Der Umbau eines Kirchraums und die Selbstvergessenheit der Gemeinde
Warteraum auf das Ewige oder Austauschrunde für eine Wahrheit im Dialog

Von: Thomas Hirsch-Hüffell
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Wenn Gemeinden herausgefordert sind, ihren Kirchenraum neu zu gestalten, dann wird rasch eine kaum überschaubare Vielfalt an Wünschen hörbar. In aller Regel dominieren dabei funktionale und praktische Erwägungen, während eine theologische Reflexion unterschiedlicher Raumkonzepte meistens zu knapp gerät. Doch Kirchenräume verraten viel über das dahinter stehende Gottesbild und Gemeindeverständnis. Thomas Hirsch-Hüffell liefert für die Diskussion einige grundlegende Aspekte und Kriterien.

 

Umbau religiöser Gewohnheiten und Röhrenblick

Das Innere einer Kirche neu zu gestalten ist für eine Gemeinde eine große Herausforderung. Der Prozess der Einigung über Formen, Farben, Materialien und Richtungen kann eine Leitung schon mal innerlich zerreißen. Da sind die »Ureinwohner«, die an allem hängen, was sie einst mit beschlossen haben. Die Kirchenmusiker*innen wittern die einzigartige Chance ihres Berufslebens in Richtung auf einen musikalisch brauchbaren Aufführungsraum. Die mit Kindern arbeiten, freuen sich auf flexible Verhältnisse. Die Feng-Shui-Begeisterten wissen, wo alles zu stehen hat und wo nicht. Die »IKEA-Fraktion« besteht auf freundlichen Polstern. Die Diakonin möchte in die Kirche gleich eine Küche für die Armenspeisung einbauen. Der Bauingenieur im Team besteht auf der Erneuerung der elektrischen Leitungen. Pfarrer Müller möchte unbedingt das Kirchencafé im Rückraum der Kirche, damit die Leute auf dem Weg zum Gemeindehaus nicht verloren gehen. Mütter verlangen nach einer Sandkiste für die Kleinsten während des Gottesdienstes. Relativ moderat treten oft die Pastores auf. Sie sind zufrieden, wenn man ihnen die Kanzel lässt oder etwas Entsprechendes. Theologisch sagen sie zum Raum meist wenig. Man bräuchte geistliche Kenntnisse. Aber der Protestantismus entdeckt die Raumtheologie erst allmählich.

Man sammelt all diese – oft disparaten – Kriterien, man möchte es heller, man wünscht andere Beleuchtung und einen schicken Altar vorne. Mehr weiß man oft nicht zu wünschen. In allem geht es um funktionale oder dekorative Kriterien. Damit wendet man sich an ein Architekturbüro. Das nimmt alles freundlich auf und unterbreitet nach einiger Zeit ein Exposé. Die Gemeindeleitung ist entsetzt und/oder entzückt und/oder ratlos und merkt oft erst anhand des fertigen Entwurfs, was sie auf keinen Fall will. Ist das Büro flexibel, wird es Variationen präsentieren. Aber manchmal waren im ersten Anlauf die Vorgaben so vage, dass die Bau-Profis ganz von vorn anfangen müssten, wenn sie die erste Reaktion des Vorstands auf die Idee hören. Das klappt nicht immer. Man trennt sich – oder es geht gemeinsam anders weiter. In jedem Fall kostet das erste Exposé schon mal vierstelliges Geld – egal was später passiert. Das sollte man wissen. Manche zahlen dies Lehrgeld und nehmen neue Architekten.

Dieserart Krebsgang ist vielleicht nötig für die Bildung des Bewusstseins. Nur, er ist oft teuer und erzeugt auch Frust. Man könnte sich auch vor allen Aufträgen etwas gründlicher intern beraten lassen, wie ein kirchlicher Raum auf Dauer funktioniert. Der hat eine etwas andere Logik als ein Wohn- oder Spielzimmer. Darüber wissen auch die Pastores nicht immer Bescheid. Die Beratungsstellen für Gottesdienst oder in seltenen Fällen auch theologisch bewanderte Angestellte des Kirchenkreises für Bau können helfen. Wenn sie wirklich raumtheologisch und nicht nur formal denken können.

 

Umbau als innere und äußere Fortbildung

Ein Gottesdienstraum ist einerseits ein Baudenkmal, das in seiner bestehenden Logik und Geschichte als gegeben genommen werden will. Darum kommt man nicht herum, wenn man nicht alles neu bauen will. Man braucht also eine Einweisung in die Chancen und Grenzen des vorhandenen Raums. Das betrifft auch die Gestaltung des vorderen Teils der Kirche. Der ist in der Frontalanordnung der Prozessionskirche der zentrale Aufmerksamkeitsort. Dorthin werden durch die Bänke meist alle ausgerichtet, während sie im Gottesdienst sitzen. Dazu kommen Rückräume und Seitenschiffe. Sie sind marginaler bespielt oder gar nicht, daher auch weniger umkämpft. Was vorne steht, hängt, leuchtet oder lockt, das ist oft Gegenstand erbitterter Auseinandersetzungen. Dieser Gestaltungsfokus bannt eine Gemeinde oft so sehr, dass man von einer Art Röhrenblick sprechen kann.

Was wertig und dauerhaft vor Augen besteht und die Gläubigen erbaut, das ist schon wichtig, aber es ist dem Geschmack der Normalbürger eher entzogen. Der Ficus als Spende von Oma Piepenbrink oder das Gehäkelte am Altar haben eine kurze Halbwertzeit. Viele denken in den Kategorien, mit denen sie zuhause ihre Schrankwand bestücken. Das ist charmant, aber es trägt nicht immer.

Dagegen kann etwas zunächst Fremdartiges auf Dauer die Gemüter tiefer bewegen und einhegen als das, was ein Kompromisskonsens leistet. Deswegen bestellt man ja externe Architekt*innen und Künstler*innen. Sie geben die örtlichen Ideen der Gemeinde verfremdet zurück. Sie haben sich lange vertieft in die Dauerwirkung von Materialien und Formen und kennen viele andere Modelle, von denen sie erzählen können. Auf diese Weise sieht die Gemeinde dann nicht nur ihren eigenen Geschmack gespiegelt, sondern bekommt einen neuen Anstoß. So müssen sie nicht immer dasselbe sehen, denken und tun. Das ist ein wichtiger Prozess.

Denn kaum etwas ist hartnäckiger als eine religiöse Gewohnheit oder Blickrichtung. Hier kann und muss Gemeinde untereinander mit Argumenten ringen, nicht nur mit Geschmacksurteilen. So lernen alle, die guten Willens sind, begründen, was sie fühlen. Nur das macht Gemeinde sprachfähiger. Das Gespräch über religiösen Ausdruck ist meistens unterentwickelt. »Religiös ausdrücklich« ist man im Kämmerlein, wo keiner guckt. Oder versteckt in der Bank. Dadurch fehlt es an Sprache für solche Empfindungen. Aber man kann das ansprechen und einander damit erhellen. Anschließend ist man erschöpft, aber man hat sich neu zusammengerauft, Menschen staunen freudig übereinander – all das belebt.

Am Ende verliert man mit einer bestimmten Entscheidung öfter mal Menschen, das ist der Preis von Erneuerungen. Nie werden alle gut finden, was (um)gebaut wird. Darauf sollten sich alle von Beginn an einstellen. Das ist normal, wenn es passiert. Die Neigung immer alle mitnehmen zu wollen ist tapfer, aber völlig unrealistisch. Wenn man es lässt, wie es ist, verliert man auch Leute. Jede Form hat einen Gewinn und ­einen Preis.

 

Gestaltung der Gemeindezone im Kirchraum

Erstaunlicherweise gerät bei dieser hypnotischen Fixierung auf den Altarraum die viel größere Zone der Kirche aus dem Blick: Ein Gottesdienstraum hat den umfangreichsten geistlichen Spielraum dort, wo normalerweise Bänke stehen und Menschen sitzen. Die Gemeinde vergisst sich oft selbst als Menge im Raum zu gestalten. Wie wollen wir beten? In welcher Haltung? Wohin? Was und wen wollen wir sehen und hören? Wie können wir singen, damit es uns und andere erbaut? Wie räumlich umgehen mit kleinen Menschengruppen in der Kirche?

Die Sitzordnung steht oft gar nicht zur Debatte. Die Frontalstellung der Sitze nach vorn scheint fast immer als vorgegeben, auch die Bank als Möbelform. Diese Selbstvergessenheit ist Ergebnis eines jahrhundertelangen Trainings. Man hat immer nach vorn geschaut, wo wichtige Symbole und auserwählte Personen religiöse Abläufe stellvertretend vorführen. Der »Zuschauerraum« ist erlahmt und enteignet, weil ihm alles abgenommen wird. Die Akteure dagegen sind hoch belastet allein und vorne.

Wendet man sich also – am besten unter Anleitung – der »Gesellungsform« Gemeinde in der Kirche zu, so entdeckt man einen sehr vitalen Gestaltungsraum, der ganz eigene starke geistliche Dimensionen darstellt. Es macht einen großen theologischen und gemeindlichen Unterschied, ob man »das Heilige« weit vorn ansiedelt oder näher an der Gemeinde – z.B. als Fokus eines Halbkreises oder gar als Doppelbrennpunkt (z.B. Wort und Sakrament) in einer Ellipse.

Es lohnt also, eine Weile abzusehen von der Altarraumgestaltung und sich der sakralen Aussage der Sitzordnung zuzuwenden. Denn Menschen können in ihrer Haltung noch anders glauben als eingereiht und ausschließlich von vorne angesprochen. Manche möchten andere sehen beim Gottesdienst, wieder andere wollen auf die Erde (Kinder z.B.), oder es soll zeitweise dialogisch zugehen. Gemeinsamer Glaube ist in den Gemeinden unter der Woche längst deutlich symphonischer, vielgestaltiger und demokratischer als die Sitzordnung in der Kirche es abbildet. Die erinnert an Königshöfe. Einer thront vorn, alle anderen kauern gehorsam und still gegenüber. Und der eine Gott als Haupt regiert. Dabei geht es selbst in der göttlichen Trinität demokratischer und geselliger zu als in unseren Thron­sälen.

 

Raumkunde als Anregung

Der Raum der Gemeinde ist also genauso liturgisch und geistlich bedeutsam wie der Altarraum. Das ist für viele ein neuer Gedanke. Sie kennen nur, dass alles Wesentliche vorn angesiedelt ist. Aber der Raum der Gemeinde prägt das Geschehen mindestens so stark wie die Personen vorn und die Prinzipalstücke, Kruzifixe und Fenster.

Der Spielraum Kirche ist zu Stein geronnene Theologie bzw. Ekklesiologie. Ob man direkt oder indirekt kommuniziert beim Gottesdienst, in welchen Abständen man vom Zentrum sitzt, welche Gebets- und Gesangsrichtungen allein durch den Raum festgelegt sind – all das prägt die geistliche Praxis spielentscheidend.

Der frontale Aufbau des Raums mit seiner hierarchischen Struktur und seiner Distanz zum Zentrum vorne ist der im Kirchbau vorherrschende. Er erlaubt einfach zugängliche und altbewährte Meditation. Man kann für sich allein sein, selbst wenn andere da sind – ähnlich wie im Wald. Dasein ohne Leistung oder Beobachtung ist eine Sehnsucht, der dieser Raum entgegenkommt. Man nähert sich – so die Logik der Prozessionskirche – durch das Schiff von hinten nach vorn dem »Heiligen« an – das tut auch die Liturgie durch ihren Eingangs- und Wortteil bis hin zum Mahl, das die größtmögliche Nähe zelebriert. So die Idee der Architektur. Faktisch sitzt man aber dauerfixiert auf Abstand.

Wenn sich 5-30 Menschen im 200-Menschen-Kirchenschiff in homogener Dichte verteilen und auf freier Platzwahl bestehen, dann muss die Frage erlaubt sein, ob das noch Sinn macht. Gemeindegesang ist z.B. dann kaum noch möglich. Diese Form wird aber als so selbstverständlich empfunden, dass allein die Frage irritiert, ob man auch anders sitzen und damit ein anderes Bild von Gemeinde (und von Gott) abbilden könnte.

Jahrhundertealte Gewohnheiten nordeuropäischer Frömmigkeit wirken. Hier gibt es noch viel zu entdecken. Das ist ein Generationenprojekt. Einige Andeutungen im Hinblick auf den Sitzraum mögen hier genügen. Etliche Gemeinden haben sich bereits (mindestens in der Winterkirche) auf den Weg gemacht und erproben neue Sitzformen.

Um es deutlich zu sagen: die Frontal-Form ist sinnvoll. Es wird sie zu Recht immer geben. Wenn Gemeinden aber keine anderen Raumformen denken können, die ihrer und der Wandlung im Gottesbild auch entsprechen, dann ist es bedenklich.

 

Ein Überblick der gängigsten Raumkonzepte

• Der frontale Aufbau der Sitzanordnung. Bänke stehen ausgerichtet nach Osten, dem Ort der aufgehenden Sonne – gleichbedeutend mit dem auferstehenden oder wiederkehrenden Christus: Orient – Orientierung. Diese Ordnung deutet das ausstehende Heil an und provoziert den Gestus von Ehrfurcht vor dem Unzugänglichen und Erwartung in Gesang, Anbetung und Ausrichtung »nach vorn« oder gar »nach draußen« in die Ferne der ausstehenden Ankunft. Eine Art überdimensioniertes Wartehaus.

Diese Anordnung inszeniert Abstand. Es gilt die klare Hierarchie der Werte: was vorne ist, ist wichtiger als das hinten. Deshalb setzen sich Leute in solchen Kirchen instinktiv nach hinten. Gleichzeitig ordnen die Bänke den Raum so zwingend, dass es kein Ausweichen gibt. Das diszipliniert und entlastet – und ergibt bei ungeübten Menschen einerseits Klarheit, andererseits oft den Eindruck, man werde hier ausgerichtet und indoktriniert.

Die Distanz zwischen hinten und vorn hat eine Entsprechung untereinander: Man schaut sich bei der Glaubensausübung nicht zu, sondern nimmt einander eher indirekt wahr. Der Mitchrist dient meiner Erbauung nicht oder nicht direkt, höchstens dadurch, dass er gekommen ist, und im Gesang. Klassisches Argument: »Das ist auch gut so, das würde mich nur ablenken, wenn ich andere genauer sehen könnte.« Das soll gern so sein. Nur Menschen sind verschieden. Manche vertieft und belebt es geistlich, wenn sie anderen beim Beten zuschauen dürfen. Sind die verschiedenen Kommunikationstypen in einem Kirchraum abbildbar? Oder müssen alle dasselbe tun? Niemand weiß, wie viele nicht kommen, weil es ist, wie es ist.

• Der Aufbau im Halbkreis deutet die Präsenz des Heils (meist durch den Altartisch bezeichnet) in unserer Mitte an – bei offener Haltung hin zum Unverfügbaren dahinter (Kruzifix, Fenster usw.). Das inszeniert Halbdistanz. Menschen reagieren darauf instinktiv mit der Platzwahl weiter vorn. Nach vorne hin ist auch Aufbruch denkbar. Gleichzeitig kann von da etwas einfallen. Man nimmt die anderen und sich darin deutlicher als Gemeinschaft wahr. Meist nur aus den Augenwinkeln. Die Mitchristin kann mir möglicherweise durch ihre liturgisch mitagierende Haltung zur Erbauung dienen. »Das Heilige« rückt näher und gerät eher in eine Art »Wohnzimmeratmosphäre«. Es ist habhafter, kleiner und provoziert weniger Ehrfurcht. Man »muss« anderen gelegentlich beim Glauben zusehen und kann dadurch – je nach Kommunikationstyp – abgelenkt oder erbaut werden.

• Der Kreis feiert das Heil in der Mitte, fokussiert die Gemeinde und hält das Unverfügbare quasi über allen offen – meist in entsprechend konstruierten Kirchen durch einen Lichtschacht über dem Altar. Das inszeniert Nähe – auch Nähe zueinander. Ihm entspricht ein Gottesbild, das uns aus der Mitte eint (z.B. im Mahl). Die symbolisch dargestellte Transzendenz ist auf der horizontalen Ebene schwer zu ermitteln. Da sitzen andere Menschen neben dem Altar. Als Kreis gebaute Räume lösen das gelegentlich, indem sie über der Mitte den Raum als Kuppel oder Zelt aufsteigen lassen.

• Die Ellipse hält die Spannung offen zwischen rechts und links, zwischen vorn und hinten. Allerdings sind diese Kategorien im Grunde aufgehoben: Es gibt innerhalb der Ellipse kein »Vorn« oder »Hinten«. Höchstens ein »Rechts« oder »Links«, das subjektiv vom Standpunkt des Betrachtenden abhängt.

Altar und Ambo auf den Brennpunkten der Ellipse zeigen die Polarität und Einheit von Wort und Sakrament. Diese Anordnung inszeniert Dialog innen und außen. Das Bild der Gegenwart Gottes ist der Dia-Logos, also das trinitarische Gespräch, in das die Gemeinde gerät. Das ist eine spannungsreiche Figur, die Vertrautheit mit dem Heiligen voraussetzt und auf Dauer zugleich fördert. Was wir für »heilig« halten, stellt sich nicht mehr als monarchisch inszenierter Punkt, sondern in einer Art von fließendem Hin- und Her-Prozess dar. Die Wahrheit entsteht im Hin und Her. Das ist neu. (Von Kirche kennt man sonst immer nur die eine Wahrheit, und die kommt von oben, vorn oder vom Papst.)

Man trifft solche Aufstellungen in Predigerseminaren und anderen konventikelartigen Versammlungen. Die Hierarchie ist hier wie im Kreis fast aufgehoben. Die katholische Kirche Christophorus in Westerland auf Sylt z.B. ist als »Schiff-Ellipse« gebaut und hat in der Mitte – außer Ambo und Altar – ein begehbares Taufbecken in der Erde.

Ein Beispiel für die Neuorientierung des Raumes und im Raum ist die Kirche der Stille in Hamburg, www.kirche-der-stille.de: Man hat diese Kirche 2008 verkürzt, neu zentriert, alle Sitzmöbel herausgenommen und die Erde als Platz eröffnet. Man kann Stühle oder Kissen nach eigener Wahl aufstellen. Von ca. 300 Erziehenden (u.a. aus Schulen und KiTas), die dort in Methoden für Stille mit Kindern unterrichtet werden, äußerten sich ca. 250 ungefragt sehr angetan über die Freizügigkeit dieses Raumes. Hier »müsse« man ja nichts, sondern hier »dürfe« man sein. »So ist Kirche schön für mich!« Etliche nutzen den Ort nun als »ihre« Kirche, kommen auch außerhalb des Dienstes wieder, begehren Taufen usw …

Bislang haben die kirchentreuen Menschen mit ihrer (meist distanzierten) Frömmigkeit das frontal orientierte Raumerleben geprägt. Ein Erlebnis wie das in der Kirche der Stille zeigt: Es gibt offenbar eine ernst zu nehmende Zahl von Menschen, die berührt und agil auf eine andere Raumaufteilung reagiert. Weiß die Gemeinde das? Kennt sie diese Menschen überhaupt?

 

Bank und Stuhl

Gleichmäßig nach vorn aufgestellte Bänke strukturieren einen Raum und seine Nutzung stark. Sie ordnen und regulieren, wo durch eine diffuse Masse von Menschen Chaos drohen könnte. Sie zwingen zur Ausrichtung. Sie erlauben halbwegs entspannte Formen des Zuhörens und Schauens in Bezug auf Präsentationen aller Ort. Sie regulieren den Empfang und domestizieren Initiative. Das kann der Konzentration und dem Sicherheitsbedürfnis dienen. Gläubige und Neugierige können auf Zeit in Bänken »wohnen« wie in Glaubens-Boxen.

Bankreihen schützen Menschen voreinander, indem sie sie in der Frontalaufstellung gleichmäßig zu einem dritten Ort hin ausrichten. Sie befördern eine auf gerichtetes Hören und Sehen angelegte Glaubensform. Die sieht im wörtlichen Sinn ab von den Banknachbarn. Das kommt dem Wunsch vieler entgegen, anonym mit anderen zusammen dem Glauben oder Suchen öffentlich nachgehen zu können.

Die rein topografische Ausrichtung der meisten Bankblöcke provoziert eine Meditation der Ewigkeit, denn die Aufmerksamkeitsradien der Sitzenden weisen geradeaus nach draußen, Osten bzw. in die Unendlichkeit der parallelen Blickrichtungen.

Optisch lassen Bankblöcke die Säulen bzw. die tragenden Elemente der Kirche »schweben«. Man sieht nicht, worauf die Wände/Säulen gründen: auf dem Boden. Denn der Blick über einen Bankblock endet an dessen Oberkanten. Der Blick auf den Boden wird verdeckt, das Gefühl für den Raum wird so »entgründet«.

Man wird abgelenkt vom Streunen und ins Sitzen gewiesen. Man muss mit Willenskraft den Bänken ausweichen, wenn man den Raum körperlich ergehen und dabei verstehen will. Zentrale Teilnahme im Raum hat sitzend und eingereiht zu geschehen oder gar nicht. Das ist die nonverbale Botschaft. Bänke wurden u.a. eingebaut, damit Gläubige stillsitzen bei einer langen Predigt und nicht einfach rausgehen.

Gleichmäßig wie Bänke nach vorn ausgerichtete Stuhlreihen haben eine ähnliche Wirkung wie Bänke. Aber sie sind für das Auge durchlässiger. Man kann oft den Boden und die Wände oder Säulen sehen. Das lässt mehr Spielraum für die Fantasie oder für eine Geh-Initiative. Stuhlreihen bieten weniger kastenartigen Schutz. Das Arrangement ist zarter. Sie geben der einzelnen Person ihren Platz und betonen eine Spur mehr die Individualität im Vergleich zu den gleichmachenden Bankreihen.

Ihr entscheidender Unterschied ist: man kann sie einzeln verwenden und auch ohne großen Aufwand anders stellen. Das geht mit Bänken nicht so leicht. Der Stuhl in der Kirche repräsentiert etwas von der neuzeitlichen Selbständigkeit des Menschen in der Kirche. Er könnte sich auch quer zur Rederichtung setzen oder abseits. Er könnte sich eigen verhalten – das jedenfalls symbolisiert ein einzelner Stuhl in seiner Beweglichkeit. Damit befeuert er leicht die Angst vor dem Unwägbaren. Menschen könnten im Raum ausgeprägter tun, was sie wollen. Deswegen werden Stühle meist wie Bänke starr verbunden. (Das Argument der Koppelung wegen der Panikgefahr ist absurd bei 30 Menschen im Raum.) Stühle machen Angst, weil sie entsichern und weniger disziplinieren.

Will man andere Raumordnungen probieren, so braucht man Stühle. Mit Bänken funktioniert das nicht. Investiert man also in den flexiblen Raum, so wird man die Bänke ab- und Stühle anschaffen. Es gibt Stühle, die sehen gekoppelt wie Bänke aus. So werden i.d.R. auch die Bankliebhaber beruhigt. Aber man kann bei Bedarf auch anders – das ist der große Vorteil. Meist wird die einmal beschlossene neue Anordnung für die normalen Anlässe am Sonntag selten geändert. Es entsteht also kein erhöhter Umräumbedarf.

Manche Gemeinden stellen nur etwa so viele Stühle auf, wie am Sonntag Leute kommen, plus 20%. Dann wirkt nicht alles so leer. Der freie Rückraum wird schön gestaltet mit Kerzen, Blumen, einem Spielteppich für Kinder o.ä. Für die übrigen Stühle wählt man einen Container o.ä. als Stuhllager. Bei großen Anlässen müssen dann zeitig alle anfassen und den Raum voll bestuhlen.

 

Wie weiter?

Längst entstehen Gottesdienste, die ausdrückliche Kommunikation der Menschen untereinander erlauben – beim Essen, Sprechen und mit Aktionen. Etliche Kinder und Erwachsene möchten sich beim Glauben bewegen.

Andachten passieren mit Ortswechsel oder im Stehen. Menschen übernachten gemeinsam in Kirchen. Sie möchten tanzen oder in Prozessionen den Raum begehen. Inspirierte Leute aus der Region möchten Kirchen mit-nutzen. In der Kirche wird der Dialog entdeckt als Ursprung von spiritueller Erkenntnis – nicht nur der Monolog. Glaube möchte sich wie im Leben auch aus dem Zusammenklang verschiedener Autoritäten entwickeln, nicht ausschließlich durch eine einzige.

Noch einmal deutlich: es geht nicht darum, die bekannte Frontalform abzuschaffen, es geht um Öffnung in eine mögliche Vielfalt hinein – heraus aus der obligatorischen Monokultur der Glaubensform. Das alles müssen Gemeinden bewusst entscheiden, sonst taumeln sie wie Dinosaurier blind in den neuen, riesigen freigelassenen Raum des Spirituellen, der sich überall zwischen den Kirchen auftut.

Solch ein Spektrum möblierter Optionen strapaziert und erweitert den Horizont der Gemeinde enorm. Sie kann und muss ihre eigene Gemeindegestalt neu abbilden und dabei bedenken lernen. Das ist Theologie als Gemeindelehre. Die Predigt kann das zeitig thematisieren, wenn ein Umbau ansteht. Geistliche (nicht nur architektonische) Beratungen können bereichern. Leitende können ihren Blick auf die wirklich vitalen Gestaltungsräume wenden, statt sich nur in Material und Formfragen zu verrennen. Gottesdienstkultur gerät ins Fließen. Neue Konzert- und Andachtsformen legen sich nahe.

Manche Gemeinden leeren die ganze Kirche und stellen verschiedene Formationen probehalber eine Weile zum Bewohnen auf – als ausgewiesene Findungszeit für angewandte Raumtheologie. Eine Gemeinde, die verantwortungsvoll zukunftsfähig werden will, wird sich diese Zeit nehmen. Sie wird Gemecker, hohe Gemütszustände, Diskussionen und Seligkeiten durchleben. Das ist eine große interne Fortbildung. Denn die Formen von Gottesdienst in Zukunft werden deutlich vielgestaltiger als der momentane Frontalbetrieb es abbilden kann. Sich darauf einzurichten und den Kindern und Enkeln den unverbauten und durchlebten Raum dafür bereitzustellen wäre eine feine Übung in Demut und Gestaltungsfreude.

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Thomas Hirsch-Hüffell, Jahrgang 1954, zwölf Jahre Arbeit in städtischer Gemeinde in Hamburg, innovative Gottesdienst- und Gemeinde-Projekte mit chronischer Neugier nach einer Kirche der Zukunft, Ausbildungen in theatralen, rhetorischen und therapeutischen Disziplinen, seit 1997 Leitung gottesdienst institut nordkirche (seit 2010 zusammen mit Anne Gidion und Friederike Jaeger): Gemeinde-Beratung, Ausbildung von Pastorinnen und Pastoren, Fortbildung für Gemeinde-Teams u.a. (www.gottesdienstinstitut-nordkirche.de).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2019

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