1. Januar 2013, Sprüche 16,1-9
Neujahrstag

Von: Kurt Rainer Klein
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Erkenntnis des Herzens

Gelebte Weisheit

Ein ungewöhnlicher Predigttext! Auf den ersten Blick fällt es schwer, einen Zusammenhang der neun unterschiedlichen Weisheitsworte zu erkennen. Die Sprichwörter scheinen wahllos aneinander gereiht zu sein. Ein gemeinsames Thema ist auf Anhieb nicht auszumachen. Bei genauerem Hinsehen jedoch erkennt man, dass es in allen neun Sentenzen um das Tun des Menschen geht.

Weisheit ist die zur Einsicht geronnene Erfahrung, eine Erkenntnis des Herzens, die aus dem gelebten und beobachteten Leben erwächst. Sie kommt nicht aus der Schreibstube des Gelehrten, sondern aus dem alltäglichen Miteinander, das Gelingen und Scheitern, Glück und Krisen, Ordnung und Chaos kennt. Als Erklärungsversuch alltäglicher Erfahrung ist Weisheit eine säkulare Alltagstheologie.

Es ist der Wunsch nach Ordnung, der dem Menschen innewohnt. Doch immer wieder ereignen sich Dinge, die jegliche Ordnung sprengen. Damit bleibt die Erwartung des Menschen auf der Strecke. Das Misslingen bzw. Scheitern im Lebensvollzug offenbart die Grenze, die dem Menschen gesetzt ist: die Grenze seiner Möglichkeiten, aber auch die Grenze seines Verstehens.

Die Weisheit setzt die sichtbare Wirklichkeit der alltäglichen Erfahrung mit der göttlichen Unverfügbarkeit in Beziehung. Es ist kein Schicksal, es sind nicht die Sterne, es kein Zufall oder Chaos, das die Ordnung infrage stellt. Es ist Jahwe, mit dem es der Mensch zu tun hat, der über dem Menschen steht, der über alle menschlichen Vorhaben und Planungen hinweg als Lenker der Geschicke in Erscheinung tritt.

So ist für den Gläubigen die Furcht des Herrn der Anfang der Weisheit (Spr. 1,6). Das Leben lebbar machen, ist das Bestreben der Weisheit mit ihren Sinnsprüchen. Das weisheitliche Wort eröffnet Handlungsspielräume. Wo man sich in eine Sackgasse manövriert hat, genügt oft ein einfacher Perspektivenwechsel, um gelähmtes Leben wieder in Bewegung zu setzen. Eine neue Einsicht im Vertrauen zu Jahwe überwindet die Krise.

Die Einsichten der Weisheit sind ein Schatz des Lebens – aus dem Leben gewonnen, für das Leben zur Sprache gebracht. So vielfältig sich das Leben zeigt, so unterschiedlich sind die neun Spruchweisheiten. Sie bringen Jahwe ins Spiel. Nicht als Garant für ein sorgenfreies und gelingendes Leben, aber als ein unverfügbares Gegenüber, das über dem Lebensvollzug stehend wirkt und auf das man allezeit sein Vertrauen setzen kann.

Gepredigte Weisheit

Der Neujahrstag suggeriert einen Neuanfang. 365 Tage sind im Tagebuch meines Lebens noch unbeschrieben. Ich werde diese Tage nicht einfach erleben, sondern in meinem Wollen und Planen beleben wollen. So manches ist schon angedacht, was sich im Neuen Jahr verwirklichen soll: private Vorhaben, berufliche Fortschritte, familiäre Ereignisse, geplante Umbrüche, erhoffte Bewegungen.

Doch ich weiß: »Der Mensch denkt, Gott lenkt.« Was kann alles dazwischenkommen und meine gutgemeinten Pläne durchkreuzen?! Im Blick zurück erkenne ich, dass nicht alles so kommt, wie ich das erwarte, und sich längst nicht alle Wünsche so erfüllen, wie ich mir das vorstelle. Die Zukunft ist stets ereignisoffen. Es gibt keine Garantie für mich, dass meine Pläne sich hundertprozentig verwirklichen.

In den Sentenzen tritt hervor, dass das Tun des Menschen nicht geradlinig zielstrebig vom Entwurf zum Erfolg gelangt: Das Ausgesprochene entspricht nicht dem Gedachten (V. 1). Der vermeintlich gute Weg stellt sich als Irrweg heraus (V. 2). Das Vorhaben gelingt nur mit Gottes Segen (V. 3). Gott gibt auch dem Unverständlichen einen Sinn (V. 4). Ein stolzes Herz kommt zu Fall (V. 5). Gottesfürchtigkeit bringt Gutes hervor (V. 6). Wer dem Herrn wohl gefällig lebt, wird mit Frieden belohnt (V. 7). Besser wenig in Gerechtigkeit erwirtschaftet als viel durch Unrecht (V. 8). Das Geplante erfährt eine ungeahnte Wendung (V. 9).

Wir kennen gewiss unseren Unmut darüber, dass etwas nicht so gekommen ist, wie wir es uns ausgemalt haben. Doch mit ein bisschen Abstand sehen wir klarer und erkennen, dass es so, wie es geworden ist, sogar noch besser wurde, als wir uns das gedacht hatten. Haben wir es mit glücklichen Umständen oder mit einem fürsorgenden Gott zu tun? Sind wir noch einmal davon gekommen oder sind wir in Gottes Händen geborgen? Ist unser Leben ein Tasten im Dunkeln oder gibt es einen verborgenen Sinn?

Der Blick geht am Neujahrstag in eine ungewisse Zukunft. Wir können uns aber getrost Gott anvertrauen, der uns Möglichkeiten eröffnet, an die wir nie und nimmer gedacht haben. Der uns gerade da ein Wegbegleiter ist, wo wir uns allein gelassen vorkommen. Der uns zwar nicht vor allem Unangenehmen bewahrt, aber ganz gewiss darinnen.

Lieder

EG 64 »Der du die Zeit in Händen hast«
EG 329 »Bis hierher hat mich Gott gebracht«
EG 394 »Nun aufwärts froh den Blick gewandt«

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2012

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