Reflexe und Reflexionen zu Michael Klessmanns »Ambivalenz und Glaube«
Heilige Ambivalenz?

Von: Gerhard Marcel Martin
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

 Nachdem dem Pastoraltheologen Michael Klessmann zu seinem 65. Geburtstag eine Festschrift mit dem Titel »Ambivalenzen der Seelsorge«1 gewidmet worden ist und nachdem im selben Jahr, 2009, ein interdisziplinäres Schweizer Autorenteam zum Thema einen sehr elaborierten Diskurs zwischen Exegese, Soziologie und Praktischer Theologie veröffentlicht hat2, legt Klessmann nun eine umfangreiche Monographie zu »Ambivalenz« vor. Klessmanns Werk ist ein pastoralpsychologisches Programm, in vielen Diskursen souverän unterwegs, fachlich ausgewiesen auch durch ein bedauerlicherweise nur über www.kohlhammer.de im Internet zugängliches Literaturverzeichnis mit an die 400 Titeln. Das Buch ist ausdifferenziert, gut gegliedert und überaus engagiert. Ein »muss« im Untertitel spricht eine klare Sprache. Der Autor fordert: Angesichts postmoderner umfassender »Ambiguität« müssen innertheologische, gar dogmatische Konzepte von »Glaubensgewissheit« kritisiert und substituiert werden durch das pastoralpsychologische Deutungskonstrukt »Glaubensambivalenz«. »Ambiguität« dient hier zur Charakterisierung gegenwärtiger Vieldeutigkeiten, Widersprüche und Unklarheiten. Dabei geraten etliche Klassiker – Autoren und Positionen – in Quarantäne, nicht nur W. Härle (18, 241), W. Pannenberg, E. Jüngel, H. Rosenau und E.H. Erikson.

 

Ambivalenz im Glauben – kein Defizit

In der Ausgangsdefinition meint Ambivalenz die »gleichzeitige Widersprüchlichkeit im Denken, Fühlen und Handeln« (65, vgl. auch 50). Für Klessmann ist diese Ambivalenz im Glauben »nicht als Defizit«, sondern als »eine unvermeidliche, ja angemessene, notwendige und vor allem kreative und produktive Reaktion« (10, 29) zu verstehen. Pointiert und kursiv gedruckt heißt es im Einleitungskapitel, Glaube »[beinhalte] eine grundlegende und unvermeidliche Ambivalenz, […] nämlich die Gleichzeitigkeit von Gewissheit und Ungewissheit, von Vertrauen und Misstrauen, von Glaube und Unglaube, von Überzeugtsein und Vorbehalt, von Entschiedenheit und Unentschiedenheit, von Ja und nein« (25). Mit Lapanche/Pontalis sind derartige Konflikte »unauflösbar« und »unüberwindlich« (79).

Kompendienhaft wird dieses Konzept entfaltet und diskutiert, zunächst unter psycho-sozialen anthropologischen Perspektiven (Teil I), sodann theologisch: entwicklungspsychologisch, text-hermeneutisch, in Hinsicht auf Glaubensvollzüge (fides qua creditur) und Glaubensinhalte (fides quae creditur) (Teil II), um in einem Teil III (auch mit Vignetten aus der Praxis der Kirche) ein »Lob der Ambivalenz« zum Ausdruck zu bringen: »für einen lebendigen, widersprüchlichen und konfliktfreudigen Glauben in Theologie und Kirche« (253). Hier (260ff) finden sich gegen Ende auch Hinweise auf interessante weitere (Parallel)spuren, die Klessmanns Anliegen zu amplifizieren vermögen (Impulse von Matthias Varga von Kibed [Tetralemma], von W. Bion, H.B. und Carol Gelatt (using positive uncertainty), von Prozesstheologie und P.J.O. Tillich).

 

Trauer über den Verlust der Eindeutigkeit

Um Klessmanns Grundposition nicht zu affirmativ oder unkritisch erscheinen zu lassen, darf nicht unerwähnt bleiben, dass er durchaus auch pathologische, psychiatrisch auffällige Erscheinungsformen von »Ambivalenz« zur Sprache bringt. Menschen können von Ambivalenz »gleichsam überfallen« werden und »sich von ihr gelähmt [fühlen]« (81). Auch verschweigt er nicht Momente der »Trauer über den Verlust von Eindeutigkeit und Gewissheit« – gerade und auch im Zusammenhang mit in sich zusammenstürzenden Gottesbildern (235).

Die positiven Ziele dieses Plädoyers für Ambiguitäts- und Ambivalenztoleranz (47 u.ö.) sind durchaus wichtig und überzeugend vorgetragen: Als Gegensteuerung gegenüber autoritären Tendenzen, auch und gerade in den Kirchen, gegenüber Fundamentalismen aller Art und ihren Abwehrmechanismen wie Spaltung und Projektion geht es um Befreiung aus der Enge mancher kirchlicher Sozialisationen (Beispiel T. Moser, 208, 234), um »Autonomiegewinn« und um Verstärkung von »Resilienz« (86ff). Glaube kann »flexibler und lebendiger, zugleich aber auch labiler und verletzlicher« werden (253).

Die genannten Ziele können realisiert werden durch bewusste Wahrnehmung und reflektierte Akzeptanz von Ambivalenzen, durch Metakommunikation (95, 244) und durch eine »Streit- und Diskussionskultur«, die man – so Klessmann – »auch Ambivalenzkultur nennen könnte« (190). Klessmann formuliert pointiert: »fides qaerens communicatio« (sic!) (270). Wobei er auch wieder realitätsbezogen genug ist, um einzugestehen, dass eine derartige »Ambiguitätstoleranz ein gewisses Maß an materieller, sozialer und psychischer Stabilität voraus[setzt]: Man muss es sich quasi leisten können, Ambiguität wahrzunehmen und auszuhalten.« (48)

 

Restreviere für Glaubensgewissheit

Ich für meinen Teil entdecke bei Klessmann durchs Buch hindurch und vom Anfangskapitel an eine gewisse Rest-Ambivalenz in Bezug auf das im Untertitel deklarierte »muss« bezüglich der Transformation von »Glaubensgewissheit« zur »Glaubensambivalenz«. Es finden sich nämlich bei ihm durchaus Konzessionen, Restreviere für Glaubensgewissheit. Sie signalisieren aber unübersehbar, dass es sich dabei in gewisser Weise um eine nicht mehr angemessene, vorübergehend möglichweise unvermeidliche, eigentlich aber zu überwindende Position handelt. So werden im Kleingedruckten »Krisen- und Grenzsituationen« als »notwendige Ausnahmen von diesem Konzept« erwähnt. In diesem Fall mögen »Abwehr der Ambivalenz und damit vermeintliche Eindeutigkeit ein legitimer und vorläufig stabilisierender Mechanismus« sein (26). Das klingt wirklich nach nicht mehr und nach nichts anderem als einer, sogar leicht pathologisierenden Konzession. Kurz davor spricht Klessmann vom »Preis«, den man bei einer solchen affirmativen Position zu zahlen hat: »den Preis einer erheblichen Verleugnung der Komplexität der [religiösen] Wirklichkeit« (25). Im selben Zusammenhang widerspricht er theologisch und psychologisch Hartmut Rosenaus These, dass »Glaube als daseinsbestimmendes Vertrauen … dem Zweifel gegenüber zeitlich wie sachlich Priorität [hat]« (25). Demgegenüber plädiert er dafür, dass man angesichts der »Mehrdeutigkeit Gottes« »auch nur ambivalent reagieren kann und darf, liebend und hassend …« (234)

 

Undifferenziertes Label »Ambivalenz«?

Ich habe großen Respekt vor den Leistungen, die die Pastoralpsychologie in den letzten 50 Jahren für kritisches theologisches Denken und religiöses Leben und Erleben erbracht hat. Aber ich bleibe skeptisch bei dem Programm, eine zentrale existenziale und theologische Begriffsgröße wie »Gewissheit« austauschen zu wollen durch einen Fachterminus, der einer bestimmten tiefenpsychologischen Schulrichtung verpflichtet und dann auch ins Umgangssprachliche abgewandert ist. Das könnte jedenfalls – nicht nur, aber auch in der Praxis von Seelsorge, Unterricht und Predigt – dazu führen, etwas zu zügig und undifferenziert mit dem Label »ambivalent« zu operieren. Demgegenüber könnte eine aufrecht erhaltene Pluralität von Begriffen, die in den Diskursen Klessmanns alle in den Sog von »Ambivalenz« geraten, zur bleibenden Perspektivenvielfalt und zur differenzierten Wirklichkeitswahrnehmung und -beschreibung beitragen. Zu diesen Begriffen gehören: (innere) Pluralität/Vielfalt/Grundkonflikte/Polarität/Dichotomie/Widersprüchlichkeit/Paradox/Dialektik/Konflikt. Klessmann selber bringt sie bisweilen differenzierend ins Spiel (51f, 73 Anm. 40). Ich habe aber nicht den Eindruck, dass die Termini, die Klessmann aus verschiedensten Theorieansätzen in den Zusammenhang von »Ambivalenz« stellt, seriös rekonstruiert und eingegliedert sind; und es hat auch etwas Vereinahmendes und Gleichmacherisches, vor allem dann, wenn in den hinzugezogenen Referenzmaterialien selbst von »Ambivalenz« allenfalls am Rande oder überhaupt nicht die Rede ist (z.B. bei C.G. Jung und J. Ebach). Hier besteht doch die Gefahr, dass »differenzierte Textgehalte […] auf einen Skopus zurechtgestutzt [werden]« (272), was Klessmann in der Predigtpraxis gerade vermieden wissen will.

Eine weitere Spannung im Gesamtduktus des Werks sehe ich in dem Bemühen, einerseits zugunsten der eigenen Argumentation zu zeigen, dass es die Wahrnehmung von Pluralität und mit ihr verbundener Ambivalenzen seit der Antike (63ff), bereits im AT und NT (14, 159, 268), in der jüdischen und rabbinischen Schriftauslegung (166) und auch noch im Mittelalter (37, 173) gegeben hat, und dass auch dort bereits Individualisierungsschübe auszumachen sind. Andererseits soll »Ambivalenz« in der Postmoderne dann doch eine ganz andere Profilierung und Gewichtigkeit bekommen haben. Wie wenn die »Eindeutigkeit« – auf das Diktum von Zygmunt Bauman anspielend – nicht erst in der postmodernen Gegenwart ein »Ende« genommen hätte, weil sie nie einen faktisch deutlichen Anfang gehabt hat?

Im bleibenden Kontext meiner Auseinandersetzung mit Klessmanns Buch, aber auch über sie hinausgehend, möchte ich der Frage nachgehen, wie denn des Näheren die immer wieder behauptete »Gleichzeitigkeit« des Widersprüchlichen nicht nur zu denken sei, sondern wie sie im »Fühlen und Handeln« (65) zum Ausdruck kommt. Nach der Pawlowschen Reflexologie müsste es jedenfalls bei wirklich gleichstarken Impulsen mit sich widersprechenden Aufforderungen regelmäßig und nicht nur im pathologischen Einzelfall zur Erstarrung, zur völligen Handlungsunfähigkeit kommen. Anders und lebensfreundlicher geht die commedia dell’arte im Freiraum der Ästhetik mit der Fragestellung um. Sie zeigt zum Amüsement des Publikums durch rapiden Wechsel der Mimik im Sekundentakt, wie ein Mensch so gut wie zugleich weinen und lachen, schwitzen und frieren, lieben und hassen kann. Vielleicht ist es angemessen, hier von einem »oszillieren« zu sprechen – eine Kategorie, die Klessmann aus Diskursen der Soziologie importiert (101ff). Dabei ginge es analog zu Pendelbewegungen um »ein schnelles Wechseln zwischen gegensätzlichen Gedanken, Gefühlen, Verhaltensweisen« (102). Und Klessmann räumt ein, dass »der Begriff des Oszillierens […] das Ambivalenzkonzept [verändert]. Es entspricht der soziologischen Analyse besser, weil im Bereich des Denkens und Verhaltens kaum wirkliche Gleichzeitigkeit, sondern eher kurzfristiges Nacheinander bzw. Hin und Her anzutreffen sind.« (103)

 

Oszillierender Gefühlshaushalt

Ich frage: Entspricht das Konzept des Oszillierens nicht auch psychologischen Analysen, gerade im Bereich des Fühlens, generell »besser«? Nicht nur in der Spiritualität der Spirituals (»sometimes I am up, sometimes I am down«), sondern auch in der altorientalischen und jüdischen Weisheit, etwa beim Prediger Salomo, kommt ein solches Zeitkonzept zum Ausdruck: »Für alles gibt es eine Zeit: zu pflanzen und auszureißen/zu trauern und zu tanzen/zu lieben und zu hassen …« (Das Buch Kohelet 3,1-8). Dabei mag der Wechsel von einer Stimmungslage zur anderen, von einer Handlungs-Zeit zur anderen – je nach Situation – durchaus verschiedene Rhythmen und Längen haben. Bei solch einem Ansatz ist die Frage nach der »Gleichzeitigkeit« aufgehoben und transformiert in die Frage nach dem Kipp- und Wendepunkt vom einen »sometimes« zum anderen, von einer »Zeit« zur anderen. Dabei könnte in der einen »Zeit« die andere bereits irgendwie latent wirksam, gewissermaßen absprungbereit sein. Dies entspräche dem daoistischen Konzept von Yin und Yang, von der dynamischen Wechselwirkung entgegengesetzter Grundkräfte, die in der bekannten Darstellung symbolisiert ist, nach der in der schwarzen Hälfte einer Kreisfläche ein kleiner weißer Punkt zu finden ist – und umgekehrt.

 

Ambivalenz der Ambivalenzkonzepte

All diese Erwägungen aber auf die Mühlen eines generalisierenden Ambivalenzdiskurses abfließen zu lassen, scheint mir unangemessen. Sie stehen in gewisser Weise kritisch quer zu ihm, gewinnen ihm jedenfalls andere Aspekte ab. Allerdings darf auch nicht verschwiegen werden, dass Klessmann gegen Ende seines Buchs selbst auf Möglichkeiten hinweist, das Konzept von Ambivalenz zugunsten riskanter und riskierter umfassender Lebendigkeit noch einmal in erhöhte Schwingungsfrequenz zu versetzen: Über das Tetralemma [das Eine: das Andere/?sowohl als auch/weder – noch] hinaus ist mit höchstem Freiheitsgewinn eine »fünfte Position« denkbar, die anschlussfähig an Nikolaus von Kues (260f) und an mystische Traditionen und deren Aktualisierung in der Gegenwart (288f) ist.

Schließlich: Wenn tatsächlich alles in den Blickwinkel des Ambivalenten gerät, können davon auch Ambivalenzkonzepte nicht unbetroffen bleiben. Dafür gibt es einen außerordentlich gewichtigen Kronzeugen: Klessmann teilt – wenn auch nur im Kleingedruckten – seine Beobachtung mit, »dass Freud gegenüber seiner Ambivalenz-Theorie offenbar selber ambivalent eingestellt gewesen zu sein scheint«: »Wir können nicht so weit gehen zu behaupten, dass die Ambivalenz der Gefühlsbesetzungen ein allgemeingültiges psychologisches Gesetz ist, dass es überhaupt unmöglich ist, große Liebe für eine Person zu empfinden, ohne dass sich ein vielleicht ebenso großer Hass hinzugesellt oder umgekehrt.« (72) Solch ein unübersehbar selbstkritisches Zitat eines der wichtigsten Vertreter der Psychoanalyse, eines Kronzeugen aller Ambivalenztheorien nicht zu unterschlagen, ist ein Zeichen der Souveränität des Autors dieses pastoralpsychologischen Werks.

 

Anmerkung:

1 Anja Kramer/Günter Ruddat/Freimut Schirrmacher (Hg.): Ambivalenzen in der Seelsorge. Neukirchen-Vluyn 2009.

2 Walter Dietrich/Kurt Lüscher/Christoph Müller: Ambivalenzen erkennen, aushalten und gestalten. Eine neue interdisziplinäre Perspektive für theologisches und kirchliches Arbeiten. Zürich 2009. Die Autoren entwickeln ein »Analysemodul« mit vier verschiedenen Modalitäten der Ambivalenz-Dynamik und konstatieren noch im Schlussteil des Werks »die Notwendigkeit, das Verhältnis zwischen Polarität, Dualität und Dialektik […] im Hinblick auf die Analyse von Ambivalenzen prägnant und überzeugend zu klären« (229).

 

Literaturhinweis:

Michael Klessmann, Ambivalenz und Glaube. Warum sich in der Gegenwart Glaubensgewissheit zu Glaubensambivalenz wandeln muss. Kohlhammer. Stuttgart 2018, 289 S.

 

Gerhard Marcel Martin


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Rausgehen, zuhören, erleben, reden
Kirche und Wirtschaft im beruflichen Austausch
Artikel lesen
Neue Schläuche

Artikel lesen
Quo vadis, ecclesia?
Eine Antwort und Fortführung zu den Überlegungen Christian Grethleins
Artikel lesen
Kirche und Internet
Nur Mut, Julian Assange!
Artikel lesen
Gibt es die Kraft, die selig macht?
Die Frage nach Gott heute
Artikel lesen
"Heimkehr zu Gott"
Dichter-Konversionen zum Christentum, Teil III: Karl Jakob Hirsch
Artikel lesen
Josef und ihre Geschwister
Transidentität in der Bibel als Herausforderung für Kirche und Gemeinden
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!