Pastoralerfahrung und Kirchenkritik in einigen Gedichten Mör
»Also bist du nicht so schlimm, o alter Adam.«

Von: Hans Jürgen Benedict
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Der Pfarrer als Dichter – das kommt häufiger vor in der Literatur- und Theologiegeschichte. Kurt Marti, Detlev Block, Klaus Peter Hertzsch, Jürgen Henkys, auch Dorothee Sölle waren Literaten und Dichter und zugleich mit Leidenschaft Theologen und Pfarrer. Bei Eduard Mörike liegt der Fall ein wenig anders: Er sollte Pfarrer werden, wurde es aber nur widerstrebend und hat sich bereits mit 39 Jahren ganz aus dem Pfarrerberuf verabschiedet. Seine dichterisch produktivste Zeit war die seiner langen »Vikariatsknechtschaft.« Hans Jürgen Benedict stellt ihn vor.*

 

Der Mann des Wortes (inzwischen auch die Frau) ist gelegentlich poetisch begabt. Luther war ein großer Liederdichter. Der Pfarrer Paul Gerhardt war einer der großen Barockdichter, einige seiner Lieddichtungen finden sich noch heute in Anthologien der schönsten deutschen Gedichte. Johann Gottfried Herder war Theologe und Schriftsteller (ich erinnere an sein Gedicht Mitternacht ruft uns die Stimme). Als Pfarrer-Poeten der Gegenwart nenne ich Kurt Marti, Detlev Block, Klaus Peter Hertzsch, Jürgen Henkys, auch Dorothee Sölle. Alle genannten waren mit Leidenschaft Theologen und/oder Pfarrer.

Bei Eduard Mörike liegt es ein wenig anders. Er sollte Pfarrer werden, wurde es aber nur widerstrebend, mit Unlust, und hat sich schließlich mit 39 Jahren ganz aus dem Pfarrerberuf verabschiedet. Seine dichterisch produktivste Zeit war aber die seiner langen »Vikariatsknechtschaft.«

 

1. Zum Pfarrer bestimmt, zum Dichter berufen?

Wie kam es zu diesem Konflikt zwischen Berufswahl und Berufung? Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Das erste schwere biographische Erlebnis war der frühe Tod des Vaters nach dreijähriger Leidenszeit im Jahr 1817. Der Vater, der Oberamtsarzt Friedrich Karl Mörike, hatte durch berufliche Überanstrengung veranlasst, einen Schlaganfall erlitten, der zu einseitiger Lähmung führte und seine Sprachfähigkeit entscheidend beeinträchtigte. Der dreizehnjährige Eduard war hautnah in dies Geschehen verwickelt. In seinem Investitur-Bericht schreibt er 1834: »Wenn der oft jammervoll Dasitzende mich unter Tränen zwischen seinen Knien hielt, mir ein schwer zu erratendes Wort mit Liebkosungen gleichsam abschmeichelte wollte, um es den andern zu sagen, was er verlangte – so waren das Augenblicke herzzerreißenden Elends, die unauslöschlich in meiner Erinnerung stehen.«1

Mörike war kein überragender Schüler. Er hing oft seinen Träumen und Phantasien nach, der Unterricht war Nebensache. Die Erkrankung des Vaters und die Sorgen der Mutter um die Zukunft werden seine Leistungen ebenfalls beeinträchtigt haben. Als der Vater im Jahr 1817 starb, stand die Mutter mit ihren sieben Kindern ohne Ernährer und Einkommen da und war auf die Hilfe der Verwandten angewiesen. Eduard wurde in das Haus seines Onkels Georgis, Obertribunalrat in Stuttgart, aufgenommen. Ein zweites Zuhause fand er bei seinem anderen Onkel, Pfarrer Neuffer in Bernhausen. »Von jeher«, schreibt Mörike 1834, »hatte zwischen ihm und den meinen ein traulicher Verkehr bestanden, in seinem gastfreundlichen Haus war die reinste Anmut eines geselligen Familienlebens zu finden.«2 Hier entwickelte sich die kindliche Neigung für die gleichaltrige Tochter Klara zu einer Jugendliebe, Mörike nannte Klara »meine Kinderbraut«.

 

Unglückliche Liebe

Obwohl ihm nach dem Besuch der Lateinschule verschiedene Berufswege offenstanden, legten die Oheime der Mutter und Eduard nahe, die fast kostenlose Ausbildung zum Pfarrer aufzunehmen. Als Geistlicher konnte er ein gesichertes Einkommen erwarten. Die Entscheidung fiel offenbar über den Kopf des Betroffenen hinweg. Der Vierzehnjährige, gerade konfirmiert, fügte sich. 1818 bezog er die Klosterschule in Urach, wo gerade ein niederes theologisches Seminar eingerichtet worden war. Schon in Urach war Mörike häufiger krank. Einmal erkrankte er an Scharlach, was damals oft tödlich endete. Danach wechselt er auf das berühmte Theologische Stift zu Tübingen, hier kommt es zur Begegnung mit der schönen und geheimnisvollen Maria Meyer, einem Schankmädchen. Die Krise von 1824, Maria verschwindet auf mysteriöse Weise und Mörike bricht gesundheitlich zusammen, führt doch zu seiner Initiation als Dichter – in den Peregrina-Zyklus ist diese Lebenskrise als Stoff eingegangen.

Sein Theologisches Examen legt er 1826 ab und erhält kein besonders schmeichelhaftes Abgangszeugnis: »Als 37. seines Jahrgangs hat er das theologische Studium mit mittelmäßigem Erfolg absolviert. Die mittelmäßig disponierte Predigt hat er auswendig gehalten, in Philologie und Philosophie mittelmäßig.«3 Mörike war sich nicht sicher, ob er den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Zwei Jahre dauerte in der Regel die Zeit als Pfarrhelfer oder Vikar, bevor man als Pfarrverweser angestellt wurde. Mörike brauchte dafür sieben Jahre, dann wurde er endlich in die Pfarrstelle in Cleversulzbach eingewiesen.

Beurlaubungen, Krankheiten, manche Unzulänglichkeit an den Einsatzorten waren die Ursache dafür. Ich muss nicht jede Gemeinde erwähnen, obwohl es eine kleine Geographie Schwabens ergäbe: erst Oberboihingen, dann Möhringen bei Stuttgart. Hier hatte er es besser, weil er nicht so viel predigen, sondern den Jungen des Ortspfarrers unterrichten musste.

 

Zustand der Leere

Am 31. März 1827 starb seine ältere Schwester Luise, die in der Affäre der unglücklichen Jugendliebe Mörikes zu Maria Meyer eine wichtige Rolle gespielt hatte. Er schrieb: »Ich lebe in einem mir unbegreiflichen Zustand der Leere, gegen die ich mit aller Macht kämpfe. Es liegt aber ein wohltätiger Schleier in mir über dem Bewußtsein meines unersetzlichen Verlustes.«4 Dieser Zustand der Leerheit sollte ihn noch häufiger heimsuchen. Ein Glücksfall war das Vikariat in Köngen bei Pfarrer Renz, der Naturwissenschaftler und ein begabter Klavierspieler war. Hier dichtet Mörike Septembermorgen und Um Mitternacht.

Obwohl er sich hier wohl fühlte, belastet ihn der Predigtdienst. Im Juni 1827 musste er siebenmal predigen, was er nicht nur wegen der notwendigen Vorbereitung als Belastung empfand. Es hielt ihn zudem von seinen literarischen Arbeiten ab, denn er hatte inzwischen den Roman Maler Nolten begonnen. Glaubenszweifel spielten wohl auch eine Rolle, obwohl er sich darüber persönlich nicht geäußert hat.1827 schreibt er an einen Freund: »Ich habe die halbe Hoffnung, die geistliche Laufbahn auf längere oder kürzere Zeit verlassen zu können. Ich kann in dieser Art von Lebensweise und dieser Beschäftigung meine eigentliche und wahre Portion von Kräften doch nicht ungehindert in Wirkung treten lassen. Als Vikar und junger Prediger steht unsereins besonders unter lähmenden Gesangbucheinflüssen«.5 Im November reicht er bei seinem obersten Dienstherrn, dem König, ein Gesuch auf Urlaub aus Gesundheitsgründen ein. Er erhielt erst zwei, dann drei weitere Monate Urlaub, besuchte seinen Bruder Karl in Bayern und schmiedete Pläne.

Er bewarb sich bei dem angesehenen Verlag Cotta als Redakteur und Korrektor, wurde jedoch nicht genommen. Mehrere Gedichte entstanden: Schön Rothraut, Im Frühling, In der Frühe. Im »Morgenblatt« Cottas wurden einige seiner Gedichte veröffentlicht. Er selbst stellte für eine Verwandte ein Heft mit Gedichten zusammen, das grüne Heft, in dem Verzweifelte Liebe (Peregrina V) erschien. Dann wurde ihm Urlaub für ein Jahr genehmigt. Er fühlte sich wie befreit. Er ging einen Vertrag mit dem Verleger Franckh ein, für den er ästhetische Aufsätze schreiben sollte. Doch Gustav Schwab riet ihm, den Pfarrdienst wiederaufzunehmen, weil er hier eine sichere Basis und Freiheit für seine poetischen Neigungen habe. Er ging wieder in den Kirchendienst, zuerst in die Gemeinde Flummern, dann nach Plattenhardt als Pfarrverweser. Hier war der Pfarrer Rau gerade gestorben. Die Witwe lebte noch mit ihren Töchtern am Ort. Er verliebte sich in Luise Rau, die beiden verlobten sich. Drei Jahre später löste Luise die Verlobung, weil Mörike zögerte und ihr keine sichere Perspektive anbieten konnte. 1834 erhält er endlich eine feste Pfarrstelle in Cleversulzbach. Hier blieb er neun Jahre.

 

2. Heitere Pastoralgedichte

»Der alte Turmhahn«

Die kulturelle Welt des Pastorats und ortsgemeindliche Erfahrungen hat Mörike in der Idylle Der alte Turmhahn aus dem Jahr 1852 verarbeitet; eine erste Fassung entstand bereits 1840 unter dem Titel Aus Anlaß der Kirchthurm-Renovation im Juni 1840. Auch Mörike war also wie fast jeder Pfarrer einmal im Laufe seines Amtslebens mit Bau- und Renovierungsfragen beschäftigt. In einem Brief an Theodor Storm vom 21. April 1854 erläuterte er dem norddeutschen Kollegen, für dessen Frau besonders er die Idylle beigefügt hatte: »Der Pfarrer wurde durch Verlegung in eine frühere Zeit ehrwürdiger gemacht und ihm Weib und Kinder geschenkt. Das Ganze entstand unter der Sehnsucht nach dem ländlich pfarrlichen Leben.«6

Zu Cleversulzbach im Unterland
Hundertunddreizehn Jahr ich stand,
Auf dem Kirchenturn(!) ein guter Hahn,
Als ein Zierat und Wetterfahn.
In Sturm und Wind und Regennacht
Hab ich allzeit das Dorf bewacht.
Manch falber Blitz hat mich gestreift
Der Frost mein’ roten Kamm bereift,
Auch manchen lieben Sommertag,
Da man gern Schatten haben mag
Hat mir die Sonne unverwandt
Auf meinen goldigen Leib gebrannt.
7

Mörike lässt den alten Turmhahn erzählen, wie, er von Sonne, Wind und Wetter schwarz geworden, vom Dach geholt wird, um durch einen neuen ersetzt zu werden. Schon will er sich wehmütig in sein Schicksal ergeben und sagt der schwäbischen Dorf-Idylle mit der Kirche mitten im Ort Ade:

Ade, o Tal, du Berg und Tal
Rebhügel, Wälder allzumal!
Herzlieber Turn und Kirchendach,
Kirchhof und Steglein übern Bach (…)

Ade Hochwürden, Ihr Herr Pfarr,
Schulmeister auch, du armer Narr!
Aus ist, was mich gefreut so lang,
Geläut und Orgel, Sang und Klang.

Doch da rettet der Pastor ihn, »den alten Kirchendiener«, vor der Verschrottung durch den Hufschmied. Er wird unter Freudengeschrei der Kinder ins Amtszimmer des Pastors gebracht.

Hier wohnt der Frieden auf der Schwell!
In den geweißten Wänden hell
Sogleich empfing mich sondre Luft,
Bücher- und Gelahrtenduft
Gerani- und Resedaschmack,
Auch ein Rüchlein Rauchtabak.

Der alte Turmhahn beschreibt das Zimmer, vor allem den Kachelofen mit seinen Bildern und Verzierungen – da finden sich die Sage vom Erzbischof Hatto und dem Mäuseturm, Belsazars Gastmahl, die lauschende und lachende Sara beim Besuch des Herrn im Hain Mamre. Heiter erzählt, mit leiser Ironie, man höre nur:

Der Herr vernimmt es wohl und fraget:
»Wie, lachet Sara? glaubt sie nicht,
Was der Herr will, leicht geschicht?«
Das Weib hinwieder Flausen machet
Spricht: »Ich habe nicht gelachet.«
Das war nun wohl gelogen fast,
Der Herr es doch passieren laßt,

Weil sie nicht leugt aus arger List,
Auch eine Patriarchin ist.

Ein Höhepunkt des Gedichts ist die Szene der Predigtvorbereitung des Pfarrherrn in der Winterszeit. Es ist Freitagnacht, der Pfarrer ist allein in seinem Zimmer und »fangt sein Predigtlein an zu studieren«, er steht brütend am Ofen, dann geht er unruhig hin und her:

Sein Text ihm schon die Adern reget;
Drauf er sein Werk zu Faden schläget.

Hat er ein Fenster aufgetan –
Ah, Sternenlüfteschwall wie rein
Mit Haufen dringet zu mir ein!
Den Verrenberg ich schimmern seh,
Den Schäferbühel dick mit Schnee!

Was für eine wunderbare Wortschöpfung: Sternenlüfteschwall. Was wird in diesem Wort nicht alles angesprochen: die ewigen Sterne, die klare Wintersluft, das Licht der Sterne, nein, nicht das Licht, sondern die von dem Sternenlicht geschwängerten Lüfte, die mit einem Schwall unsichtbar und doch fühlbar in die Predigtstube dringen. Vom Turmhahn, der sie 140 Jahre lang auf dem Dach fühlen konnte, natürlich besonders freudig begrüßt. Neben Goethes Sternsymbolik in den Liebesgedichten, Kants »gestirntem Himmel« und Claudius Sternseherin Liese steht ebenbürtig der alte Turmhahn Mörikes, der dieses erhabene Gefühl des Sternenlüfteschwalls empfindet.

Und dann sieht und hört er, ein hübsches Dokument der Predigtvorbeitung eher Ende des 18. Jh. als Mitte des 19. Jh. in Schwaben, wie der Pfarrer seine Predigt zu schreiben beginnt:

Zu schreiben er sich endlich setzet,
Ein Blättlein nimmt, die Feder netzet,
Zeichnet sein Alpha und sein O
Über dem Exordio.

Wie er jedes Wort prüft, manchmal auch ein Sprüchlein laut sagt (was sich der alte Turmhahn sogleich merkt) und so schließlich bis zur Applicatio kommt, dann aber zu Bett geht. Am Samstag kann er, weil er mit der Predigt schon fertig ist, den ganzen Nachmittag an dem Meisenschlag für den Sohn herumwerkeln. Der Sonntag kommt heran.

Jetzt ist der liebe Sonntag da,
Es läut’ zur Kirchen fern und nah,
Man orgelt schon; mir wird dabei
Als säß ich in der Sakristei.

Der alte Turmhahn kann inzwischen in Ruhe mit der hereinschleichenden Sonne das Amtszimmer betrachten: das kleine Pult von Nußbaumholz, Konkordanz und Kinderlehr, Oblatenschachtel, Amtssigill, Dintenfaß und Federmesser. Ja, man könnte eine Skizze des Zimmerinventars einschließlich seiner Bücher anfertigen, wo der mit der Sonne sich umschauende Turmhahn inzwischen angelangt ist:

Da stehn in Pergament und Leder
Voran die frommen Schwabenväter

Andreä, Bengel, Rieger zween,
Samt
Ötinger sind da zu sehn.
Wie sie
[die Sonne] die goldnen Namen liest
Noch goldener ihr Mund sie küßt,
Wie sie rührt an
Hillers Harfenspiel –
Horch! Klingt es nicht? so fehlt nicht viel.

Dieser Blick in den Bücherschrank und seinen vornehmlich pietistischen Inhalt (ich habe auch noch einen alten Bengel von meinem Großonkel, weiland Superintendent in Dannenberg geerbt) kann einen wehmütig stimmen. Dann schaut er (Mörike schätzte Brockes teleologische Naturbetrachtungen in Irdisches Vergnügen in Gott) einem Spinnlein zu, wie es zwischen Schnabel und Kragen sein Netz aufhängt.

Die Idylle endet mit einer nachdenklichen Selbstbetrachtung des alten Turmhahns. Manchmal möchte er gerne wieder draußen sein, etwa auf dem Taubenhaus stehen, »wo dicht dabei der Garten blüht/Man auch ein Stück vom Flecken sieht«. Doch dann schilt er sich einen Narr.

Du alter Scherb, schämst du dich nicht,
Auf Eitelkeit zu sein erpicht?
Geh in dich, nimm dein Ende wahr!
Wirst nicht noch einmal hundert Jahr.

So ist Der alte Turmhahn eine Idylle über das schwäbische Landpfarrerleben, wie Mörike gegenüber Storm bekannte, zugleich auch ein Gleichnis über die Vergänglichkeit der Dinge, die ihre Zeit haben, danach abgebaut werden, aber hier doch noch nicht zum alten Eisen geworfen werden, sondern ein zweites Leben bekommen. Vor allem aber ist es die Schilderung einer bereits vergangenen Zeit von Pfarrherrlichkeit, die angesichts der rasanten gesellschaftlichen Veränderungen in der Mitte des 19. Jh. allzu idyllisch geriet. Schon fuhr die Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth, nahm in Schwaben die Industrialisierung ihren Lauf und begründete schwäbisch-industriellen Fleiß, der bis heute Markenzeichen des Ländles geblieben ist. Die pietistischen Kirchenväter im Bücherregal sollten in der zweiten Hälfte des 19. Jh. in einigen Pfarreien abgelöst werden durch Blumhardt und Ragaz, die religiösen Sozialisten. Oder durch exegetische Schriften historisch-kritischer Bibelkritik.

Vielleicht hätte der alte Turmhahn, wäre er Mitte des 19. Jh. ersetzt worden, auch von seiner symbolischen Funktion gesprochen, nämlich die Kirche an den Verrat des Jüngers Petrus zu erinnern: »Ehe der Hahn heute kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.« (Lk. 22,61) Etwa im Versagen der Kirche gegenüber den Herausforderungen des heraufziehenden Industriezeitalters und den Armutserscheinungen. Doch darauf geht Mörike hier nicht ein. Der alte Turmhahn ist vor allem Zeuge des beschaulich ländlich-pfarrherrlichen Lebens.

 

Pastoralerfahrungen

Sehr hübsch spiegelt auch das Gedicht Pastoralerfahrung diese Zeit wider (1, 868):

Meine guten Bauern freuen mich sehr,
Eine »scharfe Predigt« ihr Begehr,

Und wenn man es mir nicht verdenkt,
Sag ich, wie es zusammenhängt.
Sonnabend wohl nach elfe spat
Im Garten stehlen sie mir den Salat,
In der Morgenkirch mit guter Ruh
Erwarten sie den Essig dazu.
Der Predigt Schluß fein linde sei:

Sie wollen gern auch Öl dabei.

Welch herrlicher Einfall, das Predigtgeschehen als Salatzubereitung mit Dressing, wie man heute sagt, darzustellen. Das enge Verhältnis von Pfarrer und seinen Schäfchen zeigt sich in der humorvollen Art, mit der in der Predigt auf die kleinen Sünden wie den Salatdiebstahl Bezug genommen wird. Eine scharfe Predigt braucht ein versöhnliches Ende. Der Pfarrer soll seinen Bauern die Leviten lesen, aber nicht zu sehr.

In der Nachlese I finden sich folgende Gedichte, die pastorale Schwächen aufspießen und nicht weiter kommentiert werden müssen.

An einen Prediger (2, 363)

Lieber! Ganz im Vertrauen gesagt:
   Es buhlt mit dem Ehrgeiz

Deine Andacht:
   Du trägst Hörnlein, und Satanas lacht.

Pastor an seine Zuhörer (ebd.)

Gefall ich euch nicht, ei so bleibt doch zu Haus,
Oder geht zu einem andern!

Der zieht euch die Zähn mit dem Stiefelknecht aus;
Wir sind noch von den Galantern.

 

Neutheologische Kanzelberedsamkeit (ebd.)

A.
Der biblische Text ist gar nicht schlecht,
Nur sing ich nach eigenen Noten.

B. beiseite:
Ja, untersucht seine Kanzel nur recht:
Sie hat einen doppelten Boden!

 

3. Predigtversagen und Jesusgedichte

Mörike fiel das Predigen nicht leicht. In einem Brief an seine Braut Luise Rau beschreibt er sein Versagen: »Nie fühlte ich ein lebhafteres Bedürfnis, ein durstigeres Verlangen nach derjenigen Beruhigung, welche mein Beruf mit sich bringt, und doch – nie fühlte ich mich unfähiger, Hand an die Arbeit zu legen und meiner Empfindung irgendeine Form zu geben. Das Evangelium hielt mir seinen ganzen Frieden entgegen und lockte mich tief und tiefer in jene stille Abgeschiedenheit des Geistes, wo der Engel unserer Kinderjahre uns wieder begegnet und mit uns weint. Aber was ich hier empfand, das gehörte nur mir, nur dir – ich konnte die Brücke zur Predigt nicht finden, und was dort lauteres Gold gewesen war, das wurde stumpfes Blei.«8

Ich denke, wenn manche Prediger heute so selbstkritisch mit ihren Produkten umgingen, wäre es besser ums Predigen bestellt. Aber beim Dichtertheologen Mörike gilt: was ihm in der Predigt nicht gelingt, das erreichen seine Gedichte, z.B. die, die sich auf die Heilsgeschichte beziehen. Es gibt drei, vier wunderbare Jesusgedichte, die viel mehr aussagen als lange und umständliche Predigten über den Heiland und Gottessohn. Das Gold der Kinderjahre glänzt auch hier, aber sogleich von dem schweren Schicksal überschattet, das den kleinen Jesus erwartet. Aus dem Knaben wird schon in der Krippe der Schmerzensmann. Diesen Zusammenhang von Krippe und Kreuz thematisiert Mörike auf prägnante Weise in dem Gedicht Auf ein altes Bild (1, 766):

In grüner Landschaft Sommerflor
Bei kühlem Wasser, Schilf und Rohr
Sieh wie das Knäblein sündelos
Frei spielet auf der Jungfrau Schoß.
Und dort im Walde wonnesam

Ach, grünet schon des Kreuzes Stamm!

Mit wenigen Worten wird die typische Szene »Madonna mit Jesuskind« skizziert. Ein Sommerbild: Wasser, Schilf und Rohr. Dann aber theologisiert sich der Blick des Betrachters – er sieht das Knäblein sündelos auf der Mutter Schoß, nicht nur des Reimes wegen. Nein, theologisch ist die Unschuld Jesu die Voraussetzung für die Erlösung des Menschengeschlechts. Krippe und Kreuz gehören zusammen. Und so sieht der Betrachter in dem Wald im Hintergrund bereits des Kreuzes Stamm grünen. Sieht es Anteil nehmend, darauf verweist das elegische »Ach«, und doch als heilsnotwendig, darauf spielt das Attribut »wonnesam« an, was so viel sagen will wie wunderbarerweise. »Unsres Herzens Wonne« wird Jesus in einem Weihnachtschoral genannt. Die Weihnachtsidylle wird nicht gerade zerschlagen, aber zurecht gerückt.

Eine Variante finden wir in dem Gedicht Schlafendes Jesuskind, das ein Gemälde von Fanc Albani, einem Bologneser Meister, zur Vorlage hat (1, 766). Ein Idyll nahe am Kitsch, wenn er von den sanften Wimpern spricht – natürlich fällt uns »holder Jüngling im lockigen Haar« ein. Das ist ein Jesusbild, das dann die Nazarener malten, das sich bei Renan findet und erst von Albert Schweitzer korrigiert wurde, der Jesus als ernsten Endzeitprediger charakterisiert, der die Wandlung der Welt herbeizwingen will.

Eine dritte Bildbeschreibung des Knaben Jesus findet sich in Göttliche Reminiszenz mit dem Motto auf Griechisch »alles ist durch ihn geschaffen« (Joh. 1,3). Sie schildert ein Bild, das Mörike im Kartäuserkloster sah. Das Bild zeigt den ungefähr fünfjährigen Jesus, wie er auf einem Berghang mit weidenden Ziegen sitzt. Ein alter Hirte hat dem Knaben zum Zeitvertreib ein versteinertes Meergewächs gegeben, der Knabe betrachtet es (1, 808):

Und jetzt gleichsam betroffen, spannet sich der weite Blick
Entgegen dir, doch wirklich ohne Gegenstand
Durchdringend ewge Zeitenfernen, grenzenlos:
Als wittre durch die überwölkte Stirn ein Blitz
Der Gottheit, ein Erinnern, das im gleichen Nu
Erloschen sein wird; und das welterschaffende
Das Wort vom Anfang, als sein spielend Erdenkind
Mit Lächeln zeigt’ unwissend dir sein eigen Werk.

Die Verbindung von Johannesprolog und diesem Genre-Jesusbild nimmt die Aussage, dass »das Wort im Anfang bei Gott war« und dann »Mensch wurde und unter uns wohnt«, ganz ernst. An der Versteinerung des Ammoniten (Mörike sammelte sie selbst auf der Schwäbischen Alb und hatte eine beachtliche Sammlung) führt er sozusagen einen physikotheologischen Beweis, dass Christus das Wort am Anfang der Schöpfung dabei war. Eine Reminiszenz fliegt durch die Gedanken des Kindes, ein Erinnern, das schnell verloschen sein wird. Als spielendes Kind sieht es sein eigenes Werk. Die theologische Logos-Spekulation wird geerdet. Der kurz als eigenes Werk erkannte Ammonit in der Hand Jesu ist sozusagen ein naiver Beweis für die Präexistenz des Logos-Sohnes.

Das wird alles dichterisch erfunden; bezeichnend ist, dass Mörike in diesen drei »Jesus als Kind«-Gedichten auf Bilder rekurriert, die Bilder sind mit symbolisch-theologischer Tiefe. Der Dichter ist in der Lage, diese Tiefe in der Betrachtung zu entdecken, Beziehungen herzustellen, die dem normalen Blick verborgen bleiben (unter anderem auch deswegen, weil uns das christliche Symbolwissen verloren gegangen ist).

 

4. Schwermut, Heiterkeit und gelingendes Wort

Kann man in der Liebe ganz eines andern sein, fragt sich der Dichter und antwortet: nein (1, 771). Dann fragt er weiter:

Sollt ich mit Gott nicht können sein
So wie ich möchte, mein und dein?
Was hielte mich, dass ich’s nicht heute werde?

Da bekommt er ein »süßes Schrecken«:
Mich wundert, dass es mir ein Wunder wollte sein
Gott selbst zu eigen haben auf der Erde!

Also – die unio mystica ist möglich, im Gedicht, nicht in der Wirklichkeit. Auch in Cleversulzbach hat Mörike trotz anfänglicher Begeisterung öfter Zweifel an seiner Eignung zum Kirchendienst. Erneut zwingen ihn Krankheiten und Kuraufenthalte zu längeren Unterbrechungen. Seine unstete Amtsführung wird beanstandet. Schließlich fordert ihn das Königliche Konsistorium im November 1842 auf, seinen einstweiligen Ruhestand zu beantragen. »Ein allgemeines Schwächegefühl, das mich seit Jahren eigentlich nie verlassen hat und sich bei jeder Art von längerer fortgesetzter Anstrengung, vornehmlich bei der physisch geistigen, der öffentlichen Rede zeigt, ist kürzlich infolge meiner neu übernommenen ungeteilten Amtstätigkeit in erhöhtem Maße eigetreten…«9 Mörike erwähnt Blutandrang nach dem Kopfe, Schwindel, Herzklopfen. Im Juli 1843 wurde Mörike mit einer Gnadenpension von 280 Gulden in den Ruhestand versetzt. Die rein gesundheitliche Begründung vernachlässigt die anderen theologischen und pastoralen Gründe dieser Unfähigkeit, das Pastorenamt zu führen. Für Mörike wie für die Kirche war es sicherlich besser so. Zu erinnern ist an Isolde Kurz’ berühmtes Porträt Mörikes, das auf seine griechische Bildung verweist (wie schön und wichtig sind seine Übersetzungen von Theokrit, Anakreon, Catull und Horaz!), sie vermutet, »daß dieser große Kopf eines schwäbischen Landpfarrers mit den etwas schlaffen Zügen und den stehenden grämlichen Falten nur eine scherzende oder schützende Maske sei, unter der jeden Augenblick ein feiner jugendlicher Griechenkopf oder ein lächelnder Ariel zum Vorschein kommen könne.«10

Was fehlte Mörike? Es ist sicher unangemessen, mit einem Gedicht darauf die Antwort zu geben, weil ein Gedicht keine direkte biographische Selbstaussage ist, aber ich tue es trotzdem (1, 772).

Dein Liebesfeuer
Ach Herr! Wie teuer
Wollt ich es hegen
Wollt ich es pflegen!
Hab’s nicht geheget
Hab’s nicht gepfleget,
Bin tot im Herzen –
O Höllenschmerzen!

Im lateinischen Original des Fortunatus Venantius heißt es: »o frigus triste.« Traurige Kälte, übersetzt mit »tot im Herzen«, »Schwermut«. Mörike kannte solche Stimmungen. Er überwindet sie manchmal durch Heiterkeit. Findet er das richtige Wort, so ist sein Werk der Sieg der Sprache über Widrigkeiten und psychische Gefährdungen, wie sie besonders im Maler Nolten gezeichnet werden. Auch in der schönsten Musikernovelle, die es in deutscher Sprache gibt, in Mozart auf der Reise nach Prag. Auch dort ist von Schwermut die Rede, von der Ahnung eines frühzeitigen Todes, von Gram aller Art und Farbe, das Gefühl der Reue nicht ausgenommen. Aber das alles fließt zusammen in Mozarts Musik, die auch ein Sieg ist über diese trüben Stimmungen. Es ist auch und gerade die Heiterkeit des Erzählers und des Erzählten, die ein Triumph über jene Anwandlungen von Schwermut und Trübsinn ist, worin Mörike tagelang verharrte, untätig, keinem Trost zugänglich.

 

5. Fromme Resignation

Trotzdem ist ein kurzes Gebet, das um die fromme Ergebung in das, was Gott schickt, bittet, zu einem seiner bekanntesten Texte geworden. Als ich es bei einem Vortrag zu seinem 200. Geburtstag 2004 vor den Kirchenführerinnen der Hamburger St. Michaeliskirche zu zitieren begann, stimmten die Anwesenden sofort ein (1, 773):

Herr, schicke was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus Deinen Händen quillt.

Hier wird eine Haltung der Ergebung beschrieben, die in Deutschland auch eine unglückliche Tradition der Hinnahme des von der Obrigkeit verfügten Geschicks beinhaltete. Aber zuerst ist es doch eine existentielle christliche, auf Gottes Führung auch im Negativen vertrauende Haltung, eine Haltung, die im Widerstand gegen Hitler gerade bei den beteiligten Christen Dietrich Bonhoeffer und Helmut James Graf von Moltke in der »Ergebung« in ihr Märtyrerschicksal eine unerwartete Bestätigung fand. Später hat Mörike einen zweiten Vers angefügt, der auf Gretchens »Morgengebet« im Faust I anspielt und mit dem »doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden« allzu biedermeierlich endet.

Eine theologisch wichtige Korrektur der lutherischen Sündenlehre enthält das Gedicht Fußreise, von Hugo Wolf beschwingt vertont. Der Dichter ist frühmorgens am »frischgeschnittenen Wanderstab« in Wald und Feld unterwegs; hört die Vögel singen, dabei fühlt sein »lieber alter Adam« »Herbst- und Frühlingsfieber, gottbeherzte, nie verscherzte Erstlings-Paradieseswonne«. Darauf spricht er den alten Adam, die lutherische Orthodoxie korrigierend, aufmunternd an:

Also bist du nicht schlimm, o alter
Adam, wie die strengen Lehrer sagen;
Liebst und lobst du immer noch,
Singst und preist du immer noch,
Wie an ewig neuen Schöpfungstagen
Deinen lieben Schöpfer und Erhalter.

So schließt er mit dem Wunsch an Gott, das ganze Leben möge eine solche prälapsarische Morgenreise sein. Paradiesisch gottbeherzte Naturerfahrung als Widerspruch zur lutherisch-pessimistischen Anthropologie. Was hätte Luther wohl dazu gesagt!?

Mörike heiratete im Jahr 1851 die Offizierstochter Margarethe von Speeth, sie hatten zwei Töchter. Es wurde eine unglückliche Ehe, man trennte sich mehrmals, kurz vor Mörikes Tod kam es zur Versöhnung. Mörike war inzwischen ein bekannter Dichter, dessen Gedichte zu den schönsten und vollkommensten seiner Zeit gehörten, ich nenne nur An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang, Gesang zu zweien in der Nacht, Nimmersatte Liebe, Das verlassene Mägdlein, Auf eine Lampe und Elfenlied. Mörike starb am 4.6.1875. Mag sein, dass manches Pfarrhaus in Schwaben eine Plakette ziert, hier habe der große Dichter und unglückliche Pfarrer Mörike als Vikar gewirkt. Schön wäre es aber auch, wenn noch einige seiner Gedichte, darunter auch ein pastorales, von Pfarrern und Laien zitiert werden könnten.

 

Anmerkungen:

* Leicht überarbeitete und veränderte Fassung meines Essays »… der Predigt Schluß fein linde sei«. Pastoralerfahrung und Resignation in einigen Gedichten Mörikes, in: PTh (104) 2015/4, 187ff.

1 Eduard Mörike, Sämtliche Werke Bd. 2, München 1996, 543.

2 Ebd.

3 Zit. Udo Quak, Eduard Mörike. Reines Gold der Phantasie, Berlin 2004, 84.

4 Zit. Quak, Mörike (s. Anm. 3), 90.

5 Zit. Quak, Mörike (s. Anm. 3), 95.

6 Storm – Mörike, Briefwechsel. Kritische Ausgabe, hrsg. v. H. u. W. Kohlschmidt, Berlin 1978, 34ff.

7 Eduard Mörike, Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1997, 786-794. Alle folgenden Gedicht-Zitate aus diesem Band.

8 Eduard Mörike, Briefe an seine Braut Luise Rau (1829-1833), München 1965.

9 Zit. Quak, Mörike (s. Anm. 3), 180.

10 Mörike, Bd. 1 (s. Anm. 7), 1004.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. theol. Hans Jürgen Benedict, Jahrgang 1941, 1980-1991 Pfarrer in Hamburg, 1991-2006 Prof. für Diakonische Theologie an der Evang. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie Hamburg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

»Und führe uns nicht in Versuchung«?
Zur Kontroverse um die sechste Bitte im Vaterunser
Artikel lesen
Profession in der Krise
Das Pfarramt ? eine überkomplexe Herausforderung
Artikel lesen
Neujahrstag
1. Januar 2020, Johannes 14,1-6
Artikel lesen
Altjahresabend
31. Dezember 2019, Hebräer 13,8-9b
Artikel lesen
Trauer-Mannschaftsfotos und Sarg-Selfies
Pastorale Alltagsskurrilitäten bei Beerdigungsfeiern
Artikel lesen
2. Sonntag nach dem ­Christfest
5. Januar 2020, Jesaja 61,1-3(4.9)10-11
Artikel lesen
Vom unzeitigen Nikolaus und anderen Jahresendhelden

Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!