22. Dezember 2019, 2. Korinther 1,18-22
4. Sonntag im Advent

Von: Michael Weber
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In Jesus Christus bejaht

 

Der Text

Paulus setzt sich gegen den Vorwurf der Unzuverlässigkeit zur Wehr. Er hatte angekündigt, noch einmal in Korinth vorbeizuschauen, aber aus Gründen, die mir nicht ganz klar sind, entschied er sich dann dagegen. Diese Entscheidung verursachte offenbar einigen Ärger, durch den Paulus jetzt die Wahrhaftigkeit seiner Botschaft, seines Predigens und seines ganzen Engagements in Korinth angezweifelt sieht. Ist er wirklich ein belastbarer Zeuge Gottes? Sehr vehement und auch sehr emotional stellt er klar: Sie (er und seine Begleiter) sind insofern eindeutig, als sie Eindeutiges gepredigt haben, Jesus Christus nämlich, und das Ja, für das sie stehen, ist über jeden Zweifel erhaben. Paulus ist Jesus Christus ohne Wenn und Aber verpflichtet, so sehr, dass er sich und seine Mitarbeiter als festgemacht, gesalbt und versiegelt bezeichnen kann – da ist kein noch so kleiner Spielraum mehr. Dass er jetzt, trotz einer früheren Zusage, doch nicht kommt, ist allein den Umständen geschuldet, die es ihm unmöglich machen.

 

Am Anfang war das Ja

Es ist ein faszinierender Gedanke, Jesus Christus als Ausdruck und Inbegriff des Ja zu verstehen, als das Gute und Eindeutige schlechthin; eine frühe, symbolische Deutung, die vielleicht in den Jahrzehnte später entstandenen Texten der johanneischen Schule aufgegriffen und vertieft wurde: Am Anfang war das Wort … Und das Wort ward Fleisch … Und das Ja war in ihm …

Der letzte Abschnitt aus 2. Kor. scheint mir gut mit den beiden ersten aus Joh. zusammenzupassen, als kämen sie aus einer verwandten Vorstellungswelt. Ich fühlte mich dabei erinnert an den bekannten Roman von E.M. Forster, »Zimmer mit Aussicht« (1908). Eine junge Frau, Lucy Honeychurch, lernt die Emersons kennen, Vater und Sohn, Freigeister beide; der Sohn aber, George, leidet an einer unerklärlichen Schwermut. Der Vater bittet Lucy um Hilfe:

»›Wir wissen, dass wir aus den Winden oder Elementen kommen und zu ihnen zurückkehren werden; dass alles Leben vielleicht ein Knoten, ein Wirrwarr, ein Makel auf der ewigen Glätte ist. Doch: warum sollte uns das unglücklich machen? Lieben wir einander doch lieber, und arbeiten wir und freuen uns des Lebens. Ich halte nichts von diesem Weltschmerz.‹

Miss Honeychurch pflichtete ihm bei.

›Dann bringen Sie meinen Jungen dazu, so zu denken wie wir. Öffnen Sie ihm die Augen darüber, dass neben dem ewigen Warum ein Ja steht – ein vergängliches Ja, wenn Sie wollen, aber ein Ja.‹«

Ich fand es amüsant zu sehen, dass der Vater Emerson, der das Dasein im Grunde für sinnlos und das Christentum für einen Aberglauben hält, am Ende Zuflucht sucht in einem, wie ich finde, ausgesprochen metaphysischen Gedanken: »dass neben dem ewigen Warum ein Ja steht«1. Warum das aus der Sicht des Atheisten so sein sollte, ist mir jedoch völlig unklar. Christen hingegen können das Leben bejahen, weil Gott selbst es in Jesus Christus bejaht; oder anders: Gott selbst gibt dem Leben einen Sinn und eine Bedeutung.

 

Ja und Amen

Ja und Amen sagen, diese Redewendung im Deutschen kommt wohl – wie so viele andere – aus 2. Kor. bzw. aus seiner Übersetzung durch Martin Luther. Ihre negative Prägung im Sinne einer willen- und charakterlosen Zustimmung zu allem erhielt sie, glaube ich, erst später; von der Bibel her bedeutet sie Wahrhaftigkeit und Gottvertrauen. Jesus Christus ist eindeutig (»nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm«), seine Botschafter jedoch oft widersprüchlich und uneins mit sich selbst. Wasser zu predigen, aber Wein zu trinken, wird früher oder später vermutlich jedem Prediger zum Vorwurf gemacht, und vielleicht nicht immer zu Unrecht: Die Wirklichkeit bleibt nun einmal häufig hinter unseren Ansprüchen zurück. Wünschen wir uns nicht alle, eindeutig zu sein, klar bis auf den Grund unseres Selbst? Glauben und Leben sollen bei uns übereinstimmen, Reden und Tun miteinander im Einklang sein. Wir beweisen aber Größe, wenn wir eingestehen, dass wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben.

 

Anmerkung:

1 E.M. Forster, Zimmer mit Aussicht. Roman. Aus dem Engl. von Werner Peterich, Goldmann Verlag, 4. Aufl. 1988; 48.

 

Michael Weber

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

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