24. November 2019, Matthäus 25,1-13
Ewigkeitssonntag

Von: Christoph Kühne
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Ein Gleichnis mit drei Schichten


Das Gleichnis von der »geschlossenen Tür« (Schottroff) zeigt Jesus als genialen Geschichtenerzähler. Wir wollen versuchen, drei Schichten in diesem Gleichnis zu beschreiben, die jeweils eine eigene Predigt lohnen würden.


Erste Schicht: Die geschlossene Tür

Jesus erzählt die Geschichte von zehn »Blumenmädchen«, die sich bei einer Hochzeit auch selber als heiratsfähige Frauen präsentieren können. Dabei geht es weniger um die Schönheit der Mädchen als vielmehr um ihre Sorgfalt, Vorsorge oder »Weisheit«. Die einen sind moorai, dumm, die an-deren phronimoi, klug. mooros zeigt sich in »unsachgemäßem Handeln, Denken und Reden« (ThNT 1373). Ein solches Mädchen ist in einer patriarchalen Gesellschaft nicht vermittelbar. Anders die klugen Mädchen, »die ihre Tüchtigkeit beim Bedienen der Fackeln vorführen« (Schottroff, 45). Das Himmelreich gleicht nun diesen zehn Mädchen, die sich auf dem Weg zur Hochzeit befinden. Die Hochzeit ist das große Fest des Lebens. Sie ist das »Himmelreich« auf Erden. Und was ist wichtiger als »in den Himmel zu kommen«, bei Gott zu sein, aufgehoben bei IHM?

Was geht nun in der Geschichte schief? Gibt es eine Haltung, die die Tür zum »Himmelreich« eher öffnet oder eher verschließt? Was bedeutet es für unser Leben, Öl für die Lampen bereit zu haben? Gibt es ein Gott wohlgefälliges Leben? Pietistische Christen haben auf diese Frage eher eine Antwort als »Normalchristen«, für die ein »anständiges Leben« oft reicht. Wie sieht ein »ernsthafter Christ« aus? Sind alle »ernsthaften Christen« Fundamentalisten? Doch was hält die Tür zu Gott auf? Wie bereite ich mich auf Gott vor? Oder ist Gott nicht immer schon wie der Bräutigam da, in der Nähe – wenn auch kurzzeitig abwesend?


Zweite Schicht: »Darum wachet!«

Der Rahmen des Gleichnisses ist eine Hochzeit, auf die man sich vorbereiten muss. Jesus will damit sagen, »dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist«. Er war sich selbst der Nähe Gottes bewusst. Aus diesem Bewusstsein hat er gelebt, geheilt, gepredigt, gelitten. »›Nähe‹ bedeutet auch: ›Es geht mir nahe, es steht mir bevor.‹ Die ›Nähe‹ befreit von anderem und übt zugleich einen Druck aus. … Diese Naherwartung des Reiches Gottes macht die Umkehr zur Zukunft und den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden realistisch. Wenn das Reich Gottes wirklich ›nahe‹ ist, lohnt sich der Einsatz für das Recht der Unterdrückten und den Frieden der Verfolgten. Die Naherwartung des Reiches Gottes bringt eine Transformation in die Gegenwart und macht möglich, was sonst unmöglich erscheint. Diese Naherwartung erfüllt die Erwartenden mit Hoffnung.« (Moltmann, 51)

Dies ist die Haltung der »klugen Jungfrauen«. Sie haben immer genug Öl bei sich, sind vorbereitet auf die »Ankunft des Bräutigams«. Die klugen geben den dummen Mädchen kein Öl ab. Wo bleibt da die Solidarität (unter Frauen)? Immerhin versuchen die Dummen, ihren Mangel auszugleichen. Doch hier ist die Tür zum Himmelreich verschlossen. Gibt es eine zweite Chance? Mt. sagt: Mach es wie die Klugen! Bereite Dich vor! Übe Dich in Wachsamkeit, und Deine Gegenwart wird »transformiert«.

An einigen Stellen des NT steht neben dem Wachen auch das Beten. »Im Gebet sehen wir in die Welt Gottes, wachend erforschen wir die Möglichkeit der Ankunft des Reiches Gottes und sehen die ›Zeichen und Wunder‹, die es begleiten. Beten und Wachen zeichnet eine besondere Form der Geistesgegenwart aus. ›Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt‹, sagt Heraklit, ›während die Schlafenden in ihrer eigenen Traumwelt leben.‹ Das gilt im übertragenen Sinne für die Wachenden der Zukunft unter den mit sich selbst beschäftigten Zeitgenossen.« (Moltmann, 52)


Dritte Schicht: Allein aus Gnade?

Jesus erzählt in Mt. 25 zwei Gleichnisse, die von einer glücklichen und einer unglücklichen Haltung von Menschen sprechen, die dann auch zu einem »harten« Ergebnis führen: Die »dummen Jungfrauen« bleiben »draußen vor der Tür«, der »faule« Verwalter findet sich in der Finsternis wieder (Mt. 25,30). Hätte es nicht auch ein anderes Ende geben können? Ist Jesus hier nicht hart, kalt und unbarmherzig?

Vielleicht geben wir dem Bräutigam auch recht: Ja, es gibt ein Zuspät! Doch ein Unbehagen bleibt.: Was geschieht mit den »dummen Mädchen« wie mit dem »unnützen Knecht« (Mt. 25,30a)? Fallen beide aus dem »Himmelreich« heraus wie seinerzeit Adam und Eva aus dem Paradies? Gibt es da einen »barmherzigen Samariter«, der sich um die Verstoßenen kümmert und ihnen aufhilft, bis sie wieder selber laufen, reden und hoffen können?

Mt. beginnt Kap. 25 mit »Versagern« und schließt mit einer überraschenden Aussage Christi: »Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan«. Sind unter den »Geringsten« auch die »dummen Mädchen und unnützen Knechte«? Haben wir hier eine Rechtfertigungslehre »allein aus Gnade«? Dann hätte der Leser/Hörer noch Zeit, sich Öl zu kaufen, sich vorzubereiten auf die nahende Hochzeit. Gott sei Dank!


Literatur

Jürgen Moltmann, Über Geduld, Barmherzigkeit und Solidarität, 2018

Luise Schottroff, Die Gleichnisse Jesu, 2. Aufl. 2007

Begriffslexikon zum NT, 3. Aufl. 1972


Christoph Kühne

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

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