Vom unzeitigen Nikolaus und anderen Jahresendhelden

Von: Peter Haigis
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Da stehen sie schon wieder! In Reih’ und Glied. Wie bestellt und nicht abgeholt. Einer neben dem anderen. Richtig putzig sehen sie aus mit ihren roten Mäntelchen und ihren weißen Rauschebärten – die Rute in der Hand. Manche schauen gütig, lächeln mild, andere blicken eher grimmig drein: Nikolaus-Parade 2019. – Ein überwältigender Aufmarsch!

So finden sich manche schon Ende September/Anfang Oktober in den Verkaufsregalen der Supermärkte. Und sie warten geduldig, bis ihre große Stunde schlägt. Am sechsten Dezember müssen sie nämlich richtig ran. Da sollen sie plötzlich überall in den Stiefeln stehen. Verständlich, dass so ein Masseneinsatz von langer Hand geplant und vorbereitet sein muss. Verständlich, dass man nicht am Vorabend mit dem Ausfüllen der Gussformen beginnen kann. Aber dass sie nun schon über zwei Monate zuvor die Regale bevölkern und erwartungsfroh die Kunden angrinsen – das ist des Guten doch zu viel. Mir jedenfalls.

Wenn ich das Heer dieser arbeitslosen Nikoläuse sehe, kann ich nur den Kopf schütteln. So wird nicht nur im Überfluss produziert, sondern auch Überflüssiges auf den Markt geworfen. Völlig überflüssig finde ich nämlich diese unzeitige Einstimmung auf Advent und Weihnachten. Wenn ich nach dem Kalender gehe, dann ist im Oktober und November vieles andere angesagt, bevor die besinnliche Adventszeit beginnt. Nicht nur auf emotionaler Ebene trifft das zu. Es gilt auch für die Inhalte von Jahreszeiten und – besonders – Kirchenjahreszeiten: Wenn man sich nach Festen und Traditionen richtet, dann gibt es auch noch etwas anderes als voreilige Advents- und Weihnachtsseligkeit. Jede Erzieherin und jeder Lehrer, die mit Kindern arbeiten, können das bestätigen. Zum Beispiel St. Martin – in katholischen Gegenden wesentlich besser bekannt als in protestantischen Gefilden. Übrigens zu Unrecht, wie ich finde … Immerhin gibt es ihn nicht in einer verfrüht auf den Markt geworfenen Schokofassung.

Mir ist aber auch in einer andern Hinsicht nicht wohl bei all diesen pausbäckigen, rot bemäntelten Opas, die aussehen, als kämen sie direkt aus Disneyworld (und sie sind ja auch eher dem in den USA weit verbreiteten Santa Claus nachempfunden als dem Bischof von Myra). Da wird dem süßlichen Kitsch einfach zu viel geopfert. Der Heilige Nikolaus hat ja wirklich gelebt und beim Kirchenvolk noch lange nach seinem Tod nicht geringen Eindruck hinterlassen. Manche Legende rankt sich um die Person des Bischofs aus dem Kleinasien des 4. Jh., der heutigen Türkei.

Die bekannteste Geschichte ist die Erzählung vom Kornwunder: Während einer erdrückenden Hungersnot im ganzen Landstrich hört der Bischof von Myra von Transportschiffen, die mit großen Kornladungen in einem nahe gelegenen Hafen einen Zwischenstopp eingelegt haben. Nikolaus bittet die Schiffsleute um Abgaben für die hungernde Bevölkerung. Die Besatzung reagiert zunächst zurückhaltend, weil sie Strafen der kaiserlichen Behörden befürchtet, für die das Korn bestimmt ist. Nikolaus versichert ihnen bei Gottes Hilfe, dass trotz ihrer Spenden kein Gramm Korn fehlen wird, wenn sie in der Hauptstadt einlaufen. Und tatsächlich erreichen die Schiffe mit ihrem vollen Gewicht Konstantinopel, während die Hungernden nicht nur gesättigt werden, sondern überschüssiges Korn sogar noch zur Aussaat verwenden können.

Das ist mehr als ein frommes Geschichtchen. In Zeiten, in denen über weltweite Gerechtigkeit, internationale Schuldenerlasse und über lebenswerte Bilanzen für Länder diskutiert wird, die ihren laufenden Haushalt nicht mehr bestreiten können, weil ihre Abgabenpflichten zu hoch sind, gewinnt die alte Nikolauslegende neue Aktualität. Da bräuchten wir noch mehr solcher mutiger Bischöfe, die den Rechnern des Marktes klar machen, dass nicht durch Wachstum, sondern durch Verzicht der reichen Länder Not gewendet werden kann – und ihnen selbst immer noch genug zu einem durchaus guten Leben bleibt.

Diese Geschichte ist es wert weitererzählt zu werden, wenn die Schokoladen-Nikoläuse im adventlichen Schmuck erstrahlen. Doch zuvor lassen sich noch andere Erinnerungen pflegen – z.B. an den Heiligen Martin, der mit seinem geteilten Mantel dem Bischof von Myra in nichts nachsteht, was Diakonie und Armenhilfe anlangt, oder an den mutigen Augustinermönch aus Wittenberg, der dafür kämpfte, dass Menschen mit ihren Glaubensnöten und -ängsten ernst genommen werden. Und das alles ist allemal spannender als der herbstliche Grusel-Karneval namens »Halloween« – meint Ihr

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

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