30. März 2018, Hebräer 9,15.26b-28
Karfreitag

Von: Peter Haigis
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Opfer sind passé

Karfreitag

Wie alle Jahre wieder so wird auch dieses Jahr die Debatte um Tanzverbote an Karfreitag anheben und es wird auch dieses Jahr Leute geben, die kaum größere Lust verspüren, als ausgerechnet an diesem Tag des Jahres ihrem Tanzvergnügen nachzugehen. Wo Verbote sind, da regt sich die Lust, diese zu missachten oder zu übertreten, umso mehr. Dabei muss man nicht einmal Christ sein, um den Sinn von Karfreitag zu verstehen: Im Kern geht es darum, dass wir in einer Welt leben, die ohne die Beschädigung menschlichen Lebens und ohne Opfer offenbar nicht auskommt. Und das ist beschämend! Wer angesichts dessen trotzdem tanzen will oder muss – bitte! Man kann niemanden zu Anstand und Respekt gegenüber denen zwingen, die das Leben eben nicht als unversehrt erleben.


Opfer

Im religiösen Sinne von »Opfer« zu reden, ist aus der Gewohnheit gekommen. Wir kennen »Mordopfer«, »Unfallopfer« etc. und wir »opfern« allenfalls unsere Zeit, unser Geld oder unsere gute Laune. Dieser gewandelte Sprachgebrauch hat mit einer veränderten Lebenswirklichkeit zu tun. Beides trennt uns von der Zeit, vom Lebensort und von den Gewohnheiten, die der Verfasser des Hebr. und seine Adressaten kennen. Und es ist gut, dass wir diesen Abstand haben, den er liegt – wie gleich zu sehen ist – genau in der Wirkungsgeschichte des Hebr. Damals war das religiöse Opferwesen im höchsten Maße alltagspräsent, u.a. im Jerusalemer Tempelkult. Der Opferdienst stand – ganz abgekürzt formuliert – in der Funktion, Gemeinschaft zwischen dem in Sünde verunreinigten Menschen und dem heiligen und vollendet reinen Gott zu ermöglichen. Die Priester im Tempel vollzogen dies in ihren täglichen Opfern und der Hohepriester vollzog es einmal im Jahr stellvertretend für das ganze Volk.


Christus als der ultimative Hohepriester

Der Verfasser des Hebr. steht theologisch vor einem Problem. Unaufgebbare Voraussetzung ist ihm das Bekenntnis, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist. Doch Jesus starb am Kreuz einen blutigen und schmachvollen Tod. Wie lässt sich dies theologisch deuten?

Eine Möglichkeit wäre es, den Tod Jesu, des Sohnes Gottes, als Selbsthingabe Gottes ins Martyrium zu deuten. Der Verfasser des Hebr. wählt einen anderen Weg und interpretiert Jesu Tod opfertheologisch. Auch hier ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten: eine wäre es, Jesus selbst als Opfergegenstand zu verstehen. Der Verfasser des Hebr. entscheidet sich für eine andere Deutungsperspektive: Jesus Christus ist der Hohepriester. Entscheidend für ihn ist weniger das Blutritual als vielmehr seine Mittlerrolle (nämlich als Fürsprecher der Menschen vor Gott). Die etwas schiefe Parallele, dass das Blut beim Opferritus des Hohepriesters – im Gegensatz zu Jesu Kreuzestod – nicht dessen eigenes, sondern das von Opfertieren ist, wird dabei dahingehend überwunden, dass im Blut Christi als des Hohepriesters nur dessen höhere Wertigkeit (und damit zugleich die Höherwertigkeit des Opferdienstes Christi, vgl. 9,11-14) angedeutet ist.

Mit dieser Deutung ergibt sich aber eine entscheidende Veränderung: das Opfer Christi ist einmalig und unwiederholbar. Unter Aufbietung einer typologischen Sichtweise (Urbild hier am Kreuz – Abbild dort im Tempel) und einer Analogie zwischen dem irdischen und dem himmlischen Geschehen sowie einer zeitlichen Entsprechung zwischen einst- und vielmals eh und je und einmal im Hier und Heute wird die Einzigartigkeit des ­Opfers Christi gegenüber aller bisherigen Opferpraxis deutlich gemacht und das Ende allen Opferdienstes verkündet.


Der Tod als Gericht und Christi Dienst als Rettung

Nach dem Tod Jesu Christi bedarf es keiner Opfer mehr – weder im religiösen noch im übertragenen Sinne. Aus Gottes Perspektive ist damit ein- für allemal die Opferung von Lebendigem – zu welchem Zweck und für welches Sinnkonstrukt auch immer – passé. Dies könnte ein Thema der Predigt sein. Beispiele dafür, wo wir in unserer Gesellschaft dieser Heilsperspektive Gottes widerstreiten, dürften nicht schwer zu finden sein.

Eine andere Möglichkeit wäre es, über die Unabänderlichkeit des Todes nachzudenken. Im Tod ist uns jede Möglichkeit genommen, unser Leben noch in irgendeiner Weise zu bessern, es zu rechtfertigen oder Missratenes wiedergutzumachen. Hebr. bringt dies mit dem Bild von dem auf den Tod folgenden Gericht zum Ausdruck. Die einzige Hoffnung, die dann noch bleibt, ist die auf einen gnädigen Gott bzw. einen überzeugenden Fürsprecher.


Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2018

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Engel der Barmherzigkeit

Artikel lesen
Glaube und Gewalt
Ein Diskussionsbeitrag zum Thema des diesjährigen Deutschen Pfarrertags »Religion und Gewalt« in Augsburg
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
»Wie die Träumenden«
Erinnerungen an 1968 und um 1968 herum
Artikel lesen
20. Sonntag nach Trinitatis
14. Oktober 2018, 1. Korinther 7,29-31
Artikel lesen
Zwischen Event und Übung
Gottesdienst im großen Wandel kirchlichen Lebens
Artikel lesen
21. Sonntag nach Trinitatis
21. Oktober 2018, Jeremia 29,1-14
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!