6. Januar 2020, Epheser 3,1-7
Epiphanias

Von: Gabriele Arnold
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Wir hören nicht auf, nach dem Stern zu schauen

 

I

Jedes Jahr aufs Neue überrascht es mich, wieviel Christbäume schon am 26.12. auf den Christbaumsammelplätzen meiner Stadt zu finden sind. Möglichst schnell wird Weihnachten, werden die unerfüllten Sehnsüchte und Wünsche entsorgt, so will es mir scheinen. Umso ungleichzeitiger kommt unser Fest Epiphanias und unser Predigttext daher. Epiphanias das Fest der Erscheinung des Herrn, das dann volkstümlich mit dem Erscheinen der heiligen drei Könige verknüpft wurde. Das Erscheinen des Herrn ist aber theologisch durchaus verbunden mit dem Erscheinen der Heiden der Welt und für die Heidenwelt und alle Welt.

 

II

In den christlichen Gemeinden Kleinasiens, an die der Eph. gerichtet ist und die natürlich nichts von Epiphanias wussten, gab es wohl in ihrem konkreten Gemeindealltag eine Spaltung zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Diese Spannung und Spaltung und der Aufruf, diese zu überwinden, ist auch das große und innere Thema des Eph. Und in den V. 1-7 des 3. Kap. beschwört Paulus (oder genauer gesagt, der unbekannte Verfasser, der für sich die Autorität des Apostels beansprucht) diese Einheit von Judenchristen und Heidenchristen. Es ist ein göttliches Geheimnis, dass in Christus die Grenzen überwunden sind und die Menschen zusammengehören in einer Gemeinde.

 

III

Gelingt es uns, in den Predigten an Epiphanias noch einmal etwas aufscheinen zu lassen von dem Licht von Weihnachten und dem Geheimnis, dass in Christus die Grenzen zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch und zwischen den Menschen aufgehoben sind? Ist das das große Geheimnis, die Sehnsucht nach der Überwindung von Grenzen, dem wir seither auf der Spur sind, auch wenn Weihnachten schon vorbei ist und die Christbäume eingesammelt werden? Wir wollen unsere Sehnsucht nach der Überwindung von Grenzen zwischen den Menschen nicht einsammeln lassen wie einen struppigen Christbaum. Unsere Gemeinden sind Orte an denen Menschen ihrer Sehnsucht nach Überwindung der Grenzen Sprache verleihen und Zusammenhalt erleben können. Hier ist nicht alles verzweckt und auf Gewinnmaximierung und Konkurrenz hin ausgerichtet. Hier stehen Menschen füreinander ein. Aber nicht nur in unseren Kirchengemeinden soll das erfahrbar sein, sondern wir dürfen dieses Geheimnis des göttlichen Kindes, das Grenzen überwindet, hinaustragen in unsere Städte und Dörfer.

Ich schreibe diese Zeilen in der Woche des fürchterlichen Anschlags gegen die Synagoge in Halle. Was Ausgrenzung und Hass bewirken, wurde dort in grauenvoller Weise deutlich. Unser Problem heute ist nicht das Gegeneinander von Judenchristen und Heidenchristen. Unsere Gesellschaft leidet an anderer Ausgrenzung und Verachtung und Hass gegenüber sogenannten Fremden. Und der Erfolg der Rechtsextremisten macht uns allen klar, wie anfällig Menschen für Ausgrenzung und Hass sind.

 

IV

An Epiphanias leuchtet das göttliche Licht für alle, symbolisiert in dem Stern, der vor den Weisen herging. Dieses Licht soll im Gottesdienst aufleuchten und wir wollen es nicht durch Mahnungen ersticken. Lieber wollen wir darauf vertrauen, dass das Licht die Herzen der Menschen erreicht und sie von selbst hinausgehen und Grenz­gänger*­innen werden. »Wir kommen aus Licht und gehen ins Licht«, so einer der schönen Schätze-Sätze Helmut Gollwitzers aus seiner Thesenreihe zum Evangelium. Da ist nur Feststellung und keine Ermahnung. Für die Predigt heißt das: Wir hören nicht auf, nach dem Stern zu schauen. Wir hören nicht, auf Grenzen zu überwinden. Und dann erstrahlt Gott über uns: In einer Umarmung, in einer Kerze, die wir vor der Synagoge entzünden oder vor der Unterkunft der Asylsuchendem oder wo auch immer.

 

Gabriele Arnold

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

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