Pastorale Alltagsskurrilitäten bei Beerdigungsfeiern
Trauer-Mannschaftsfotos und Sarg-Selfies

Von: Dieter Becker
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Im Grunde kann ich selbst eigentlich gar nicht nachvollziehen, was mich aufregt. Es ist doch in der digitalen Epoche normal, alles mit Handy oder Smartphone im Bild oder auf Film festzuhalten. Letztlich wirken die (Pseudo-)Debatten um das Filmen- und Fotografieren-Dürfen bei Tauf-, Konfirmations- oder Traugottesdiensten antiquiert. Jeder Alltagsmoment wird heute auf Twitter, Facebook oder Instagram geteilt, bei jeder Hochzeit gefilmt, »geknipst« und das Smartphone als Zeichen der Zuneigung hochgehalten. Bei Konzerten sieht man die Bühne vor lauter Smartphone-Bildschirmen nicht mehr. Also, was soll das Gegrummel in mir?

Nun – dass ein »Mannschaftsfoto« (nennen wir das mal so) der Angehörigen vor dem Sarg während der Trauerfeier durch die Angehörigen selbst gemacht und dass beim Abschied am Sarg ein Selfie samt Sarg und Blumenbouquet erstellt wird, irritiert die evangelische Empfindlichkeit des als Gast anwesenden Pfarrers in der Trauergemeinde schon, und nicht nur mich.

Dass die Foto- und Selfiemacherinnen beide sichtlich über 80 Jahre sind, irritiert noch mehr. Aber gerade diese Generation fällt ja aktuell durch Ausfälligkeiten und dem Vergessen der Kinderstube beim Gang zum Grab oder dem Plappern noch bis zum Orgeleingang unangenehm auf. Aber bisher waren diese »Ausfälle« der Generation nicht der digitalen Epoche und einem Smartphone-Generation-Getue geschuldet.

 

Fabulieren statt verkündigen?

Die besuchte evangelische »Trauer-Veranstaltung« in Anwesenheit des Sargs (Urnenbeisetzung später) ist insgesamt gesehen mehr als skurril. Der evangelische Kollege fabuliert während der 60 Minuten dauernden »Veranstaltung« mindestens 45 Minuten am Sarg über das Leben der Verstorbenen; am Rande der Peinlichkeit über Lebensbanales bis hin zur – von mehreren so empfundenen – detaillierten Grenzwertigkeit, die mehr verachtend wirken denn wertschätzend. Eloge hin oder her – zu viel des Guten (der Verstorbenen) ist einfach ein Zuviel des Guten. Sicher, machen wollen will er das (hoffentlich) nicht. Aber die Elogen (mehrere im Laufe des memorabilen Trauer-Gottesdienstes oder »Trauer-Events«) wirken aufgesetzt. Er kannte die Verstorbene nicht nur nicht, sondern er vermochte es auch nicht, die Gesamtheit des (evangelischen) Lebenssinns in wenigen Worten zusammenzufassen. Die Evangeliumsbotschaft, Auferstehung genannt, ist ja manchen Kollegen nicht nur ein Dorn im Auge, sondern für sie eine irrationale und hermeneutisch umzudeutende Fehlsicht aus urgemeindlichen Zeiten. Was wissenschaftlich-hermeneutisch nicht sein kann, muss also umgedeutet werden in einen sinn- und verstehbaren Logizismus. Auferstehung ist dann Auferstehungsverständnis (wie jüngst im DPfBl 4/2019, 190-194, der Kollege Vielhaber ausführte) oder wie hier zu einer Erinnerungshoffnung degeneriert, die begrifflich vorsichtig als »Auferstehungshoffnung« im Memorabilen der Verstorbenen durch die Trauernden zu finden ist oder sein müsste.

 

Liturgische Mindeststandards

Die höchst breit und detailreich ausgeführten (Erzähl-)Erinnerungen eines pastoralen Außenstehenden, mit denen der Verstorbenen gedacht wird bzw. werden soll, sind dabei Kern und Mitte dieser elogen Auferstehungshoffnung. Die dabei angewandte, höchst materialistische Diesseits-Deutung von Glauben, Kreuz und Auferstehung ist bei Kollegen – warum auch immer – weit verbreitet, möglicherweise als Selbstvergewisserungszweck, um nicht schizophren zu werden. Der Kollege ist im Evangelischen schizophren. Weil er als spürbar schlechter Schauspieler zwar den donatistischen Mindeststandard zu überwinden vermag, und damit es insgesamt als evangelische Trauerfeier (Gottesdienst?) durchgehen kann. Denn schließlich trug er Talar. Zudem hat er gewisse evangelische Liturgiebausteine wie Votum (ein ellenlanges Votum übrigens, bei dem die anwesenden Katholiken schlicht ihren Kreuz-Schlag-Einsatz verpassten) und ein unvermittelt beginnendes, im Sitzen abgesprochenes Vaterunser eingehalten. »Gut« ist es trotzdem nicht. Denn irgendwie merkt man und jeder – wie in nachfolgenden Gesprächen deutlich wird, dass er nicht nur nicht bei der Sache (des Evangeliums) ist/war, sondern auch noch schlecht die aneinandergereihten Wort- und Textbausteine (aus Bibel, Liedversen und Internet) unprätentiös und unpathetisch kommunikativ zu vermitteln suchte.

Ob das besser als jüngst war, als ein anderer Kollege vollmundig ausführte, die Seele der Verstorbenen habe den Körper verlassen und sei hüllenlos in den Himmel geflogen, vermag ich nicht zu entscheiden. Dass eine unsterbliche Seele (oder vielleicht mehrere; vgl. »Bi-Religiös oder Wie viele Seelen wohnen in einer Brust?«, DPfBl 10/2015, 583ff) wie bei der altgriechischen Philosophie im Evangelischen gar nicht im Wissens-Portfolio existent ist – weil dann Jesus ja nicht wirklich tot gewesen wäre und letztlich die Auferstehung keine von den Toten wäre, sondern quasi eine Seelenwandlung, die wir eigentlich ja nicht haben – wurde irgendwie im Alltagsgefasel bei der Trauerfeierlichkeit außen vor gelassen. Hier musste man sich über derart »Tiefsinniges« beim Gerede wirklich keine Gedanken machen. Nur – wann ist es endlich rum?

 

Ein »Mannschaftsfoto der Angehörigen«

Insofern sind die Handlungsweisen der »Baldsterber« eigentlich konsequent: Noch schnell eine Art »Mannschaftsfoto der Angehörigen« vor dem Sarg der Verstorbenen (so jung kommt man ja nicht mehr zusammen) und ein persönliches Selfie hinterher. Denn hat der pastorale Experte nicht gerade über die memorabilen Funktionen des Erinnerns als Auferstehungshoffnung gesprochen?

Also: Warum rege ich mich auf? Was passt mir mal wieder nicht? Warum sehe ich da nur die Probleme, wenn scheinbar ein Teil der Theologenzunft schlicht den Auferstehungsglauben – wissenschaftlich-hermeneutisch-bewiesen – nicht in das himmlische Land der Auferstehungsgewissheit im Glauben verlegt, sondern in die memorabile Hoffungserwartung der Jünger?

Mich stört … einfach alles: Die Würdelosigkeit des Umgangs mit der Verstorbenen und ihrem »Andenken«, die »stolpernde Liturgie« rund um elgoische Lebensgeschichtchen wie auch der verpasste Verkündigungsauftrag. Auch stört die Distanzlosigkeit gegenüber dem Sarg und der darin liegenden Leiche wie auch die vor die Nase gehaltene Smartphone-Frontkamera, um das Blumenbouquet neben dem faltigen Gesicht mit der Holzmaserung des Sarges auf dem Bildschirm »verewigt« zu bekommen.

Vielleicht ist ja nicht mehr viel Zeit, und die tätige Schwägerin der Verstorbenen mit weit über 80 Jahren sucht – wie früher beim Tapetenkatalog – nur die »Gardinen« für die eigene Bestattung aus. Insofern wären die Uralten uns Jüngeren in den 50er Lebensjahren deutlich voraus, wenn sie sich schon farb- und stilecht auf das eigene Ende vorbereiten wollen. Das würde Respekt verdienen.

Ich denke: Vielleicht ist Demenz doch eine Alternative. Sicher, Demenz ist schrecklich, wie bei meinem Vater höchst bedrückend erlebt. Aber Sarg-Selfies könnten gefühlt das »ECHT« noch toppen.

 

Bestattungen wie im Wilden Westen

Ich weiß, als evangelischer Pfarrer soll man so nicht sein, wie ich bin. Ich höre das täglich, von allen Seiten. Aber ganz ehrlich. Obwohl ich ja zu »Solitarbestattungen« und zum soziologischen Aspekt der evangelischen Ausgliederung in Beerdigungen nicht nur geschrieben und diesen Begriff einer neuen Bestattungsart erfunden habe (Pastoraltheologie 9/2013, 355-370), scheint mir diese Form des digitalen Hypes eher Wildwest – als Tote vor dem Saloon im offenen Sarg stehend präsentiert wurden, damit man auch ggf. auf Fotoplatten sich selbst neben dem Toten verewigte. Nun ja, »verewigen« ist ein großes Wort wie auch die memorabile Auferstehungshoffnung. Wie auch die Halbwertzeit bei Isotopen verblassen Bilder und Erinnerungen. Dann wäre ja diese elogisch-hermeneutisierte Auferstehung und diese memorabile Hoffnung letztlich ausgebleicht verloren. Ob das wirklich die Auferstehungsbotschaft ist, zu deren Verkündigung (nicht zu deren hermeneutisch-kommunikativer Umdeutung) wir als Pfarrpersonen eigentlich gerufen sind, mag ich bezweifeln.

Aber was weiß ich schon. Ich bin ja eigentlich gar kein richtiger Pfarrer, weil Betriebswirt zudem und nur eine halbe Nummer mit einer 0,5-Stelle.

? Dieter Becker


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

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