11. Februar 2018, Amos 5,21-24
Estomihi

Von: Lucie Panzer
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Was ist Gottesdienst?

I

Was suche ich eigentlich im Gottesdienst? Ich gehe gern hin, gerade auch an den Sonntagen, an denen ich »keinen Dienst« habe. Musik hören entspannt mich, Singen tut mir gut, Kerzenlicht schafft feierliche Dankbarkeit und das Gefühl von Geborgenheit. Die Predigt bringt mich auf andere Gedanken.

Und dann sagt dieser Amos, Gott könne das Geplärr der Lieder nicht mehr ertragen und die Gottesdienste mit ihren Opfern auch nicht. Vor zweieinhalb Jahrtausenden hat er die sozialen Missstände in seinem Land angeprangert und gemeint: Solange es so zugeht unter euch, solange kann und will Gott eure Gottesdienste nicht ertragen. Erst wenn Recht und Gerechtigkeit sich ausbreiten, erst dann könnt ihr richtig Gottesdienst ­feiern.


II

Als ich Studentin war, vor 40 Jahren, da gehörte dieser Bibelabschnitt zu meinen Lieblingstexten. Die Selbstbeweihräucherung der Frommen im Gottesdienst, die Diskrepanz zwischen Sonntag und Alltag in der Welt – dieser Amos war mein Held. Genauso wie er dachte ich damals auch. Was soll ein Gottesdienst, wenn Kinder verhungern ­müssen?

Also haben wir dann den schlimmen Alltag der Welt in den Gottesdienst hereingeholt. Die Gottesdienste wurden politisch. In Predigten und Gebeten ging es darum, was anders werden müsste. Eigentlich wussten wir ja genau, wie es anders werden könnte. Und so wurden die Predigten dann Empfehlungen an die Politik und die Gebete Empfehlungen an Gott. Natürlich wollten wir, dass die Probleme der Welt gelöst werden, dass Gerechtigkeit und Recht herrschen. Dafür wollten wir gern sorgen – wenn Gott nur den nötigen Anschub dafür geben würde …

Ist es vielleicht das, was Gott nicht brauchen kann? Dass wir ihm Ratschläge geben, weiterhin Manager und Managerinnen der Weltgeschichte sein möchten, wenn auch »mit Gottes Hilfe«? »Wir sollen Menschen und nicht Gott sein, das ist die Summe« – lerne ich von Martin Luther. Mensch sein also, mich als Mensch um Gerechtigkeit und Recht bemühen. An meinem Platz, in meinem Leben, an meinem Ort. In Jesus hat Gott gezeigt, wie das gehen kann. Nach dem Nächsten zu fragen, damit müsste es anfangen. Für wen und wo kann ich denn etwas tun, damit ihm Gerechtigkeit und Recht wiederfahren? Ich, ganz persönlich?

Ganz neue Anregungen, wo die Gerechtigkeit gefährdet ist auf dem Weg in die digitale Gesellschaft, gibt Marc-Uwe Kling in seinem Roman »Qualityland« (Ullsteinverlag 2017). Der Dialog über digitale Märkte auf S. 259ff oder über die Entstehung von Nationalismus (S. 176) sind unterhaltsam und evtl. als Einschub in die Predigt erhellend.


III

Was Gerechtigkeit und Recht meint, das könnte im Gottesdienst zur Sprache kommen, gerade auch im Gespräch mit Amos. In seiner Welt des AT waren gerecht vor allem »Verhältnisse gelingender Wechselseitigkeit«. Was dafür wichtig ist? Nach Wolfgang Huber (Gerechtigkeit und Recht. Grundlinien christlicher Rechtsethik, Gütersloh 19992) entsteht Gerechtigkeit aus »einer kommunikativen Kompetenz, die sich zuerst nicht im Vorbringen der eigenen Sache, sondern im Hören auf das Anliegen anderer zeigt«. Außerdem braucht Gerechtigkeit »die Solidarität des Herzens, die anderen gönnt, wessen sie bedürfen«. Die Feindin der Gerechtigkeit ist deshalb die Habgier.

Was die Gottesdienste betrifft, wäre also wohl zu fragen: Wie können da die anderen mit ihren Bedürfnissen zu Gehör kommen. Und wie wird ein Gottvertrauen gefestigt, das darauf verzichten kann (»unterm Strich zähl ich«), vor allem und zuerst für sich selber zu sorgen? Solche Gottesdienste, scheint mir, werden Gott gefallen. Solche Gottesdienste wirken hinaus in den Alltag der Welt.

Als Psalmgebet empfehle ich statt des Wochenpsalms 31 eher Ps. 1: Da ist von denen die Rede, die »am Gesetz des Herrn« Freude haben.


Lieder

EG 413 »Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt«

EG 658 (Württ.) »Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen«

EG 428 »Komm in unsre stolze Welt«


Lucie Panzer

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2018

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