10. November 2019, Lukas 6,27-38
Drittletzter Sonntag im ­Kirchenjahr

Von: Ursula Bürger
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Für andere Maßstäbe


1. Anmerkungen zum Text

V. 29: Der berühmte und sehr missbrauchbare Satz, die andere Backe hinzuhalten, wird in sein Gegenteil verkehrt und nicht als Hilfe zum Leben und zur Gemeinschaft verstanden, wenn er denen gesagt wird, die sowieso immer ihre Backe hinhalten müssen. Neu und anders wird es, wenn es sich die Großen gesagt sein lassen, die, die niemand zwingen kann, ihre Backe hinzuhalten, die auf den Gegenschlag verzichten, wenn sie es könnten.

V. 31: Die goldene Regel kann in der Erziehung gut zur Einübung in Empathie benutzt werden: Versetz dich in die Lage des anderen. Oder: Du bist sehr in Verbindung mit dem anderen. Was du ihm antust, tust du dir selber an, weil alles Lebendige verbunden ist. Ein mystischer Grundsatz.

V. 32-34: Heilung zerstörter Gemeinschaft kann nicht auf dem Weg rechtlicher Vergeltung wiederhergestellt werden. Diese überzogenen Hoffnungen auf die Jurisprudenz lassen nur Enttäuschte zurück. Genauso wie Freundlichkeit unter Gleichgesinnten, wo Liebe auf Gegenliebe stößt, Wohltat auf Wohltat erwartet wird und Leihen auf Wiedergabe hoffen kann, keine erneuerte Gemeinschaft stiftet. Das ist allgemein üblich, ohne Risiko des Verlustes. Das ist Kaufmannslogik.

V. 36: Melanie Mühl hat über »Mitgefühl, eine wichtige Fähigkeit in unruhigen Zeiten« geschrieben. An Mitgefühl hat es offenbar zu allen Zeiten gemangelt. Ohne Mitgefühl werden wir unmenschlich, rassistisch, chauvinistisch, und wir vereinsamen.


2. Mit Jesu Worten andere Maßstäbe für unser Leben finden

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz1 aus Halle hat fünf Alternativen benannt, die, wenn sie unser Handeln bestimmen, Heilung in unsere menschliche Gemeinschaft und ins individuelle Leben bringen. Darin sehe ich die Berührung und Verbindung zur christlichen Botschaft. Mit Jesu Worten kann das Individuum und menschliche Gemeinschaft befriedet werden und Heilung finden. Seine Worte und sein Leben sind heute noch so unerhört und neu wie zu der Zeit, als Jesus sie predigte.

Fühlen statt Kämpfen: Die Notwendigkeit von Jesu Aufforderung »Seid Mitfühlende!« belegt Maaz mit Beobachtungen und beklagt, dass »wir mit großem Nachdruck dazu erzogen worden, wir sollten stark und tapfer sein … Brav, lieb und gehorsam, diszipliniert und ordentlich … Gefühle seien zurückzuhalten … das führt zu: Anstrengung statt Freude, Frust statt Lust, Kampf statt Liebe, Argumente statt Verstehen, Herrschaft statt Gemeinschaft, Zerstörung statt Entwicklung … Die Trennung von Gefühl und Verstand ist tödlich.«

Beziehung statt Konsum: Es geht um Sein statt Haben, um Geben statt Behalten. Maaz: »Wir haben immer mehr, weil wir immer weniger sind.« Jesus dagegen sagt: »Tut wohl denen, gebt denen, leiht denen, von denen nichts zu erwarten ist.«

Schwingung statt Leistung: Jesus hat uns seliggepriesen, ohne dass wir eine besondere Leistung erbringen mussten, die uns würdig gemacht hätte. Nun können wir mit unseren Mitmenschen leben und ihr Bedürfen spüren; ein Gefühl, das man Liebe nennt: wir sortieren nicht mehr aus, was durch Leistung Dank verdient und sich damit Lebensrecht erwirbt, wir können uns Liebe nicht durch Leistung verdienen, wir können loslassen und sind frei.

Gemeinschaft statt Konkurrenz: Andern wohltun durchbricht das Schema von Siegen oder Verlieren, »Amboss oder Hammer sein«. Maaz: »Wer siegen will, braucht Verlierer. Und Demokratie wird zum geschickten Spiel der Mehrheiten und schließlich zur Diktatur über Minderheiten.« Erklärt sich mit diesen Beobachtungen von Maaz auch ein Teil des gegenwärtigen Demokratiedilemmas, z.B. zuletzt in Sachsen?

Kommunikation statt Krieg: Jesus sagt: »Richtet nicht, verdammt nicht, vergebt und gebt.« Wir müssen keine Feinde machen, weil wir sie nicht brauchen, Als Seliggepriesene brauchen wir keine Gegner, weil wir kommunizieren können statt kämpfen. Die Alternative zu Kampf und Krieg »ist nicht leicht, aber möglich …, wenn wir die schmerzliche Wahrheit über unser belastetes und verfehltes Leben, über unsere Entfremdung und Schuld zulassen … Dieses unvermeidbare Leiden kann uns zu neuem Leben führen. Wer wieder zu sich findet und sich öffnet, der findet auch Kontakt zu anderen Menschen und zu einem entspannteren Leben. Der Weg dahin heißt: fühlen und kommunizieren, im eigenen Rhythmus schwingen und die inneren Gegensätze akzeptieren, er heißt: mitmenschliche Beziehung und Gemeinschaft.«(Maaz)

Die Worte Jesu weisen uns den Weg zum Leben, zur Einheit mit Gott, dem Mitmenschen, mir selbst.


Anmerkung:

1 Nach einer Flugschrift von H.-J.Maaz, Leipzig, Thomas-Verlag 1993.


Ursula Bürger

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

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