31. Dezember 2019, Hebräer 13,8-9b
Altjahresabend

Von: Lars Hillebold
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Zeichen setzen

 

Gestern abend sagtest du zu mir: Morgen gilt es, ein paar Zeichen zu setzen ...*

Eine pointierte, prägnante Predigtperikope aus dem Zentrum ermahnender Worte im Blick auf die Gemeindeleitung am Anfang und Ende der Hebräerbrieflichen Sequenz (13,7-17). Es kommen alle Mitarbeiterinnen in den Blick, die verkündigen und lehren, auslegen und unterrichten. Es sind die, die uns das Wort Gottes sagen (vgl. 2,3). Es sind die, in deren Fußstapfen andere folgen (2,7). Es sind die, mit denen wir gemeinsam Jesus Christus als Hohepriester verehren (12,2); um in V. 8 Gattungen und Haltungen von Verkündigung, Nachfolge und bekennendem Gebet in der Formel zu verbinden: Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Auf den ersten Blick scheint nach dem Gestern und Heute doch ein »Morgen« zu fehlen? Oder sollte Morgen und Ewigkeit in eins liegen? Wo aber bleibt dann die selbst gestaltete Zukunft? Wo ist der Raum für meine guten Vorsätze? Wo trage ich das ein, was nach dem Altjahreswechsel mit dem Neujahrsmorgen nun beginnen und anders werden soll?

 

Auch du willst gehen, Trauriger? Mein Freund*

Der Übergang vom alten ins neue Jahr ist nicht mal ein Schritt, nur eine Sekunde lang: ein dazwischen, ein Wimpernschlag, ein Schnitt in der Zeit. Geradezu umgekehrt zu Weihnachten sucht der Silvestergottesdienst Ort und Zeit im säkularen Festgeschehen des Tages. Nach vielen weihnachtlichen Gottesdiensten folgt für viele, die gestern und heute noch zahlreich weihnachtlich gepredigt haben, ein Morgen »dazwischen«: zwischen viel Arbeit, wenig Vorbereitungszeit an der exemplarischen, aber zugleich individuell biografisch bedeutsamen Schwelle von Lebens-Baustellen und Brücken-Erfahrungen. Und zwar der Menschen, die predigen, und derer, die zu diesem anlassbezogenen Gottesdienst kommen: gemeinsam feiern.

Vom Kasus des Jahreswechsels her gedacht bietet der Predigttext mit seinem auslassenden »Morgen« diese Leerstelle an, um den Raum des ungenannten und unbekannten »Morgen« des neuen Jahres zu füllen. Gerade weil kein »morgen« dort steht, steht es mir vor Augen: Was wird mich bedrohen und befreien? Was kommt morgen auf uns zu? Zeichnet sich heute schon alles ab, was politisch-gesellschaftlich und lokal-gemeindlich morgen sein wird?

 

Ein Gruß, Einen Abschiedsgruß. Diese Nacht*

Zwischen V. 8 und 9 braucht es einen Moment. Denn es ist beides wahr. Zum einen: Es ist im Angesicht Christi kein neuer Morgen im Sinne eines anderen Morgens. Es kann auch kein anderer Morgen sein als der gestern oder heute, denn Glaube und Gemeinde entstehen nicht durch andere Vorsätze und neue Strategien. Ein neuer Morgen für den Menschen ist ein göttlicher Moment. Ein Moment der Demut und des Nichtwissens, zwischen Humor und Melancholie, zwischen popularkulturellen »guten Mächten« (EGplus 6) und traditionellem »Gehen und treten« (EG 58). Der Jahreswechsel ist nur ein Schnitt in der Zeit, eher fern von allen Zeiten (vorchristlich, nachchristlich, postchristlich, nichtchristlich). Er ist fern von allen Selbsterhaltungsfragen, wie Kirche morgen sein wird. Er ist der nicht festzuhaltende Moment fester Entschlossenheit: es wird ein Morgen sein und das kann nur Gottes Morgen sein. Auch dann, wenn die Wahrheit morgen immer weniger Menschen etwas bedeutet, wenn niemand mehr auf sie hofft, wenn niemand sie mehr bezeugt und nur noch Bücher und Gebäude ihre Zeugen wären.

Am Ende des Jahres ohne die Sorgen um ein Morgen atmet das Neue einen Hauch Ewigkeit ein. Die Träne eines Happy Ends, dass Gott gestern und heute, für ewig diese Welt liebt und versöhnt und erhält und wir uns darum keine Sorge um die Zukunft von Kirche und Gemeinde machen. Denn dass Gott auf die Menschen zukommt wie ein neues Jahr, wird nicht an wie auch immer gestalteten und gedeuteten Konzepten, Organisationen und Vorsätzen liegen.

Zum anderen: Es ist im Angesicht Christi ein neuer Morgen. Nach diesem Moment, der so lange in V. 8 dauert und braucht, weil das »Morgen« fehlt, folgt V. 9 mit nüchterner Ermahnung. Es gibt ein Morgen und sofort hat der Alltag mich wieder, während ich noch alle Freunde umarme, die Glocken läuten und Böller die Geister vertreiben. Im Übergang bleibt nicht alles zurück und es geht so vieles mit, an Leid und Krankheit, aber auch an Glück und Dankbarkeit. Zwischen Unterbrechung und Fortsetzung, guten Vorsätzen und leerem Gerede zieht sich ein schmaler Grat zwischen den Jahren. Darum ist mit V. 9b alles gesagt, weil es den Morgen eben gibt. Und da dieser im Angesicht Christi kein anderer ist als gestern und heute, darum: köstliche Dinge, feste Herzen, Gnade geschieht.

 

Zeichen setzen

Die Türen des Jahres öffnen sich,
wie einst die Sprache, dem Unbekannten entgegen.
Gestern abend sagtest du zu mir:
Morgen gilt es, ein paar Zeichen zu setzen,
eine Landschaft zu skizzieren, einen Plan zu entwerfen
auf der Doppelseite
des Papieres und des Tages.
Morgen gilt es,
aufs Neue
die Wirklichkeit dieser Welt zu erfinden.

* Octavio Paz, Gedichte, Frankfurt 1977

(Einen fertigen Gottesdienstentwurf mit Predigt kann ich ab 15. Dezember auf Wunsch mailen.)

 

Lars Hillebold

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Neujahrstag
1. Januar 2020, Johannes 14,1-6
Artikel lesen
Christvesper
24. Dezember 2019, Hesekiel 37,24-28
Artikel lesen
Epiphanias
6. Januar 2020, Epheser 3,1-7
Artikel lesen
1. Sonntag nach dem ­Christfest
29. Dezember 2019, Hiob 42,1-6
Artikel lesen
Spirituellen Bedarf einfacher erkennen
Ein Indikationenset für Seelsorge
Artikel lesen
»Und führe uns nicht in Versuchung«?
Zur Kontroverse um die sechste Bitte im Vaterunser
Artikel lesen
Profession in der Krise
Das Pfarramt ? eine überkomplexe Herausforderung
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!