29. April 2012, 2. Korinther 4,16-18
Jubilate

Von: Michael Rau
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Aus dem Holz der Bedrängnis geschnitzt

»Bedrängnis schafft Herrlichkeit« (V. 17). katergazesthai wird im handwerklichen Zusammenhang für das Schnitzen von Holz verwendet (Ex. 35,33 LXX). Die Bedrängnis schnitzt sozusagen an uns, um uns in das Bild zu verwandeln, das Gott seit Anbeginn von uns hat. Meint Paulus es so? Auf jeden Fall sieht er fortwährend Gott in uns am Werk, »der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, dass es sei« (Röm. 4,17). Gott ist es, der den inneren Menschen von Tag zu Tag erneuert, auch wenn der äußere Mensch verfällt.

Warum wohl sind so viele Paulusbriefe ins NT aufgenommen worden? Ich vermute deshalb, weil die frühen Christen wahrgenommen haben, dass Paulus’ Worte durch seine Glaubens- und Lebenserfahrung gedeckt waren. »Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängsten uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht ...« (2. Kor. 4,8ff) – das hat man Paulus wohl abgespürt. Dabei hat Paulus die Bedrängnisse nicht nur hingenommen, sondern hat sich geradezu an ihnen gefreut: »wir rühmen uns aber der Bedrängnisse« (Röm. 5,3).

Aus heutiger Sicht ist das widersinnig. Christen sehen sich eher berufen, Bedrängnisse zu beseitigen, Leiden zu verhindern, Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen und die Schöpfung zu bewahren. Mit mäßigem Erfolg allerdings. Ob darin eine Ursache für Burnout im Raum der Kirche liegt? Paulus hat genau andersherum gedacht. Für ihn war Bedrängnis etwas Positives. Allerdings nicht generell und nicht für jeden. Sondern nur für »uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare.«

Wenn wir Paulus folgen wollen, kommen wir ohne das Jenseits – jenseits der sichtbaren Welt – nicht weit. Paulus hat von dort her gelebt. In der evangelischen Kirche der Gegenwart spüre ich dagegen eher eine Angst vor dem Jenseits. Man will die Christen ja nicht sedieren, sondern aktivieren. Kann es sein, dass die Angst vor dem Jenseits den Glauben und die Verkündigung lähmt? Denn während das Jenseits aus der Verkündigung verschwunden ist, hat die Vitalität der evangelischen Gemeinden nicht unbedingt zugenommen. Paulus dagegen, ganz von der Hoffnung auf die ewige Herrlichkeit getragen, war hier in dieser Welt außerordentlich aktiv – und gleichzeitig bemerkenswert gelassen. Er konnte zugeben, was wir oft mit großem Kraftaufwand zu verdrängen versuchen: »Unser äußerer Mensch verfällt.«

Auch bei uns könnte viel Energie frei werden, wenn wir das einfach anerkennen. Und der Blick würde frei auf den inneren Menschen, an dem Gott der Schöpfer – oder Bildschnitzer – Tag für Tag arbeitet. Dem der Schöpfer mittels Bedrängnissen und Misserfolgen und Scheitern seine Gestalt gibt – eine neue Gestalt, die wir selbst nicht schaffen können.

In V. 17 überschlägt sich Paulus fast in Superlativen: die in ihrer Leichtigkeit kaum spürbaren Spuren von Gottes Arbeit schaffen ein überquellendes Übermaß an ewigem Gewicht aus Ehre und Glanz (doxa). Diese gewichtige doxa, die Paulus für die Ewigkeit vor Augen hat, beginnt sich durchaus schon hier in dieser Welt abzuzeichnen: Wir spüren das »Gewicht« eines Menschen – manchmal einfach als Lebenserfahrung der fortgeschrittenen Jahre, aber erst recht wenn jemand Schweres durchgestanden hat. Während bei der Jugend vielleicht der äußere Mensch makellos dasteht, mit dem inneren aber in der Regel nicht viel Staat zu machen ist.

Paulus hat das Unsichtbare ernster genommen als das Sichtbare. Und anscheinend war er gerade so faszinierend vital.

Michael Rau

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2012

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