1. Januar 2020, Johannes 14,1-6
Neujahrstag

Von: Martin Ost
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Kasualie im Schatten

 

Am Neujahrsmorgen ist die Gemeinde klein, es kommen (nur) die besonders Verbundenen. Nicht wenige Gemeinden haben den Gottesdienst auf den Nachmittag oder Abend gelegt und mit einem Empfang verbunden. Da versammeln sich Mitarbeitende, aber auch Menschen, die man sonst nicht im Gottesdienst trifft, die örtliche Prominenz, Distanzierte. Neujahrsempfänge finden aber auch nach Neujahr statt – so fällt der Gottesdienst ganz aus oder wird »zentral« gefeiert (meist nur mit den Menschen am Zentrum). Der Übergang ins neue Jahr wird an Silvester begangen, Neujahr steht im Schatten.

 

Bedachter Ausblick

Was an Silvester im Krachen, Glockenläuten und Musik zwischen Händel und »Scorpions« unterging, wird an Neujahr bedacht: Wir gehen in Neues, Unbekanntes – eigentlich an jedem Morgen, jeden Moment; der Wechsel des Kalenders macht es bewusst. Die kleine Gemeinde am Morgen versammelt die Bedächtigen, Bedenklichen. So unsicher schien die Welt noch nie, die manchmal dröge Unerschütterlichkeit der Bundesrepublik ist einer Daueraufregung gewichen, die bei manchen Sehnsucht nach alten Zeiten weckt. Aber ist nicht auch dieses Gefühl Zeichen einer Selbstüberschätzung: Noch in der Krise wollen wir einmalig sein? Das Lied EG 58,3 erzählt von schweren Erfahrungen von Menschen vor uns. Das Erschrecken der Jünger entsteht aus der Vorstellung, allein und ohne Jesus bestehen zu müssen. Es spiegelt die Unsicherheit der Gemeinde des Joh. nach Jesus, ohne Jesus, wider.

 

Ziel in Sicht! In Sicht?

Jesus tröstet mit der Aussicht auf ein Ziel, ein Zuhause, auf das sie zugehen und das ihnen niemand nehmen kann: die Stätte, die Jesus bereitet. Sie fahren über den See und sehen ihn am Ufer, ein Feuer brennt, der Fisch ist bereitet. Niemand kommt zu spät, für alle ist Platz.

Mancher Gast am Neujahrsmorgen mag, das Schwinden eigener Kräfte und Ratlosigkeit spürend angesichts einer Welt voller Fragen, darin Trost finden: Dass ein Weg sei und, dass er ein Ziel hat, jenseits dieser Welt.

 

Weg und Wahrheit

Wer aber Welt und Leben gestalten will oder von Amts wegen muss, wird damit nicht zufrieden sein. In politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen stehen Menschen vor der Frage nach der Wahrheit, dem richtigen Weg, zukunftsweisenden Entscheidungen.

V. 6 ist in der christlichen Gemeinde zu einem Kampfwort geworden: Gegen alle Verwirrung – »die« Wahrheit. Es sind die Besitzer der Wahrheit, die sich bestätigt finden. Sie meinen, die Wahrheit zu kennen, und wollen sie anderen nahebringen, manchmal aufzwingen. Schon ein Gespräch über den Weg, die Behauptung einer anderen Wahrheit scheint ihnen Unglaube. Ein Gespräch, eine Diskussion wird nahezu unmöglich.

Politisch Handelnde könnten Bekanntes darin wiederfinden: Sie vermissen die ruhige Debatte und werden oft nur mit Hass, Unverständnis und Verachtung übergossen, wenn sie nicht der einzigen Wahrheit folgen, manchmal auch nur bedenken wollen, was die Wahrheit und wie der Weg sein soll. Die Inhaber der Wahrheit fordern Gefolgschaft. Andere Meinungen sind Lüge.

Bei Joh. ist die Wahrheit kein Satz, sondern eine Person. Niemand »hat« sie. Im Gehen mit Jesus, mit Gott, dem »Ich bin«, finden wir den Weg und bleiben der Wahrheit auf der Spur. Diese Wahrheit ist Treue, ihr, ihm kann man trauen. Was kommt, wissen wir nicht, dieses Jahr so wenig wie jeden Moment des Lebens. Aber wir beginnen einen Weg, der ein Ziel hat, halten uns an Jesus und seine Worte und gehen miteinander in ein Jahr, im Vertrauen, manche Wahrheit zu finden, Wege zu entdecken und manchmal anderen zu eröffnen.

 

Lieder

EG 58 »Nun lasst uns gehn und treten« (eignet sich dazu, das Fürbittgebet zu gestalten: man könnte Str. 9-15 singen statt der Bitten oder die Strophen zwischen den Bitten einfügen)

EG 64 »Der Du die Zeit in Händen hast«

 

Martin Ost

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

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