Zur Erinnerung an Claus Westermann zum 110. Geburtstag
Wandlungen der Familie

Von: Reinhard Witschke
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»Die Familie im Alten Testament«

In den von meinem Vorvorgänger im Pfarrhaus überlassenen Schriften und Büchern fand ich zwei Hefte »Zum Weitergeben« 3/4 1954, herausgegeben von der Evang. Frauenhilfe1 in Deutschland mit einem Aufsatz »Die Familie im Alten Testament« von Dr. Claus Westermann, damals Dozent an der Kirchlichen Hochschule Berlin-Zehlendorf. Das Schriftenverzeichnis von Claus Westermann2 führt diesen Aufsatz nicht an. 1994 habe ich Prof. Westermann von diesem Fund berichtet. Von diesem Aufsatz, so schrieb er mir, »hatte ich keine Ahnung mehr« (Brief vom 3. Januar 1995). »Von den Wandlungen des Waisenhauses zu hören, gibt mir die späte Genugtuung, dass ich damals doch nicht ganz falsch lag.« Er schrieb, dass er sehr enttäuscht war, dass niemand die Anregung aufnahm oder zur Diskussion stellte. Westermann hatte angeregt: »Es wäre von da aus mindestens die Frage zu stellen, ob nicht die institutionelle Hilfsarbeit der Kirche heute eine Wendung auf der ganzen Linie bekommen müsste, die an die Stelle des Großinstituts die kleine familienartige Gemeinschaft setzt. Es wäre weiter zu fragen, ob nicht mindestens der Versuch gemacht werden sollte, daß die alleinstehende Frau in der Arbeit der Kirche, wo das irgend möglich ist, ein Kind oder ein paar Kinder annimmt, die auf diese Weise aus dem Waisenhaus oder aus einem ähnlichen Institut herauskämen. Natürlich ist das keine ›Lösung‹, wohl aber könnte es ein Zeichen sein, dem in unserer Zeit eine hohe Bedeutung zukommen könnte«3.

Diese Anregung zeigt, wie Westermann immer wieder Linien auszieht, meist Fragen stellt, die vom AT ausgehend in die Gegenwart hineinreichen4. Ihm lag daran, die Aussagen der Bibel und die Fragen der Gegenwart nicht einfach zu nivellieren. Indem er sehr genau die Differenz herausstellte, konnte er Kontinuität aufzeigen.

Dieser Aufsatz, den ich hier in Erinnerung bringe, könnte nach meiner Einschätzung die theologische Orientierung in der Diskussion um Ehe und Familie, wie sie in der Orientierungshilfe des Rates der EKD »Zwischen Autonomie und Angewiesenheit« (2013) dargelegt ist, vertiefen.


Familie und Haus – die Begriffe

Westermann klärt in diesem Aufsatz zunächst die Begriffe Familie und Haus. »Es gibt im Alten Testament zwei Begriffe, die in ihrem Nebeneinander bezeichnend sind: ›Haus‹ oder ›Haus des Vaters‹ und ›mispaha‹ = ›Familie‹ oder ›Sippe‹ Haus bedeutet etwa das, was wir heute Haushalt nennen. Es ist die Wohngemeinschaft, die alle umfaßt.« Es ist nicht das Gebäude gemeint, sondern die »zusammenwohnende Gemeinschaft«. »Der andere Begriff mispaha bezeichnet die Verwandtschaft … Mispaha ist eine Gemeinschaft, die sich als Gemeinschaft fühlt und die von außen gesehen, einen gemeinsamen Charakter hat.«

Westermann verweist auf 1. Mose 49 und 5. Mose 33. Die Familie ist die Lebensbasis in Israel, nicht der einzelne Mensch. Die Familie lebt von der Gemeinschaft des Nacheinander und des Nebeneinander. Die Glieder einer Generationenfolge als Gemeinschaft des Nacheinander und der Gemeinschaft des Nebeneinander in der Geschwisterschaft bilden das »Wunder der Einheit durch die Generationen hindurch: das Wunder des Zusammengehörens von Eltern und Kindern. Dieses die Glieder einer Generationenfolge Verbindende ist das, was eigentlich die Familie ausmacht. … Es ist ein Wunder, das immer neu hingenommen wird auf dem Weg der Generationen«5.


Das Wunder der Einheit und Gleichheit in aller Verschiedenheit

Die Geschwister in der Gemeinschaft des Nebeneinander sind »von jenem Wunder der Gleichheit getragen«, die aber die Verschiedenheit der Kinder würdigt. Westermann betont die besondere Verantwortung des älteren Bruders. Er hat bei der Abwesenheit des Vaters Entscheidungen zu verantworten. In den Josefsgeschichten wird die Verantwortung ersichtlich. Die Geschwister sind füreinander verantwortlich. Sie müssen einander mitnehmen. »Es gehört zum Wesen des Geschwisterkreises, daß keines im Stich gelassen werden darf, und zwar durchaus unter der Voraussetzung, daß im Kreis der Geschwister keineswegs eine allumfassende Sympathie und Harmonie herrscht«.6

Die beiden Grundformen in der Gemeinschaft des Nacheinander und Nebeneinander sind im Wesentlichen nicht wandelbar. Die Ehe »als eine von Entscheidung und Wort getragene Gemeinschaft kann sich wandeln. Innerhalb der Bibel ist die auffälligste Wandlung die von der Mehrehe zur Einehe.«7

In Israel ist die Familie »ein Lebewesen«, das heil sein kann oder krank. Das »Heilsein einer Gemeinschaft heißt im Alten Testament: der Friede.« Der Mensch wird von der Gemeinschaft her verstanden. Sie prägt ihn mit ihrem Charakter. Charakter kennzeichnet die Gemeinschaft und nicht den Einzelmenschen. Für Westermann verliert diese »charaktergeprägte Gemeinschaft« an Bedeutung. Er stellt die Frage: »Wie lange werden wir noch in unserem kirchlichen Leben so kurzsichtig und beschränkt sein, nach Einheitlichkeit und Uniformität aller Art zu streben und dabei mitzuhelfen die charaktergeprägte Gemeinschaft zu verdrängen oder gar nicht erst aufkommen zu lassen?«8 Wie können wir uns heute diesem Streben nach Einheitlichkeit und Uniformität der Lebensformen widersetzen? Auf diese Frage können wir nur in Gesprächen eine Antwort finden.


Von der Rolle der kinderlosen Frau und den Witwen und Waisen

Westermann weist darauf hin, dass es im AT keinen Hinweis auf alleinstehende Frauen gibt, die Rolle der kinderlosen Frau in der Ehe aber häufig erwähnt wird, ebenso das Problem der verstoßenen Frau. Auffällig ist die Rede von den Witwen und Waisen im AT. »Beim Übergang Israels zum seßhaften Leben und teilweise zur städtischer Kultur« scheint die Großfamilie nicht mehr fähig oder willens zu sein, Witwen und Waisen Geborgenheit zu schenken. »Dabei zeigt das Reden der Propheten von Witwen und Waisen etwas von dem, was uns zu hören besonders wichtig ist. Die ›soziale Frage‹ ist im Grunde eine Frage der Ehre. Es kommt darauf an, daß die benachteiligten Glieder der Gemeinschaft von der ganzen Gemeinschaft ihre Ehre, d.h. ihren rechten Platz in der Gemeinschaft bekommen.« Wenn wir heute von der gebotenen Teilhabe der Sozialbenachteiligten am gesellschaftlichen Leben sprechen, dann geht es auch um die Ehre und den rechten Platz in der Gemeinschaft.


Die drei Stadien der Familiengeschichte

Westermann stellt abschließend die Wandlungen in der Familie dar, die sich in drei Stadien abzeichnen, die den »drei Hauptstadien der israelitischen Geschichte: die Familie in der vorstaatlichen Zeit, in der Zeit des Königtums und in der Zeit vom Exil ab«9 entsprechen.

In der Väterzeit ist die Geschichte Israels Familiengeschichte, in der die Grundbeziehungen menschlicher Gemeinschaft, im Abraham-Kreis das Verhältnis Vater – Sohn (= Eltern – Kinder), im Jakob-Esau-Kreis das Verhältnis Bruder – Bruder, im Josef-Kreis das Verhältnis Vater – (ein) Bruder – Brüder, bestimmend sind. Die Familie wird als eine Geschichte des Segens und als Ort der Vergebung erlebt.

In der Königszeit wird dem Haus der Familie Davids die Verheißung des Königtums gegeben. Durch viel Schuld des Königs und in seiner Familie tritt neben den »von Gott Gesalbten der von Gott Gesandte«10. Diese beiden Linien treten in der Prophetie auseinander. Bei den Propheten beginnt in der Jüngerschaft eine neue Form der Gemeinschaft.

Im Exil deutet sich eine tiefe Erschütterung der Familie an. In der Diaspora erwies sich die Familie als der eigentliche Hort des Glaubens. Für das NT zeigt sich: »Die Vorgeschichte des Evangeliums ist Familiengeschichte und die ersten Orte des Zusammenkommens der Gemeinde sind die »Häuser«.

Westermann beendet die Darstellung der »Wandlungen der Familie« mit dem Hinweis auf Joh. 19,25-27, in der Jesus seine Mutter und den Jünger, den er lieb hatte, zusammenführt. Diesen Worten kommt eine »noch nicht genügend beachtete Bedeutung zu«.11 Wie die Aussage »von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich« heute in unserem Zusammenleben umgesetzt werden kann, ist eine offene Frage, die sich Kirche und Diakonie zu stellen haben.

Zwei Arbeitskreise sind Westermann selbst als familienartige Gemeinschaft geblieben: »Der akademische Arbeitskreis in Wiesloch und eine kleine Bibelstunde in meinem Zimmer hier im Haus«.12 Dieser Aufsatz zur »Familie im Alten Testament« gehört in die Reihe zahlreicher Veröffentlichungen, die vor allem in der theologischen Zeitschrift »Zeichen der Zeit« in den 1950er Jahren erschienen sind. Sie haben das Ziel, die Relevanz des AT für die Gegenwart herauszustellen. In der Zeit in Berlin bis zu seiner Berufung nach Heidelberg 1958 werden 96 Vorträge gezählt.


Im Anrufen sich Aussprechen

Eine Würdigung Claus Westermanns sollte die Psalmen erwähnen, von denen er im Vorwort zu einer Auslegung »Ausgewählte Psalmen« (Göttingen 1984) schreibt: »Seit meiner Dissertation ›Das Loben Gottes in den Psalmen‹, deren Anfänge im Krieg und im Gefangenenlager entstanden, haben mich die Psalmen durch mein Lehramt begleitet. Sie haben dabei für mich eine Bedeutung bekommen, die weit über die üblichen Begrenzungen in Konfessionen und Kirchen hinausreicht. Die überbrückende Kraft, die sich auf dem Weg der Psalmen durch die Geschichte bisher gezeigt hat, wird in Zukunft der als ganzer gefährdeten Menschheit reichen«.

Wohl im Blick auf sein eigenes Leben schreibt er in einer Lesepredigt zu Ps. 71 wenige Monate vor seinem 90. Geburtstag am 7. Oktober 1999: »Im Psalm 71 spricht ein alter Mann sich aus: Im Anrufen Gottes kann er sich aussprechen. Da kann er sagen, was er denkt, wie es ihm zumute ist. … Wenn dieser Mann an sein Leben zurückdenkt, gehören gewiss ›die schönen Gottesdienste des Herrn‹ dazu, wie es ein anderer Psalm sagt … Dieser alte Mann im 71. Psalm könnte von solchen Gottesdiensten erzählen, so wie meine Gedanken jetzt zurückgehen zu einem Gottesdienst tief in Russland während des Krieges. So verschieden die Gottesdienste sind, in ihnen allen kann es gesprochen und kann es gehört werden, was damals der alte Mann im Rückblick auf sein Leben gesagt hat: ›Du bist meine Zuversicht und Hoffnung‹«.13

Claus Westermann verstarb am Pfingstsonntag, den 11. Juni 2000. Seine Frau schon am 22. November 1991, von der er im Vorwort zum Genesiskommentar (Teilband I, 1974) schreibt: »Ich danke allen an der Genesis-Forschungsstelle Mitarbeitenden … und meiner Frau, die mir bei dem mühsamen Weg von einer Lieferung zur nächsten tatkräftig geholfen haben«, und im Vorwort zu Teilband II (1980): »Ich danke allen, die mir bei der Arbeit an diesem Band geholfen haben … und vor allem meiner Frau für ihre vielfältige und vielgestaltige Mitarbeit, der zufolge der Genesiskommentar unsere gemeinsame Arbeit geworden ist«.14


Reinhard Witschke


Anmerkungen:

1 Heute »Ev. Frauen in Deutschland« (EFiD), Berliner Allee 9-11, 30175 Hannover.

2 Ausgewählte Bibliographie Claus Westermann. In: Forschung am Alten Testament. Gesammelte Studien Band II. Theologische Bücherei Bd. 55. München 1974, 319-326. Neu: Bearbeitet von Jürgen Kegler, Manfred Oeming, Jens-Oliver Müller (Claus Westermann: Leben – Werk – Wirkung. In: Beiträge zum Verstehen der Bibel, herausgegeben von Manfred Oeming und Gerd Theißen), 53-77.

3 Ders.: Die Familie im Alten Testament, Zum Weitergeben 4/1954, 7.

4 Diesen Aspekt der akademischen Lehre stellt Jürgen Kegler, sein letzter Assistent, bei der akademischen Trauerfeier der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg am 13. Juni 2001 heraus (Theologie als Dienst für die Gemeinde – Claus Westermanns Wirken im Raum der Kirche, a.a.O., 103-113.108.

5 A.a.O., 3/1954, 13.

6 Ebd., 14.

7 Ebd., 15.

8 Ebd., 17.

9 Ebd., 4/1954, 9.

10 Ebd., 10.

11 Ebd., 11.

12 Mein Leben. Eine autobiographische Skizze, a.a.O., 45.

13 Rudolf Landau (Hg.): Und seine Güte währet ewiglich. Predigten und Bilder zu Psalmen. Stuttgart 2000, 118-121. Ein Gedenkwort des Herausgebers, 12.

14 Westermann entfaltet in der »Einleitung zur Vätergeschichte Genesis 12-50« im 2. Teilband des Kommentars Genesis (Neukirchen 1980), 1ff, Erkenntnisse aus dem Aufsatz von 1954, ebenso in dem Aufsatz »Die Bedeutung der Vätergeschichten für die Gegenwart« aus dem Jahre 1981, in: Erträge der Forschung am Alten Testament, Gesammelte Studien III (München 1984, hrsg. von Rainer Albertz), 97-87. Bedenkenswert für die jüngste politische Entwicklung erscheinen mir die Sätze aus »Aufgaben einer zukünftigen biblischen Theologie«, erstmals im DPfBl 1981/1, 2-6 veröffentlicht und wieder abgedruckt in: »Erträge der Forschung« III, 203-212: »Noch ist ein Geschichtsverständnis beherrschend, für das Geschichte so gut wie identisch ist mit Völkergeschichte, also politische Geschichte. In der Bibel ist Geschichte nicht als Völkergeschichte, sondern als Menschheitsgeschichte entstanden und an ihr haben alle menschlichen Gemeinschaftformen teil, angefangen von der Familie.« Auf diesen Aufsatz verweist auch Rainer Albertz in seiner Festrede zum 100. Geburtstag von Claus Westermann am 14.10.2009 in Heidelberg »Von Gott reden, heißt vom Ganzen reden …«, die er mir dankenswerterweise im November 2009 zugesandt hat.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

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