25. Februar 2018, Jesaja 5,1-7
Reminiszere

Von: Lars Hillebold
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Der Freund des Weinbergs und die Liebe des Fischers

Singen will ich von meinem Freund sein Lied von seinem Weinberg. Das ist das »poetische Meisterwerk des Alten Testaments« (Kaiser), in dessen vino veritas liegt. Zunge gelöst(er). Herzen entkrampfen. Leichtere Lippen formen wahre Worte. Wenn dann noch gereimt und gesungen wird, gerate ich in seinen Bann, höre eine Ballade der Liebe, in der unerwartete Wahrheiten ertönen. Die Predigthilfe versucht die textliche Komposition und Stimmung zu vertiefen. Daneben kann mit einer zweiten – kursiv eingeschobenen – andeutungsreichen Geschichte (Gerhard Schöne, Die Liebe des Fischers, Album: Die sieben Gaben 1992) eine Art Predigt-­Cuvée gestaltet werden.

Im lärmenden Gedränge der Gassen Jerusalems stellt sich ein unbekannter Straßenmusikant hin. Er verschafft sich Gehör in einer Stadt, die seit jeher ein Ort für symbolische Handlungen ist. Sie liegt in einer unzuverlässigen, unberechenbaren Natur. Es ist manchmal zum Weinen, weil in diesen harten Boden so kostbarer Samen investiert werden muss (Ps. 126,5). Doch wenn er aufgeht und sich wie eine Stimme erhebt, dann rückt die Menge zusammen. Denn der Unfruchtbarkeit des Bodens setzt der Freund des Weinbergs Liebe entgegen: sicht- und greifbare, wohlschmeckende Resultate sind die, die der Liebe folgen. Kein Wunder, dass die Menschen mitsummen. Gerade die dicht an ihm dran sind, können den Worten nicht entfliehen. Zwischen den Zeilen hängt alles voller Liebe. Jesaja bedenkt die vielen Arbeiten darin. Die Mühen eines aufgehackten verkrusteten Bodens, ein aus Stein gebauter beständiger Turm statt der üblichen Laubhütte. Im Fortgang der Strophen und des Trinkens könnte man ein Schunkeln erwarten, doch es kommt anders.

Fische huschten unter Steine, Wolken zogen bang, / als der junge Fischer Erik heimkam mit Gesang. / Vor dem Tor im schwarzen Mantel wartete ein Mann. / ’s war der Richter von dem Festland, der sprach Erik an: / »Deine Frau Luise brachte man mir in der Früh. / Sie brach die Ehe mit ’nem Fremden. Schande über sie! / Nach dem Brauch der Insel wird beim ersten Sonnenschein / deine Frau vom Fels gestoßen in den Tod hinein.«

Jesaja mag das Lied eines herbstlichen Weinlesefestes genutzt haben; doch in der Zeit um Reminiszere im Februar erwacht jeder Weinberg zu neuem Leben. In dieser Zeit wartet auf den Winzer eine schwierige Aufgabe: Im Rebschnitt wird altes Holz an den Rebstöcken entfernt, um ein oder zwei Fruchtruten stehen zu lassen, aus welchen dann im Laufe des Jahres neue Triebe sprießen.

Erik sah dem Unglücksboten nach im Dämmerlicht. / Gott im Himmel, sei uns gnädig, Herz, zerspring mir nicht! / Als die Dörfler schliefen, stieg er in die Felsenwand / und hat mutig übern Abgrund Seil um Seil gespannt. / Hat mit Reisig, Stroh und Farnen alles dicht gemacht. / Hat am Ende noch als Polster Heu hinaufgebracht.

Der Freund des Weinbergbesitzers singt’s. Die Hörer hören es. Das Urteil ist gefallen. Die Hörer sind der Wahrheit ausgeliefert. Sie haben sich selber an sie herangedrängt. Und ein jeder Weinkenner, der dem Lied mit seinen rhetorischen Fragen gefolgt war, konnte gar nicht anders, als den Weinbergbesitzer gerecht zu sprechen. Endet es in der Klage? Es gibt schwere Tropfen und Botschaften. Doch sie drängen danach, weitergeführt zu werden, um Jes. 5 nicht sich selbst zu überlassen. Vielleicht schon deshalb, weil es seiner Gattung nach ein Lied und darum auf Wiederholung und Wirkung angelegt ist. So wie ein guter Wein einen langen Abgang hat, so wirken auch poetische Meisterwerke nachhaltig. Schon weil es einen Sänger gibt, klingt mit ihm an, dass der Weinberg nicht sich selber überlassen bleibt. Genau das wäre dann ebenso Rechtsbruch und zum Schreien (vgl. EG 144), von dem der Rhythmus dieses Leichenliedes singt. Sich selber überlassen bleiben und anderen dies zuzumuten könnte ein ausführliches Thema der Predigt sein.

Es braucht nicht viel, um Wein herzustellen. Eigentlich ist die Traube in der Lage, alles selbst zu machen. Doch wer es ganz der Natur selbst überlässt, wird vom Ergebnis nicht überzeugt sein. Der Weinmacher sorgt dafür, dass aus den über 500 chemischen Verbindungen im Wein eben die bei der Gärung entstehen, die einen guten Tropfen ausmachen.

Als die ersten Hähne schrien, stießen sie sogleich / seine Frau vom Fels hinunter. Himmel, fiel sie weich! / In das Netz der Liebe fiel sie, die nicht Strafe will. / Fische spielten unter Steinen. Wolken zogen still.


Lieder

EG 124 »Nun bitten wir den Heiligen Geist«

EG 144 »Aus tiefer Not«

EGplus 10 »In einer fernen Zeit« (Noten auch online zu finden)

freiTöne 180 »Schenke mir, Gott«

EG 228 »Er ist das Brot«


Lars Hillebold

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2018

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