Die 10. Weltversammlung von Religions for Peace in Lindau
Friedensverantwortung der Religionen

Von: Johannes Lähnemann
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 Seit ihrer Gründung mit der ersten Weltversammlung 1970 in Kyoto/Japan hat sich Religions for Peace/RfP (früher: World Conference on Religion and Peace/WCRP) zur weltweit größten multireligiösen Koalition für Friedensfragen entwickelt: als bei der UNO akkreditierte NGO (Non-Governmental Organization), international vernetzt, mit inzwischen mehr als 100 nationalen Sektionen, bis hin zu lokalen Basisgruppen. Jetzt hat erstmals die alle 5-7 Jahre anberaumte Weltversammlung vom 20.-23. August 2019 in Deutschland stattgefunden. Johannes Lähnemann berichtet.

 

900 Religionsvertreter*innen aus 125 Ländern und 17 Religionen waren nach Deutschland gekommen – mit einer Frauen- und einer Jugendkonferenz am Vortag. Warum in der kleinen Inselstadt an Bodensee? Dort befindet sich ein großes Tagungszentrum, das für die jährlichen Nobelpreisträgertreffen gebaut wurde, mit denen die Stadt international bekannt wurde. Als im Generalsekretariat von Religions for Peace in New York ventiliert wurde, wo sechs Jahre nach der letzten Weltversammlung in Wien wieder eine Weltversammlung stattfinden könnte, boten das deutsche Außenministerium und die Lindauer Stiftung »Ring for Peace – Friedensdialog der Weltreligionen und Zivilgesellschaft« an, die Weltversammlung nach Deutschland zu holen. Im Außenministerium ist – angestoßen noch von Frank Walter Steinmeier in seiner Zeit als Außenminister, ausgeführt dann unter Sigmar Gabriel – ein Arbeitsbereich »Friedensverantwortung der Weltreligionen« eingerichtet worden. Es war eine nüchterne politische Überlegung, dass immerhin 80% der Weltbevölkerung von einer religiösen Bindung geprägt sind und dass die führenden Persönlichkeiten der Religionen in den meisten Ländern einen wichtigen Einfluss in ihren Gesellschaften haben und somit ein Faktor sind, der auch in der Außenpolitik im Blick sein muss. Religionen können, wenn sie extremistisch ausgelegt und machtpolitisch missbraucht werden, Brandbeschleuniger in Konflikten sein. Sie können aber, wenn sie ihre Friedensbotschaften ernst nehmen, auch vorbeugen vor Konflikten, in Konflikten vermitteln und nach Konflikten Versöhnung stiften. In Südafrika zur Beendigung der Apartheid, in Sierra Leone zur Beendigung des Bürgerkrieges, in Serbien und Bosnien nach dem Ende des Krieges im ehemaligen Jugoslawien, in Mozambique und in weiteren Brennpunktregionen haben sie das gezeigt.1

Das Gesamtthema für die Konferenz knüpfte daran an: »Caring for our common future« – Advancing Shared Well Being«, »Für unsere gemeinsame Zukunft sorgen – das Gemeinwohl für alle fördern« – und es wurde konkret in fünf Inhaltsbereichen darüber gearbeitet:

1. Eine multireligiöse Vision positiven Friedens
2. Bewahrung vor und Transformation von gewaltsamen Konflikte
3. Förderung gerechter und harmonischer Gesellschaften
4. Arbeit an einer nachhaltigen, integralen menschlichen Entwicklung
5. Schutz der Erde.

 

Hoch aktuell: die UN-Konvention zum Schutz religiöser Gebäude

Zu all diesen Problembereichen waren Analysen vorbereitet, gab es Podien und Arbeitsgruppen, und es wurden Entschließungen eingebracht und angenommen. Dazu gehörte die Vorbereitung einer UN-Konvention zum Schutz religiöser Gebäude, nach den Angriffen auf die Moschee in Neuseeland und die Synagoge in Halle hoch aktuell, eine »arms down«-Kampagne, besonders von der Jugend vorangetrieben, eine Charta für Vergebung und Versöhnung zur Aufarbeitung von Konflikten, eine »Alliance for Virtues« zur Verpflichtung auf gemeinsame Werte, nicht zuletzt – im Angesicht der Amazonas-Brände – eine Regenwald-Initiative für die Zusammenarbeit indigener Völker mit religiösen und zivilgesellschaftlichen Akteuren (alle Dokumente über https://rfp.org/home-3/10th-world-assembly/).

Bewusst eingeladen waren zur Konferenz Delegationen aus Ländern, die von besonderen Spannungen und Auseinandersetzungen geprägt sind. Dazu gehörten Buddhisten, Muslime, Christen und Hindus aus Myanmar – nach der Vertreibung der muslimischen Rohingyas und ihrer Flucht nach Bangladesh, eine Delegation aus Nord- und Südkorea, Religionsangehörige aus dem Kongo, aus Uganda, aus dem Südsudan. Aus Lateinamerika waren Angehörige der indigenen Völker angereist, die zusammen mit Christen Vorkämpfer gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen im Amazonasgebiet sind. Für die MENA-Region (Middle East/North Africa) sprachen mutige Frauen – die ersten weiblichen Abgeordneten der Parlamente in Tunesien und dem Irak, eine koptische Ministerin aus Ägypten, eine Botschafterin aus Bahrain. Sie kämpfen für echte Gleichberechtigung, Bildung und Berufschancen für Frauen in den traditionell patriarchalischen Gesellschaften.

 

Eine Festtafel für 1000 Menschen

Wie sehr ihm die Friedensbemühungen mit den Religionen ein Herzensanliegen sind, machte Bundespräsident Frank Walter Steinmeier bei der Eröffnung der Weltversammlung deutlich. Er betonte: »Ich glaube, Religionen können als wirkmächtige und belastbare Förderer des Friedens einen unverzichtbaren und auch unersetzbaren Dienst an den Menschen leisten. Religions for Peace hat dazu beigetragen, gerade das wieder zu entdecken. Und zwar nicht nur in wohlformulierten Absichtserklärungen, die nichts kosten, sondern auch im praktischen Alltag, gerade auf regionaler und lokaler Ebene.« (s. www.bundespraesident.de/Reden) Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Kardinal Reinhard Marx richteten der Versammlung gemeinsam ein herzliches Willkommen von Seiten der deutschen Kirchen aus.

Alle Teilnehmenden waren tief bewegt von der herzlichen Aufnahme in Deutschland und der Gastfreundschaft in Lindau, besonders diejenigen, die mitten aus Konfliktgebieten angereist waren, hier einmal aufatmen konnten und im geschützten Raum Friedenspläne entwerfen. Die Gemeinden der Stadt (evangelisch, katholisch, muslimisch) hatten am Mittwochabend zwischen den beiden großen Kirchen eine lange Tafel mit selbst bereiteten Gerichten aufgebaut, an der schließlich 1000 Menschen satt wurden.

Jeder Morgen wurde eröffnet mit Gebeten und Besinnungen aus verschiedenen Religionen. Es wurde auch gesungen und getanzt am Bodenseeufer, wo der 7,50 m hohe hölzerne Ring for Peace als unübersehbares Zeichen für das Verbindende, aber auch das Verschiedene und sich Ergänzende in den Religionen aufgestellt war. An diesem Ring wurde die schon erwähnte Initiative zum Schutz religiöser Räume – Kirchen, Moscheen, Synagogen … – weltweit gestartet, und es wurde von Beispielen berichtet, wo sich Muslime schützend vor Kirchen gestellt haben, Christen vor Moscheen, Christen und Muslime und andere engagierte Bürger vor Synagogen, wo diese von Extremisten bedroht wurden.

Vor der Inselhalle befand sich die Agora, auf der in Zelten ein »Markt der Möglichkeiten« aufgebaut war. Dort informierten die deutschen Regionalgruppen von Religions for Peace, der Runde Tisch der Religionen in Deutschland, die Stiftung Weltethos, die Lindauer Friedensräume, der Zivile Friedensdienst (ZFD), das ICAN-Netzwerk zur Abschaffung atomarer Waffen und weitere Friedensinitiativen über ihre Arbeit. Lindauer Bürger und Touristen konnten dort mit Vertreter*innen der Organisationen und mit Delegierten der Weltversammlung ins Gespräch kommen.

 

Religionen und Friedenserziehung

An der inhaltlichen Arbeit war ich selbst als Vorsitzender der Ständigen Kommission für Friedenserziehung (Peace Education Standing Commission/PESC; http://www.wcrp-nuernberg.de/pesc.html) von Religions for Peace beteiligt. Unter der Thematik »Religious Values and Peace Education: a Practical Approach« konnte ich einen Workshop über Projekte interreligiöser Friedenserziehung leiten. Das Aufgabenfeld »Religionen und Friedenserziehung« wurde in allen Inhaltsbereichen der Weltversammlung mit angesprochen und in seiner Relevanz hervorgehoben.

In unserem Workshop war die Gelegenheit gegeben, in einem umgrenzten Kreis von 17 Experten und in diesem Arbeitsfeld Engagierten aus zehn verschiedenen Ländern und religiös-kulturellen Kontexten Grundfragen interreligiöser Friedenserziehung und die Erfahrungen in konkreten Projekten zu erörtern. Darunter waren Ela Gandhi, Enkelin von Mahatma Gandhi, Vorkämpferin für Frauenrechte und integrative Erziehung für Vorschulkinder in Südafrika, Taoufik Hartit, Präsident der muslimischen Pfadfinderschaft in Deutschland, Heidi Rautionmaa, Entwicklerin interreligiösen Unterrichtsmaterials in Finnland, Uli Jäger, Leiter des Instituts für Friedenserziehung in Tübingen, Patrice Brodeur, kanadischer Friedenspädagoge, Günther Gebhardt für die Stiftung Weltethos.

Bei all der Verschiedenheit der Kontexte wurde im Teilnehmerkreis des Workshops als Grunderkenntnis festgehalten, dass interreligiöses und ethisches Lernen eine Schlüsselbedeutung hat für gegenseitiges Verstehen, Toleranz und den Aufbau einer Willkommenskultur, die Voraussetzung für die Entwicklung gerechter und harmonischer Gesellschaften ist. Von Ela Gandhis Konzept ganzheitlichen und kontextuellen Werte-Lernens schon mit Vorschulkindern in den Townships Südafrikas, deren Erzieherinnen und Eltern bis hin zur Bewegung der Weltethos-Schulen, die sich einem gemeinsamen Ethos verpflichten, reichten die praktischen Beispiele.

 

Ein Aufruf zu gemeinsamem Handeln

Die Abschlusserklärung der Weltversammlung endet mit einem Aufruf, der gleichzeitig eine Selbstverpflichtung beinhaltet:

Aufruf zu gemeinsamem Handeln

Geleitet von den Grundsätzen unserer eigenen religiösen Tradition, und in Respekt vor den religiösen Unterschieden, verpflichten wir uns zu einer grundlegenden Zusammenarbeit für positiven Frieden. Wir wollen als Partner mit aufrichtigen Gläubigen anderer Religionen und Frauen und Männern guten Willens in Angelegenheiten tief wahrgenommener und breit geteilter moralischer Bedenken zusammenarbeiten:

Versöhnung stiften als einer zentralen Dimension positiven Friedens zwischen Personen, Gemeinschaften und Nationen – wie sie in der Friedens-Charta für Vergebung und Versöhnung ausgedrückt ist;

uns verpflichten, vollgültiger Partner bei der internationalen Kampagne zur Abschaffung atomarer Waffen zu sein;

eine Wertegemeinschaft entwickeln auf der Basis einer Erklärung von Werten (eigentlich: »Tugendhaltungen«), die uns über unsere religiösen Traditionen hinweg und in anderem (ergänze: weltanschaulichem) Werte-Erbe verbinden;

uns zur Zusammenarbeit mit der interreligiösen Regenwaldinitiative verpflichten, um das öffentliche Bewusstsein zu wecken, Aktionen gegen den Klimawandel zu unternehmen und für eine Politik einzutreten, die die Erde schützt. (eigene Übersetzung)

Ein Zeichen des Aufbruchs war nicht zuletzt, dass als Nachfolgerin von William Vendley, der 25 Jahre lang die Arbeit von Religions for Peace als Generalsekretär geleitet und in vielen Konflikten vermittelt hat, mit Azza Karam eine aus Ägypten stammende Muslima zur Generalsekretärin ernannt wurde. Sie war bisher Professorin für Religion und Entwicklung an der Freien Universität Amsterdam und Koordinatorin für das interreligiöse UNO-Netzwerk für Entwicklung, Menschenrechte, Frieden und Sicherheit.

Für Deutschland wird es darauf ankommen, mit den Erfahrungen dieser Weltversammlung die interreligiöse Netzwerkarbeit weiter zu entwickeln. Sie leidet bisher noch unter der Vereinzelung der Initiativen und zu geringer öffentlicher Wahrnehmung, auch wenn es durch die Basisgruppen von Religions for Peace (www.religionsforpeace.de), den Runden Tisch der Religionen in Deutschland (www.runder-tisch-der-religionen.de) und den 2018 gegründeten Bundeskongress der Räte der Religionen (https://rat-der-religionen.de), die in vielen deutschen Städten entstanden sind, gute Ansätze dazu gibt. Aufgaben gibt es genug: im Bereich Begegnung und Bildung, in der Stärkung zivilgesellschaftlicher Kräfte für Offenheit, Toleranz und gegenseitige Wertschätzung, gegen Extremismus, Antisemitismus und Islamophobie – und dabei aus den geistlichen Quellen der Glaubenstraditionen zu schöpfen, die Mut und Kraft verleihen können für solidarisches Leben und Wirken.

 

Anmerkung:

1 S. die Bücher von Markus Weingardt: Religion Macht Frieden. Stuttgart 2007, und: Was Frieden schafft. Religiöse Friedensarbeit. Akteure – Beispiele – Methoden. Gütersloh 2014.

Johannes Lähnemann

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2019

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