Markus 9,24
Jahreslosung 2020

Von: Andreas Kahnt
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»Ich glaube, hilf meinem Unglauben!«

 

Die Jahreslosung 2020 weist hinein in den Zwiespalt zwischen der Unfähigkeit zu glauben und einem Glauben, der alles vermag. Damit beschreibt sie in realistischer und angemessener Weise christliche Existenz. Der Glaube an Gott verliert seine Kraft, weil der Glaubende der ständigen Versuchung unterliegt, seine Sache selbst in die Hand zu nehmen und sich auf Menschen zu verlassen anstatt sich Gottes Willen vertrauend zu öffnen.

 

Kontext

Der Kontext erzählt von einem Vater, der keine Hilfe für sein an Epilepsie erkranktes Kind findet und darüber verzweifelt. Nicht einmal die Jünger Jesu sind in der Lage zu helfen. Unmittelbar voraus geht die Verklärung Jesu: »Hier ist für uns gut sein!«, sagt Petrus (Mk. 9,5); aber Jesus hält »es nicht als einen Raub, Gott gleich zu sein« (Phil. 2,6). Sein Platz ist unter den Menschen, also gibt er sich hinein in Streit (Mk. 9,14) und Verzweiflung.

Wer in Bethel Theologie studiert hat oder mit an Epilepsie Erkrankten aufgewachsen ist, wird die Verzweiflung des Vaters nachvollziehen können. Ständig lebt er in Angst um sein Kind, das kaum vor den schlimmen Folgen der Krankheit bewahrt werden kann. Auch wenn inzwischen gute medizinische Fortschritte gemacht worden sind, bleibt je nach Grad der Erkrankung ein unkalkulierbares Risiko, unvermutet die Kontrolle über das Bewusstsein zu verlieren.

Der Vater wendet sich zweifelnd an Jesus: »Wenn du etwas kannst…«. Aber Jesus verweist den Vater an dessen Glaube: »Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.« Damit wird der Vater anscheinend auf sich selbst zurückgeworfen, tatsächlich aber auf Gott, dem er vollkommen vertrauen kann.

 

Predigt

Die Predigt der Jahreslosung wird auf eine Gemeinde treffen, die zugleich sensibel und ratlos vor den aktuell großen Fragen steht: Klimawandel, Friede, Zukunft der Kirche. Die Reaktionen reichen von Verzweiflung bis zu Aktionismus. Gottvertrauen liegt weder dem einen noch dem andern zugrunde. Stattdessen fragen selbst Christen, was sie tun können, um die Welt zu retten, den Frieden zu sichern, die Zukunft der Kirche zu »gestalten«. Als ob es Gott nicht gäbe, als habe Gott die Welt nicht schon gerettet, als sei der Friede nicht zuerst eine göttliche Verheißung, als erweise sich die Zukunft der Kirche irgendwo anders als in der glaubenden Weitergabe des Glaubens in der Gegenwart.

Der Unglaube liegt in einem übersteigerten Selbstbewusstsein, die großen Fragen selbst lösen zu müssen und lösen zu können, also in einem Mangel an Vertrauen in Gott. Die Predigt hingegen wird den Glauben betonen und zum Glauben ermutigen, sich den großen Fragen bewusst aktiv zu widmen, jedoch in der Gelassenheit dessen, der glaubt. Der Unglaube traut Gottes Zusagen und Verheißungen nichts zu, während der Glaube Gott in Menschen und durch Menschen wirken lässt. Und was für die aktuell großen Fragen gilt, gilt auch für die individuell großen Fragen, zumal denen nach Krankheit, Verlust, Sterben und Tod. Junge Menschen indes wird die Predigt treffen, wenn sie auf die Fragen nach Erwachsenwerden, dem Verlust des Kinderglaubens, Liebe, Selbstzweifel und Zukunft eingeht.

Hinter Verzweiflung und Aktionismus steht die Angst vor dem Verlust der Kontrolle über das eigene Leben, über Gegenwart und Zukunft. Das wohnt dem Menschen inne und ist insofern keine moderne Erscheinung. Allerdings weisen die technischen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation und deren unaufhörliche Nutzung auf eine aufs Äußerste gesteigerte Angst vor Kontrollverlust. Zugleich unterwirft sich der Mensch dadurch einer Kontrolle, gegenüber der die Drohung, der »liebe Gott sieht alles« geradezu harmlos erscheint (was sie nicht ist!).

Frei zu werden von den Fesseln der Angst vor Kontrollverlust angesichts der (großen) Fragen der Zeit und der individuellen Lebensfragen und sich stattdessen Gott anzuvertrauen, der den Menschen sieht und sich ihm zuwendet – darauf könnte die Predigt der Jahreslosung hinwirken. Dabei den Unglauben als ängstliches Misstrauen gegen Gott benennen und den Glauben als unbändiges Vertrauen in Gott groß machen.

 

Lieder

EG 66 »Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude«

EG 382 »Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr«

EG 585 (Niedersachsen/Bremen) »Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt«

EG 607 (Niedersachsen/Bremen) »Vertrauen wagen dürfen wir getrost«

 

Andreas Kahnt

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2019

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