht einfach zufrieden sein, wenn sich ein bisschen Weihnachts-Wellness einstellt. Weil wir ja wissen, dass da einer auf seiner Bank sitzt und sein Hirn wegsäuft, dass da einer vor Heimweh auf seinem schmalen Flüchtlingsbett weint, dass da eine ihre Harfe längst in die Weide gehängt hat, weil ihr Mann sie ihr immer wieder aus der Hand prügelt. »Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.« (Alfred Delp) Der Advent schreit nach Ehrlichkeit – in der Beschreibung der Realität und in der Hoffnung, die unser Gott mit uns teilt. Die will nicht an der Oberfläche bleiben, sondern in die Tiefe gehen. Und aus der Tiefe in die Breite, heraus aus der Kirche, in die Welt, mitten unter die Menschen. Durch uns. So richtig. Nachhaltig.


Lieder

EG 7 »O Heiland, reiß die Himmel auf«
EG 16 »Die Nacht ist vorgedrungen«
EG 411 »Gott, weil er groß ist«
EG 432 »Gott gab uns Atem«

Dorothee Wüst

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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