Kirche im öffentlichen Raum
»Raus aus der Komfortzone!«

Von: Jens Junginger
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Wenn sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern, dann ändert sich auch der Blick auf die Kirche. Kirchenräume werden aufmerksam wahrgenommen, aber auch kirchliche Einrichtungen und Angebote werden durchaus in Anspruch genommen – nur verändert sich darin die Erwartungshaltung der Menschen an die Kirche. Und darauf müssen kirchliche Akteure reagieren, wie Jens Junginger in seinem Essay betont.


Es ist wie mit einem Fenster, das sich weit öffnet: Ein Fenster, das uns auf die Kirche blicken lässt, und zeigt, was sie ausmacht, heute und in Zukunft. Ein Fenster, das uns in einen umschlossenen Raum blicken lässt, den Kirchenraum, uns zeigt, was er beherbergt, ausstrahlt, erzählt, was er zu bewirken vermag. Ein Fenster, das uns auf und in die Öffentlichkeit, in den öffentlichen Raum, blicken lässt, wie die Menschen sind, wie sie leben und wie sie ticken, und in welchem Verhältnis sie zur Kirche, zum Kirchenraum und zur Kirche als Ausdruck gelebten Christentums stehen.

Und so schaue ich ganz real durchs Fenster, aus dem Fenster meines Arbeitszimmers auf den Kirchenvorplatz, in den öffentlichen Raum vor und um eine eindrückliche romanische Kirche. Ich sehe dort viele Leute, die ganze Woche hindurch. Sie sammeln sich, sie schauen die Kirche an, die Inschriften, stecken die Köpfe zusammen, schauen und streichen über ihre Smartphones, holen sich Infos. Die einen kommen gerade aus der Kirche, andere gehen noch hinein.


Kirchen ziehen Aufmerksamkeit auf sich

Es ist unübersehbar: Diese Kirche zieht Aufmerksamkeit auf sich. Diese Kirche ist anziehend – attraktiv im Sinne des Wortes. Wie diese Kirche, erleben viele Kirchen – gerade die alten – eine enorme Aufmerksamkeit, als stark frequentierte, als gerne aufgesuchte Orte. Und wer in und an einer solchen alten Kirche wirken und arbeiten darf, dem wird gratuliert – für diese Kirche, dieses Bauwerk, dieses mächtige besondere Gebäude, mit seiner Ausstrahlung nach innen und außen.

Ein guter Freund, mit distanzierten Kirchenbezug hat, sagte: »Da ist die Größe, das Volumen, ein gerichteter Raum. Der Raum hat eine Richtung, dank der regelmäßigen Stützen. Der Raum hat eine Mitte. Er geht in die Tiefe. Die spärliche Ausstattung gibt dem Raum Kraft. Ich mag es, dass keine unendlichen Darstellungen zu finden sind. Es hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, die Erhabenheit des Raumes wahrzunehmen.«

»Die Proportion und die Materialien sind für mich bedeutend«, betont eine weitere Betrachterin. »Da ist nichts zu viel und nichts versteckt: der Stein die Säulen, Bögen, Wände und das Holz der Decke.«

Ich verlasse den Kircheninnenraum und blicke von außen durch die Fenster hinein: Ich sehe in eine traumhafte Kirche. Ich träume, denke ich. Oder ist es Wirklichkeit? Da sind Menschen aus allen Milieus und Altersgruppen. Mal reden sie miteinander, mal hören sie zu. Jetzt schweigen sie, wandeln durch den Raum, entdecken etwas, zünden Kerzen an. Einige schauen die bunten Glasfenster an. Und jetzt, jetzt scheinen sie zu feiern. Ein anderes Mal sitzen sie in Kreisen mit Kerzenlicht. Und was ist das? Eine lange gedeckte Tafel. Ich sehe offene Münder, es wird gesungen. Durch ein anderes Fenster sehe ich den Raum in seiner Gänze. Fein, dezent ausgeleuchtet. Durch das dritte Fenster sehe ich Bilder, Skulpturen und Leute in angeregten Gesprächen. Es ist viel los in diesem Raum, in diesem Haus, einem »Haus der lebendigen Steine«.

Ich wende mich vom Fenster ab und bleibe lauschend stehen. Ich höre Klänge nach außen dringen, Orgelklänge, verschiedene Instrumente, Stimmen – mal rhythmisch, dann Gregorianik, Klassik, Romantik. Und jetzt groovt es! Was für ein Sound, was für ein bunter Sound! Doch dann wird es leise. Es wird erzählt, bewegende Geschichten. Auch deutliche Worte sind zu hören, kantige, scharfe Worte. Und dann? Stille! Die Pfeifen der Orgel fangen an, leise zu flöten – zunächst, bis alle Register gezogen sind, abruptes Ende, die Töne hallen nach. Beifall, Applaus.


Zeitweise zu Gast

Meine Schüler reißen mich gleichsam aus meiner verträumten Entrückung und holen mich zurück in die Wirklichkeit. Ich sehe, wie sie in diese Kirche hineingehen. Einige komplett befremdet. Sie staunen mit den Händen, fassen die unbekannten Dinge und Gegenstände an, wollen ausprobieren. Andere zieht es hinten zur Kerze. Wieder andere suchen sich einen Platz. Sie wollen Ruhe.

Ich sehe weitere Besucher, Leute, die gerne in Kirchen gehen, weil sie Kirchen schätzen. Ich gehe auf sie zu und frage: »Was empfindest du in dieser Kirche?« Und ich höre sie sagen: »Sie ermöglicht mir einen Perspektivwechsel und gibt mir dadurch Kraft.« – »Ich spüre die Geschichte und die Zeit, die diese Kirche überdauert hat.« – »Ich empfinde Dankbarkeit und Hochachtung vor den kulturellen Fähigkeiten, eine derartige architektonische Ästhetik zu schaffen.« »Ich bin froh«, sagt eine Besucherin, dass andere Generation solche Räume geschaffen haben, weil sie Werte definieren.«

Die Sehnsucht nach Kirchenräumen ist groß, aber auch nach klaren Ansagen und Aussagen. Menschen wollen in Kirchenräumen zeitweise zu Gast zu sein, unverbindlich, etwas zum Festhalten entdecken und Anstöße, ja auch Anstößiges zum Nachdenken erspüren, erfahren, hören.


Brauchen Menschen Kirchen?

In einer Zeit, in der die Relevanz der Institution Kirche schwindet, Menschen sich von der Kirche abwenden, das Christentum ausgedient zu haben scheint, gleichzeitig die Gesellschaft traumlos geworden ist und unter fehlenden Visionen für die Zukunft leidet, brauchen Menschen Kirchen.

»Ohne Kirchen gibt es keine allgemeinverbindliche Moral«, konstatierte kürzlich Gregor Gysi.1 »In Zeiten des Hasses und der Unsicherheit, brauchen Menschen ein Regelwerk, wie sie ein gutes Leben führen können, Gewissheit, Sinn, Orientierung bekommen. Deshalb braucht es die Kirchen«, schreibt die Atheistin Valerie Schönian in »Christ und Welt«.2

Das Kirchenjahr steckt einen Rhythmus ab, der einer Gesellschaft ihre »kulturelle Identität« gibt, betonte der Freiburger Kulturwissenschaftler Werner Mezger, beim diesjährigen Empfang des Reutlinger Prälaten.3

Eine Kirche, das ist ein Gebäude, ein Raum eigener Art – Freiraum, geistig-geistlicher, gedanklicher Freiraum.

Kirche, das ist ein Resonanzraum, für persönliche Klagen, Wünsche Hoffnungen und Sehnsüchte, für Worte, ausgesprochene und unausgesprochene, für klare Worte, für Dialog und Diskurs und für Stille, für Poesie, für Texte, für biblische Sätze und Erzählungen und ihre Relevanz für uns. Für einen selbst wie für die Gesellschaft.

Eine Kirche bietet uns Raum, bei aller aufgeklärten Mündigkeit, Demut zu spüren, uns unserem Gewissen zu stellen, zu erahnen, dass wir nicht die Schöpfer des Planeten und des Kosmos sind, dass ein anderer die Voraussetzungen für unser Leben geschaffen hat.

Eine Kirche bietet Raum zu begreifen: Wir haben Verantwortung dafür, dass der Gerechtigkeit Frucht der Friede sein wird. Kirchen sind und bleiben Resonanzräume, die durch den Nachhall und ihr Klangvolumen das Gefühl von Weite erzeugen. Kirchen sind an sich Ausdruck einer Botschaft, die Gewissheit vermittelt und Orientierung in den öffentlichen Raum gibt. Kirchen sind auch materialisierte Visionen einer gerechten Stadt, des himmlischen Jerusalem. Sie sind ein Versprechen, dass Krieg und Zerstörung nicht das letzte Wort haben. Sie erinnert an die verheißene Feier des Friedensmahls in bunter Tischgemeinschaft, die in versöhnter Verschiedenheit teilt und bei der alle volle Genüge haben.


Überschreitung und Weitung des eigenen Daseins

An Orten und in Räumen wie diesem machen Menschen die »Erfahrung einer Überschreitung und Weitung des eigenen Daseins«. Hier ereignet sich etwas, »das über den eigenen Horizont hinausgeht«, »eine Daseinsweitung, die man sich selbst nicht geben kann«.4

Wie sagten doch die Freunde: Das ist für mich ein historischer Ort, der mahnt, der Geschichte, auch die finsteren Seiten der Geschichte, widerspiegelt und Hoffnung stiftet.

Für mich ist es ein Erinnerungsort, der auch die Zeiten überdauert, in denen der Mensch unverständliche Sachen gemacht hat wie Hexenverfolgung, Inquisition, Judenverfolgung, Rassismus. Es ist ein Ort der Mahnung und Hoffnung. Es ist ein Ort, der mir Vertrauen und Tiefe vermittelt. Und ja, ich brauche solche Räume.

Das erinnert an Peter Bieris Beschreibung in dem Roman »Nachtzug nach Lissabon«: »Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche den Glanz ihrer Fenster, ihre kühle Stille, ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Gedankenlosen … Ich brauche die Fluten der Orgel und die heilige Andacht betender Menschen … Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen … Ich brauche die Heiligkeit von Worten, die Erhabenheit großer Poesie. Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen. All das brauche ich … Eine Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.«5


Kirchen? – Das war gestern

»Ich brauche sie nicht, diese Kirche, solche Kirchen – für meinen Glauben, überhaupt, um zu glauben«, sagen die Jüngeren und fügen hinzu: Ich suche mir, was ich brauche, eine geeignete Location, bestimmte Orte mit stimmungsvoller Atmosphäre, denn da sind meine Leute, da ist meine Musik, da ist einfach Spirit.

Als liberale, offene Weltbürger gestehen sie Menschen selbstverständlich zu: Andere brauchen gerade solche Räume, Kirchenräume wie diesen – für sie soll man sie auf jeden Fall erhalten. Jedoch diese Art von Kirchengebäude, biedere Kirchengemeinden, leblose Gottesdienste – das war gestern!

Menschen und Gesellschaft haben sich verändert. Die Beziehung zwischen Menschen und Institutionen haben sich verändert. Das Selbst- und Glaubensverständnis hat sich verändert und zwar erheblich. Seit der konstantinischen Wende im 4. Jh. basierte das Selbstverständnis der Kirche auf ihrer Verbindung mit dem Staat (Staatskirchenmodell). Dadurch war grundsätzlich klar, dass das ganze Volk zur Kirche gehört (»Volkskirche«). Jeder war automatisch Mitglied der Kirche – von der Wiege bis zur Bahre. Kirchenmitglied zu sein, war Standard. Das war das Modell bis zur Weimarer Nationalversammlung 1919.

Trotz der erfolgten offiziellen Trennung von Staat und Kirche blieb die Verbindung eng. Aufgrund gesellschaftlicher oder familiärer Zwänge und einer autoritär geprägten Erziehungsform und Obrigkeitsergebenheit blieb es weiter so, dass Babys in die Kirche der Eltern hineingeboren und getauft wurden und damit in vielen Fällen lebenslänglich (Kirchensteuern zahlendes) Mitglied der Kirche waren. Daher konnten sich die Kirchen auch jahrhundertelang leisten, nach der Maxime zu leben und zu handeln: Wir öffnen die Türen, läuten die Glocken und alle kommen.

Wie die meisten von uns auch im näheren familiären Umfeld um sich herum feststellen können, sind die Zeiten, in denen man seine Mitgliedschaft aus familiärer Tradition oder aus Gründen der sozialen Zugehörigkeit aufrechterhält, längst vorbei.6 Und das ist keine neue Entwicklung, wie man bei vielen Gesprächen etwa mit Angehörigen von Verstorbenen merkt.

Die individuellen Erwartungen an Kirche, Religion, ebenso an Kultur, Kunst an die Gesellschaft, den Staat überhaupt sind heute vielfältig, so wie die Lebensentwürfe und die Lebensstile vielfältig sind. Die religiösen Sehnsüchte werden je nach Geschmack gestillt. Das kann mal hier, mal dort sein, in einer Kirche, in den Bergen, beim Konzert, im leuchtenden Herbstwald, beim Blick auf die Fischerboote in der Abendsonne.


Ein säkularisiertes Modell von Christsein

»Mein Alltag ist nicht so geprägt und durchdrungen von den Traditionen, von den Vorgaben des Glaubens, wie das bei meinen Eltern der Fall war«, sagt eine Endfünfzigerin. Sie ist gläubig und – so wie ich unsere Gesellschaft wahrnehme – repräsentativ. »Wenn ich heute in die Kirche gehe, dann, wenn ich auch ein echtes Bedürfnis dazu habe. Ich bin das säkularisierte Modell einer Christin und glaube, das ist der einzige Weg, wie Menschen verschiedener Religionen friedlich miteinander leben können.«7

Menschen entscheiden heute in aller Freiheit selbst, ob sie überhaupt zu einer Kirche gehören wollen und wenn ja, zu welcher Kirche oder religiösen Gemeinschaft. Die zentrale und leitende Frage, nach der man seine Entscheidung trifft, lautet: Werden da meine Bedürfnisse bedient?

Bieten also Kirche und Gemeinde Menschen das, was sie suchen, wonach sie sich sehnen? Und nehmen wir als traditionelle evangelische Kirche wahr und ernst, was Menschen suchen, wonach sie fragen, welche Formen und Formate passen? Oder müsste sich eine Kirche der Reformation ändern, verändern, reformieren, um im öffentlichen Raum relevanter zu sein?


Was brauchen Menschen?

Wir bieten in einer Stadt mit 65.000 Einwohnern, deren kleinstes Drittel aus Mitgliedern der Evangelischen Kirche besteht an den Wochenenden ungefähr zwischen fünf und sieben gleichartige Veranstaltungen, sprich Gottesdienste, für die gleiche Zielgruppe an im ziemlich gleichen Zeitraum am Sonntagmorgen. Und sonst? Und die anderen? Welche Milieus, welche Altersgruppen haben wir im Blick und welche gar nicht. Das anzuschauen lohnt sich.

Denken wir, dass alle Menschen das brauchen, was wir für richtig halten, und geben vor, was sie zu brauchen haben? Oder denken wir auch von den Menschen aus, die wir erreichen wollen, und fragen und hören hin? Meinen wir nicht eher sehr genau zu wissen, was andere brauchen, was sie zu brauchen haben, wie sie denken und leben sollten. Und wundern uns, wenn es nicht angenommen wird? Treffend bringt es Fulbert Steffensky auf den Punkt, wenn er sagt: »Es ist zweifellos nicht leicht damit umzugehen, wenn andere Menschen nicht lieben, was wir lieben.«8

Die Zeit der Predigt ist vorbei, schrieb neulich eine Kollegin und ergänzte: Die Zeit des Monologs in Glaubensfragen ist zu Ende. Mit ihrer bleibenden Fixierung auf den Sermon ist die Kirche – speziell die evangelische – heute mehr einer Tradition verpflichtet als den religiös suchenden oder glaubenden Menschen.9

Solche klaren aufrüttelnden Gedankenimpulse erwischen uns wie eine erfrischende Dusche, während wir uns selbst vorkommen wie der kleine verbannte, wehmütig lamentierende Rest im babylonischen Exil. Wir sehnen uns das alte Jerusalem herbei, eine Kirche, wie sie einmal war, mit der öffentlichen Relevanz, die sie einmal hatte, und schauen in die vermeintliche Zukunft, indem wir in einen Rückspiegel schauen und dort die Vergangenheit in verklärt-verzerrten Konturen sehen.


Sich als Kirche öffentlich kenntlich machen

Man mag es bedauern, wie drastisch sich die Welt, die Gesellschaft verändert hat. Es ist jedoch unser Auftrag, uns selbst, unter veränderten Rahmenbedingungen öffentlich kenntlich zu machen, offener zu werden, für das was im öffentlichen Raum an Sehnsüchten, an Interesse, an Bedarf da ist: Sehnsucht nach Vergewisserung, nach Angenommen-Sein, nach Ernstgenommen-Werden. Das Bedürfnis Halt zu bekommen und dass einem zugehört wird. Es ist unser Auftrag, erkennbarer und verständlicher zu werden mit dem, was uns als Christen wichtig ist, was wir zu sagen und mitzuteilen haben.

Schauen wir nochmals durchs Fenster hinaus, wo und wie die Liebe Gottes in der Nächstenliebe längst im öffentlichen Raum praktisch gelebt wird, durch Menschen, an vielen Orten. Da ist Kirche im öffentlichen Raum. Gehen wir also hinaus in den öffentlichen Raum, in den geöffneten Kirchenraum und hören hin und zu und nehmen wahr, was in einer Kirche wie dieser gesucht und erwartet wird, was Menschen sich wünschen, was sie sagen!

Von der jungen Christengemeinde wird erzählt, dass sie nach der Himmelfahrt nach Jerusalem zurückkehrten. Sie stiegen in das Obergemach des Hauses, wo sie sich aufzuhalten pflegten und alle waren stets beieinander einmütig im Gebet. Wären sie in der Wärme und Intimität ihres Obergemachs geblieben, wären sie nie Kirche geworden. Das wurden sie, indem sie sich vom Heiligen Geist in die Öffentlichkeit haben treiben lassen und verkündet und davon erzählt haben, was sie glauben.


Vom Monolog zum Dialog

Müsste auf die Zeit des Monologes jetzt die Zeit des Dialogs folgen, der Begegnung im öffentlichen Raum? Dort wo die Krise der Solidarität, des Zusammenhalts, die Krise der Menschlichkeit virulent ist. Ist sie nicht auch der eigentliche Grund der Gottes- und der Kirchenkrise? Begegnet uns im öffentlichen Raum die Sehnsucht sehr viel wirklichkeitsnäher? Im Mitteilen und Teilen, im Austausch darüber, was die Menschen unmittelbar umtreibt?

Wird gerade der Kirchenraum als der ersehnte Gottesraum da erlebt und empfunden, wo Brot und Suppe an einem Tisch geteilt werden, und zum Dialograum für die eigenen Fragen, für das gemeinsame Rätseln und Suchen nach Antworten? Der Wanderprediger aus Nazareth hat gerade diese Begegnungen gesucht, Gespräche, Streitgespräche geführt. Denn erst das Wissen um die Nöte und Fragen eines Menschen erlauben es, ihm Ermutigung und Trost – Evangelium – persönlich zuzusprechen.


Kirche im öffentlichen Raum

Noch einmal sehe ich durchs Fenster in die romanische Kirche hinein. Ich sehe den Raum, einen offenen und öffentlichen Raum. Ich sehe, wie biblische Geschichten und Szenen ganzheitlich erfahrbar werden. Wie der Kirchenraum ein kreativer Erfahrungsraum ist, für eine existenzielle Annäherung, für gemeinsame Annäherungen an die Geisteskraft, die den Raum erfüllt. Sie hat hier ihre Spuren hinterlassen für eine existenzielle wie gemeinsame Annäherung an den Glauben, an Vertrauen, das wachsen will, im Beten, im Vertrauen in das solidarische »Tun des Gerechten«.

Ich sehe Kirche im öffentlichen Raum, ganz unmittelbar um mich herum: das Haus, mit den Jugendlichen, das montägliche Café mit der Schar von Leuten, die die Kirche in Gestalt von Fürsorgerinnen für das tägliche Brot und die Gemeinschaft dort schätzen und dankbar annehmen. Ich sehe das Café International mit den Flüchtlingen. Ich sehe den Weltladen mit seinen engagierten Protagonistinnen für einen fairen Welthandel. Ich sehe die Leute in und vor der psycho-sozialen Anlaufstelle der Diakonie. Ich sehe die Anlauf- und Beratungsstelle mit den Kümmerinnen um die Fragen und Belange hilfesuchender Menschen. Ich sehe das Haus der Familie, mit seinem breiten sozialen pädagogischen Bildungsangebot für Alleinerziehende, für Kinder, für Rat und Hilfe Suchende, ich sehe den Tafelladen mit seinen 200 Kunden. Und damit habe ich nur benannt, was ich im Nahbereich um die Kirche sehe.

Also: Kirche im öffentlichen Raum ist höchst relevant und präsent, ganz nah am Leben der Menschen dran, sie ist aktiv. Da ist, da wird Kirche erkennbar, fühlbar. Da ist Kirche relevant fürs reale, soziale, persönliche Leben. Für viele Menschen in dieser Stadt ist dies Kirche.

Ich sehe das und frage mich: Sagen und zeigen wir das? Oder gehen wir davon aus, dass das jedem klar ist?


Kirche um Gottes und der Menschen willen

Da ist Kirche gerade keine geschlossene Gesellschaft. Da ist Kirche im Gemeinwesen, im Sozialraum, im öffentlichen Raum. Wenn wir mit diesem attraktiven romanischen Kirchenraum hier weiter den Anspruch aufrechterhalten wollen, Kirche im und für den öffentlichen Raum zu sein, dann »sind wir gerufen, rauszugehen aus der kuscheligen Komfortzone, aus dem eigenen Echo-Raum und uns selbst die Frage zu beantworten: Wem an unserem Ort dienen wir noch nicht? – In welcher Form auch immer? Wem gilt unsere Aufmerksamkeit und wem nicht? Wo und wann sind wir draußen im öffentlichen Raum sichtbar, erkennbar, ansprechbar, aktiv, präsent?«10

Wir sind beauftragt, präsent zu ein. Den öffentlichen Raum zu »bespielen«, mit einer Botschaft, die vom Teilen erzählt, die alt ist, aber aktueller nicht sein könnte, mitten hinein in eine sich ausbreitende Kultur eines unheilvollen »me first«. Wir haben die Aufgabe zu erzählen, und die Erzählungen von einem solidarischen Miteinander erlebbar und erfahrbar zu machen. Draußen und drinnen.

Wo sind wir als Kirche präsent und ansprechbar, Gastgeber, beim großen Straßenfest, wenn alles auf den Beinen ist? Wo sind wir im digitalen öffentlichen Raum zu finden? Wenn wir nicht präsent sind, wenn wir uns nicht zeigen – als Kirche, virtuell und real, dann nimmt uns keiner (mehr) wahr – die Jüngeren schon gar nicht. Dann nehmen wir uns nur selbst wahr. Dann verharren wir immer mehr im selbst geschaffenen Exil, abseits in der Diaspora.

Es ist dringend an der Zeit, dass wir aus dem kirchlichen Binnenmilieu hinausblicken und hinausgehen in die Kirche im öffentlichen Raum. Denn uns als Kirche gibt es nicht um ihrer selbst willen und für die, die es sich da behaglich eingerichtet haben. Kirche gibt es um der Menschen willen, um der Menschlichkeit, um des Friedens willen – um Gottes willen. Das ist der Auftrag der Kirche und deshalb muss sie sich öffnen für den öffentlichen Raum und dort präsent sein, sich kenntlich machen und wirken.


Jens Junginger


Anmerkungen:

1 epd-Südwest Nachrichten Nr. 208 vom 29.10.2018.

2 Valerie Schönian in: www.zeit.de/2018/42/religion-christentum-werte-gesellschaft-unsicherheit-hass.

3 Vgl. www.elk-wue.de/wir/unsere-kirche/praelaturen/reutlingen.

4 Vgl. Thomas Erne: Warum wir Kirchen brauchen – Orte der Selbsttranszendenz; www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=3951.

5 Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, Hanser Verlag 2004.

6 Theo Dünkel, vgl. www.elk-wue.de/#layer=/news/15112018-kirche-laesst-sich-nur-gemeinsam-bauen.

7 Annegret Kramp-Karrenbauer in: www.zeit.de/2018/46/cdu-vorsitz-hoffnungstraeger-glaube-christentum.

8 Fulbert Steffensky, unveröffentlichtes Manuskript eines Vortrags, gehalten beim Tuttlinger Kirchentag 2015, zugänglich beim Verfasser (JJ).

9 Hannah Jacobs, vgl. https://www.zeit.de/2018/44/religioese-reden-predigt-abschaffung-sermon-kanzel.

10 Christiane Kohler Weiß, vgl. www.elk-wue.de/#layer=/news/30102018-mut-und-demut.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Jens Junginger, geschäftsführender Pfarrer der Gesamtkirchengemeinde Sindelfingen bei Stuttgart.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Ein Grenzgang mit Sorgen
Anmerkungen zu Franz Josef Wetz: »Tot ohne Gott. Eine neue K
Artikel lesen
Altjahresabend
31. Dezember 2019, Hebräer 13,8-9b
Artikel lesen
2. Sonntag im Advent
8. Dezember 2019, Lukas 21,25-33
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
3. Sonntag im Advent
15. Dezember 2019, Lukas 3,(1-2)3-14(15-17)18(19-20)
Artikel lesen
1. Sonntag nach dem ­Christfest
29. Dezember 2019, Hiob 42,1-6
Artikel lesen
Christfest II
26. Dezember 2019, Matthäus 1,18-25
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!