Zu einer aktuellen Interpretation von Christoph Blumhardts Hoffnung auf das Reich Gottes
Eine »zeitgemäße Reich-Gottes-Theologie«?

Von: Dieter Ising
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»Christoph Blumhardt – Eine biographische Skizze« hat Jörg Hübner seine Deutung von Leben und Werk des vor 100 Jahren verstorbenen Christoph Blumhardt überschrieben, erschienen in Heft 7/2019 des Deutschen Pfarrerblatts. Im Juli 2019 hat er seine Interpretation unter dem Titel: »Christoph Blumhardt. Prediger, Politiker, Pazifist. Eine Biographie« präzisiert, was nahelegt, hier auf beide Veröffentlichungen zu antworten.


1. Die Quellenbasis. Der Einfluss des Vaters

Hübner ist es gelungen, das, wie er es nennt, »Familienarchiv der Familie Christoph Blumhardt« in das Archiv der Evang. Akademie Bad Boll zu überführen. Es enthält Nachschriften von Andachten und Predigten Christoph Blumhardts, Abschriften von Gottliebin Blumhardt sowie Briefe von Christoph Blumhardt aus den Jahren 1859-1918.1 »Ausschließlich« an diesem Archivmaterial orientiert sich Hübners Werk und verfolgt den Anspruch, Blumhardts Leben und Theologie »möglichst unverstellt, vollständig und umfassend« darzustellen. »Nach weiterem Archivmaterial … wurde im Rahmen dieses Projektes nicht gefahndet. Dazu war das mehr als zwei große Schränke umfassende Material schon ausreichend genug.«2

Dieser neue Ansatz, die Relevanz von Archivmaterial in Kubikmetern zu messen, soll offensichtlich erklären, warum Hübner das im nahe gelegenen Landeskirchlichen Archiv Stuttgart verwahrte Material trotz wiederholter Hinweise nicht eingesehen hat. Immerhin enthalten der dortige Nachlass Jäckh, der Teilnachlass Theodor Schneider, das Blumhardt-Archiv, die Sammlung Ising zu Blumhardt und weitere Bestände über 400 Briefe von und an Christoph Blumhardt. Hübner, der bei einem »Kreis von Blumhardt-Freunden«, vor allem Eugen Jäckh und Gottliebin Blumhardt, die Ausblendung und Verzerrung Blumhardtscher Kirchenkritik und seines politischen Wirkens feststellt, wäre überrascht, wie viele kirchenkritische und politische Briefe gerade im Nachlass Jäckh überliefert sind. Die Erhaltung dieses Materials ist dem Verhandlungsgeschick des damaligen Archivdirektors D. Dr. Gerhard Schäfer zu verdanken, der es vor der Vernichtung bewahrte.

»Zum ersten Mal dürfte damit eine fundierte Biographie des faszinierenden Predigers, Pazifisten und Politikers Christoph Blumhardt vorliegen«, so beurteilt Hübner sein Werk. Wie im Folgenden zu zeigen ist, greift diese Selbsteinschätzung zu hoch. Der Autor legt dar, wie er sich den von ihm durchgängig positiv bewerteten Blumhardt als Prediger, Politiker und Pazifisten vorstellt. Dabei nimmt er eine begrenzte Quellenbasis in Kauf und bemüht sich auch nicht sonderlich darum, welcher Tradition Christoph Blumhardt entstammt. Eine solche engagierte Meinungsäußerung ist allerdings noch keine »fundierte Biographie«.

Hübners Rezeption des Vaters Johann Christoph Blumhardt möge als Illustration dienen. Christoph habe in den ersten Jahren seines Dienstes »ganz in den pietistischen Fußspuren seines Vaters« gestanden3 – dass es »den Pietismus« nicht gegeben hat und gibt, sondern nur inhaltlich höchst differierende Strömungen,4 wird nicht gesehen.

Wenn vom Einfluss des Vaters die Rede ist, wird das Gottliebin Dittus betreffende »Heilungswunder«, in Hübners Worten: das »Möttlinger Heilungsnarrativ«,5 genannt, dessen Bedeutung für die Theologie des Sohnes er untersucht. Die ungezählten Gebetsheilungen, die Christoph in Möttlingen und Bad Boll miterlebte, fallen unter den Tisch. Dass bereits Johann Christoph eine neue Geistausgießung erhoffte, die ein »weltweites Rennen und Jagen« zu einem universalen Reich Gottes bewirken werde, von dem her schon jetzt ein Licht in die Welt falle, ist offensichtlich nicht bekannt.6 Dass der Vater sich damit von pietistischen Strömungen seiner Zeit trennte und dies durch die Abkehr von verbreiteten Bekehrungsvorstellungen deutlich machte, ferner durch ökumenisches Handeln, Widerstand gegen einen deutschen Nationalismus, die Hoffnung auf Weltfrieden7 – all dies taucht nicht auf. Der Vater als Wirtschaftsförderer im armen Möttlingen, als Synodaler in Stuttgart, der sich seiner gesellschaftlichen und politischen Verantwortung nicht entzog, kommt nicht zur Sprache.8 Auch Johann Christophs Überzeugung, dass die Menschen zum Reich Gottes »eilen«, aber auf das letztliche Eingreifen Gottes »warten« müssen,9 wird vom Sohn übernommen, obwohl er sich in der gesellschaftlichen und politischen Ausprägung des »Eilens« vom Vater unterscheidet.

Natürlich sind Differenzen feststellbar. Die von Hübner genannte radikale Kritik Christophs an der Kirche seiner Zeit ist unbestritten. Aber wie wird damit umgegangen, dass bereits der Vater in seiner ökumenischen Reich-Gottes-Hoffnung die »konfessionell aufgestellten Kirchen« scharf kritisiert hat? Wie fundiert ist Hübners Feststellung: »Das Entdecken der Zivilgesellschaft jenseits des Nationalstaats und der Kirchen ist damit ebenfalls etwas vollkommen Neues in seiner [des Sohnes] faszinierenden Theologie«?10 Die »Zivilgesellschaft« war eine bereits dem Vater wohl bekannte Größe,11 die allerdings von Vater und Sohn letztlich unter der Herrschaft Gottes gesehen wurde.

Das Unterschätzen der sich durchhaltenden Gemeinsamkeiten gibt der Darstellung immer wieder eine inhaltliche Schieflage, etwa: »Erst in seiner Eigenständigkeit oder Weiterentwicklung über seinen Vater hinaus wird der interessierte Betrachter Blumhardts Wirken recht würdigen können.«12 Wenn Eigenständigkeit gegenüber dem Vater das einzige Kriterium für Christoph Blumhardts Bedeutung sein soll, bleibt weniger übrig, als sich der Verfasser erhofft.

Christoph hat zeitlebens an der Realität der Möttlinger Erweckung und der Heilungen festgehalten und sie als Vorschein des Reiches Gottes betrachtet. Für sein Wirken waren sie konstitutiv, wie auch die bereits vom Vater erhoffte neue Geistausgießung über alle Welt.


2. Gebetsheilungen

»Nach 1888 lassen sich keine Schilderungen von Gebetsheilungen mehr in den Dokumenten finden«, heißt es bei Hübner, »im Gegenteil: Die sehr kritische Abgrenzung von der Tradition der ›Heilungsanstalt‹ Bad Boll tritt nun in den Vordergrund.«13 So einfach hat es sich Christoph Blumhardt jedoch nicht gemacht. Einerseits hatte er den Mut, dem Heilungsegoismus in Bad Boll zu widersprechen. Dieser stehe dem Kommen Gottes im Wege. Stattdessen gehe es in erster Linie um ein neues Verhältnis zu Gott, das mit den »vielen Lügen eures Lebens« Schluss mache. Allerdings: Wenn auf diese Weise dem Trachten nach dem Reich Gottes der erste Platz zuerkannt werde (vgl. Mt. 6,33), könne es auch zu Heilungen kommen.14 Bereits sein Vater hat den Akzent auf ein geistliches Neuwerden gelegt und den sekundären Charakter der Heilungen hervorgehoben.15

Auch nach 1888 erlebte Christoph Blumhardt eindrückliche Gebetsheilungen. Dass er davon nicht viel Aufhebens machte und sogar verbot, das Erlebte weiterzutragen, etwa im Fall eines geheilten Kindes,16 war dem Kampf gegen den Heilungsegoismus geschuldet. Trotzdem blieb er dabei, etwa in einer Andacht von 1898: »Man lacht mich oft aus, daß ich noch bete und glaube, der liebe Gott tue heute noch Wunder.«17 Oder 1914: »Das können wir hundertfältig erfahren, wie es doch immer vorwärts geht; wir dürfen immer mehr erleben, auch an Kranken.«18 Der Hinweis des Vaters, die heutigen Heilungen seien unvollkommen und vorläufig, wird lediglich verstärkt. Das Neue vom Herrn ist noch nicht da; Gottes Handeln wird sehnsüchtig erwartet. 1909 erwähnte er, gewissermaßen nebenbei, dass es in Bad Boll zu Heilungen sogar von Epileptikern kam: »Die Epilepsie ist auch mir ein Rätsel. Auch meinem Vater, der sich viel und inbrünstig mit dieser Krankheit beschäftigt hat, ist nie etwas gelungen außer so, wie auch mir, daß einmal ein Epileptiker gesund wird,19 ohne daß man einen Grund hatte zu sagen, warum das geschah und in 1000 Fällen nicht.«20


3. Kirchenkritik oder Christentumskritik?

Unter die Kräfte, die das Kommen des Gottesreichs aufhalten, rechnete Christoph Blumhardt auch die Kirche. Dabei widersprach er nicht nur denjenigen Christen, welche ihm 1899 den Schritt zur Sozialdemokratie übel nahmen und ihn als Christusschwärmer bezeichneten.21 Seine Kritik war grundsätzlich. Sie richtete sich gegen die Aufspaltung in Konfessionen; außerdem betonte er die reformatorische Forderung nach einem Priestertum aller Gläubigen, und zwar in radikaler Weise. »Christus hat keine Kirche gegründet. Er hat ohne Priester, Tempel und Altar Leben gegeben«, heißt es in einem Brief von 1905. Wenn es erst danach zur Kirchenbildung mit Priestern und Nichtpriestern kam, organisiert nach Art der weltlichen Reiche, dann seien das alles »Durchgangsentwicklungen, und nichts wird bestehen am Tage Jesu Christi«. Aber: »Alle Kirchen haben jeweils gesegnete Zeiten gehabt auch mit Gaben und Kräften.«22

Der letzte Satz lässt aufhorchen. Blumhardt wusste durchaus, »daß die Kirche bei all ihren falschen Entwicklungen [...] im Princip die Trägerin der geistigen Ideen gewesen ist, die in Jesus wurzeln und später eine so große Rolle im Sozialismus spielen. Es ist ohne Weiteres anzuerkennen, daß der moderne Sozialismus die christl[ichen] Ideen der Liebe, der Brüderlichkeit, des Rechtes der Armen und Geringen in sich aufgenommen hat. [...] Die Kirche hat ein gutes Gepäck durch die Zeiten getragen; sie selbst hat es nicht zu verwerten verstanden [...].«23 Dabei sah der Kirchenkritiker Blumhardt nach vorn: »Würde die Kirche den Mut haben, diese Stellung [die Gesellschaftskritik zu Gunsten der Armen] einzunehmen, ja sie bekäme dann viel Kampf und würde viel verlästert, aber Gott wäre dann mit ihr, und sie könnte noch etwas werden für’s Himmelreich.«24

Auf diesem Hintergrund ist Hübners Satz zu bewerten: »Das Christentum galt ihm [Christoph Blumhardt] lediglich als ein zu überwindender Teil der Weltgeschichte, nicht jedoch als ein Teil der nach vorne verweisenden Reich-Gottes-Bewegung.«25 Etwas differenzierter an anderer Stelle:26 Auch innerhalb der Christenheit sehe Blumhardt »einzelne Menschen, [...] die sich als Gottes Kinder verstehen«. Dagegen ist festzuhalten: Blumhardt hat die Kirchen kritisiert, dies aber nicht auf die ganze Christenheit bezogen. Ökumene statt Konfessionalismus, Priestertum aller Gläubigen statt Trennung von Priester und Laien, Recht der Armen – das forderte Blumhardt von den Kirchen ein. Das sei es, was »am Tage Jesu Christi« Bestand haben werde.


4. Sündenlehre

Christophs Kritik an einer Sündenlehre »in der pietistischen Tradition«, die er bis zum Überdruss im Konfirmandenunterricht kennengelernt habe, führte ihn zu radikalen Aussagen, etwa: »Es ist ja lauter Betrug, was Sünde heißt und was Tod heißt.«27 An dieser Stelle wäre der Hinweis am Platze, dass Blumhardt im Ersten Weltkrieg einen leiseren Ton anschlägt, etwa: »Man kann sich nicht wundern, dass in dieser Welt alle Sünde sich breitmachen kann, auch der Krieg.«28

Blumhardts Satz vom »Betrug« der Sündenlehre kommentiert Hübner: »Eine Theologie, die das Fortschreiten Gottes hin zur Weltverwandlung durch eine dominierende Sündenlehre behindert, schmälert nach Blumhardts Überzeugung die Potentialität der Menschen und manifestiert sich damit als gesellschaftliches Stehen-Bleiben.«29 Darüber lässt sich diskutieren, auch über Hübners Satz: »Die durch Christus gewirkte Sündenvergebung ist für ihn [Christoph Blumhardt] eine Realität; sie schafft eine neue Wahrheit und ein neues Sein im Menschen, sodass er verwandelt mit sich und der Welt umgehen kann und zum ›Vorwärts, vorwärts ins Reich Gottes‹ fähig wird.«30

Schwierig wird es, wenn Hübner die Sündenlehre Blumhardts in eine Verbindung mit der Freudschen Psychoanalyse bringt: »In Blumhardts Andachten finden sich immer wieder Hinweise auf elementare Erkenntnisse der Psychoanalyse, die auch sein Verständnis der Sünde als prägende, aber überwindbare [sic!] Kraft im Unbewussten bestimmt haben.« Und kurz darauf: »Freie, starke, kämpferische, auf ein ›Vorwärts‹ angelegte Menschen – das ist das, was Blumhardt unter dem Stichwort ›Leben‹ subsumiert hat.«31 Soll damit gesagt werden, dass Christoph Blumhardt – bei aller Hochschätzung menschlicher Fähigkeiten – die Erkenntnis Martin Luthers, der alte Adam müsse täglich ersäuft werden, so ganz und gar vergessen hat?

Entsprechend vermisst man bei Hübner den Hinweis, wie viele auf ein »Vorwärts« bedachte Menschen gescheitert und mitverantwortlich geworden sind für menschliches Elend in ungeheuren Dimensionen. Zwar stellt er S. 211-219 zu Recht fest, dass Blumhardts anfängliche Begeisterung für die SPD seit dem Parteitag von 1903, auf dem sich die Befürworter eines revolutionären Klassenkampfs gegen die Reformorientierten durchsetzten, einem innerlichen Abschied von der Partei Platz machte. Jedoch fehlt ein Ausblick auf den weiteren Weg der Revolutionäre, der zu den Massenmorden unter Stalin führte. Welche »Barbarei« sich hier anbahnte, hat Blumhardt schon 1903 geahnt und damit klargestellt, dass er Sünde zwar nicht im Kontext »pietistischer« Sündenlehre, aber auch nicht im Zusammenhang psychoanalytischer Vorstellungen versteht:

»Unser Parteitag ist jetzt vorüber. Welches Brodeln und Gären! Von lauter Revolution überlaufende Gesellschaft! So gibt’s auch innerhalb der Partei Revolution. Es wird jeder rausgeschmissen, der nicht sengen und brennen will, der nicht hassen will von ganzem Herzen und aus allen Kräften. Der Zorn ist verständlich, denn das heutige System, geboren aus barbarischen Zeiten, behandelt das Volk bloß als brauchbare Ware, nicht als Menschen. Würde aber dieser Zorn siegen, so würde sich im Grunde nichts verändern; der eine Barbar siegte über den andern.«32

Es ist ein Lehrstück der Geschichte, dass Menschen, die soziale Gerechtigkeit auf ihre Fahne geschrieben hatten und deswegen verfolgt wurden, selbst zu Verfolgern und Mördern mutierten, als sie sich dem Kommunismus Stalins anschlossen. Die Zielvorstellung des befreiten Menschen sollte millionenfaches Elend rechtfertigen.

Helmut Matthies berichtet über das Regime Stalins: »Opfer des Klassenhasses waren nicht nur Adelige, Bürgerliche und Reiche, sondern vor allem auch Christen. Beispielsweise wurden an einem der KGB-Hinrichtungsplätze – in Butovo bei Moskau – mehr als 1000 Pfarrer hingerichtet. Zahllose Kirchen wurden vernichtet. In der Sowjetunion ging ihre Zahl um 86% zurück – von 51.413 auf 7000. Die einst blühende deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland wurde fast aller ihrer Geistlichen beraubt. 200 Pastoren brachte man um. 1937 wurde der letzte Pastor verhaftet, 1938 die letzte lutherische Kirche geschlossen. Über das Leiden der orthodoxen Kirche wurde erst 2003 eine Statistik veröffentlicht. Danach wurden 96.000 Geistliche, Diakone und Mönche erschossen.«33 Dass man später in der DDR Christen bespitzelte, schikanierte und einsperrte, hat diese Dimensionen nicht erreicht, zeugt aber von dem gleichen Hass auf Menschen, deren Hoffnung auf ein Reich Gottes die Unfehlbarkeit der Machthaber in Frage stellte.

Das Beispiel Clara Zetkins macht deutlich, wie eine aufrechte Zeitgenossin Blumhardts in den Strudel von revolutionärem Kampf und menschlichem Scheitern hineingeraten ist. 1899 schrieb sie Blumhardt, sie freue sich über seine Überzeugungskraft und Charakterfestigkeit. »Es gibt gewiss viele Punkte, in denen meine Auffassung von dem Weg der geschichtlichen Entwicklung wesentlich von der Ihren abweicht. Aber die Verschiedenartigkeit der Meinung thut der Werthschätzung der überzeugten, aufrechten und opferfreudigen Persönlichkeit keinen Abbruch.«34

Die engagierte Kämpferin für die Rechte der Frauen schloss sich 1917 der USPD an. Von 1920 bis 1933 war sie Reichstagsabgeordnete der KPD, zugleich Mitglied im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale. 1928/1929 kritisierte sie Stalins Kampf gegen den Meinungspluralismus in KPD und Komintern und verlangte eine freie Aussprache, beugte sich aber schließlich der Parteidisziplin. Auch war sie, so wird berichtet, bereits 1922 in Moskau im Prozess gegen die Sozialrevolutionäre als Anklägerin aufgetreten und hatte die Todesstrafe gefordert. Eine »Narrenfreiheit« für Meinungen, die ihrer Überzeugung nach die Sache der sozialen Revolution schädigten, sei nicht ihre Sache.35


5. Auf dem Weg zu einer zeit­gemäßen Reich-Gottes-Theologie

»Wir brauchen in unserer Theologie wieder eine in unsere Sprache übersetzte Reich-Gottes-Hoffnung«, stellt Hübner abschließend fest.36 Gegen einen von ihm diagnostizierten »Kulturpessimismus«, der sich gegenwärtig »wie Mehltau« auf das Denken vieler Zeitgenossen lege, führt er Christoph Blumhardt ins Feld, der »mit einem lebendigen Optimismus und einem überzeugenden Enthusiasmus für eine neue Zeit gelebt« habe. Blumhardt, ein »faszinierender und prophetischer Pazifist, Prediger und Politiker«, könne uns helfen, unsere Zukunft »engagiert zu gestalten«.37

Diese »zeitgemäße Reich-Gottes-Theologie« soll Menschen zum Eintreten für soziale Gerechtigkeit, die Erhaltung der Schöpfung und für weltweiten Frieden motivieren. Hübners begeisterter Aufruf wäre dahingehend zu ergänzen, dass dieses Engagement erst in einem demokratischen Prozess von Rede und Gegenrede konkret werden kann. Wer das Recht hat, eine Nähe zur christlichen Reich-Gottes-Hoffnung für sich zu reklamieren, zeigt sich erst in der Art, wie man mit sich selbst und anderen umgeht, und – nach biblischem Vorbild – in der kritischen Distanz auch zu eigenen Entwürfen.

Eine zeitgemäße Reich-Gottes-Theologie hat viele Facetten. Es darf nicht unter den Tisch fallen, dass das heutige Engagement für soziale Gerechtigkeit unvollständig ist ohne die Erinnerung an misslungene Versuche der Vergangenheit. Es ist unvollständig ohne den christlichen Protest gegen den Absolutheitsanspruch eines »Reiches«, das von Menschen – welcher politischen Couleur auch immer – gemacht ist. Nur wenn sich beides verbindet, können Christen Salz der Erde und Licht der Welt sein (Mt. 5,13-15). Die Bitte des Vaterunsers »Dein Reich komme« ist keine Floskel. Würde Gott als letztlicher Schöpfer des Reiches Gottes in den Hintergrund treten, wären Christen der Instanz beraubt, die sie zur Kritik an eigenen und fremden Bemühungen befähigt.

Dass dieser Protest den Nationalsozialisten nicht gefallen konnte, sollte nicht neu sein. Als sich die sogenannten »Deutschen Christen« der NS-Ideologie anschlossen, meldeten sich Christen zu Wort, die unter dem Namen einer »Bekennenden Kirche« 1934 die Barmer Theologische Erklärung veröffentlichten. In These 3 wurde die Vorstellung, »als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft [...] dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen«, als Irrlehre bezeichnet. Karl Barth, der maßgebliche Verfasser der Barmer Erklärung, hatte Christoph Blumhardt in Bad Boll besucht und von ihm Entscheidendes gelernt. 1940 teilte das Reichspropagandaamt Württemberg den Redaktionen der Zeitschriften in einem geheimen Erlass mit, dass – so wörtlich – »sämtliche Veröffentlichungen über Christoph Blumhardt, den Gründer der Möttlinger Bewegung«, verboten seien.38 Auf diese Weise hat seine Botschaft in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus hineingewirkt.

Und heute? Unter den Menschen, die in angeblich sozialistischen Staaten wie Nordkorea und China unterdrückt und inhaftiert werden, sind auch Christen, deren Verkündigung des Evangeliums die staatliche Unfehlbarkeit in Frage stellt. Die Lage von Menschen, die auf das Reich Gottes hoffen, ist weltweit bedrohlich, von der Situation in islamisch dominierten Ländern gar nicht zu reden. Viel zu selten schaffen es Nachrichten darüber in die großen westlichen Medien.39 Der halbherzigen Reaktion mancher Christen in Deutschland könnte die Erinnerung an den tragenden Grund von Christoph Blumhardts Friedensarbeit aufhelfen. Engagement und Erinnerung – wenn wir ihn ehren wollen, sollten wir beide Seiten seiner Botschaft beherzigen.


Dieter Ising


Anmerkungen:

1 Jörg Hübner: Christoph Blumhardt. Prediger, Politiker, Pazifist. Eine Biographie. Leipzig 2019, 351.

2 Prediger, Politiker, Pazifist, 21.

3 Hübner, in: DPfBl 7/2019, 367.

4 Vgl. u.a. Dieter Ising: Johann Christoph Blumhardt. Leben und Werk. 2. Aufl. 2018, 397-405.

5 Hübner: Prediger, Politiker, Pazifist, 25-29.

6 Ising: Johann Christoph Blumhardt, 210226, 235-243, 327-351.

7 Ising, 233f, 357-359.

8 Ising, 253f, 372-374.

9 Zum Vater: Ising, 348f.

10 Hübner, 291.

11 Vgl. die Einführung der Zivilehe, mit der sich Johann Christoph als Abgeordneter der Württembergischen Landessynode zu beschäftigen hatte (Ising, 374).

12 Hübner, 289.

13 Hübner, 74.

14 Christoph Blumhardt an die »lieben Freunde und Bekannten«, gedruckt März 1894 (Exemplare im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart, D 34 Nachlass Jäckh, Nr. 73 und 113.1).

15 Vgl. Ising, 219f.

16 Johannes Harder (Hg.): Christoph Blumhardt, Ansprachen, Predigten, Reden, Briefe 1865-1917, Bd. 3, Neukirchen 1978, 304.

17 Morgenandacht am 9.3.1898; in: Harder, Bd. 2, 95.

18 Predigt am 14.6.1914; in: Harder, Bd. 3, 163.

19 Vgl. Ising, 330f.

20 Christoph Blumhardt an Gustav Benn 9.9.1909 (LKA Stuttgart, D 34 Nachlass Jäckh).

21 Christoph Blumhardt an Theodor Schneider 30.10.1899 (LKA Stuttgart, D 35 Teilnachlass Theodor Schneider).

22 Christoph Blumhardt an Frau von Arnim geb. von Flottweil 11.9.1905 (LKA Stuttgart, D 34).

23 Christoph Blumhardt an Eugen Jäckh 12.7.1907 (LKA Stuttgart, D 34).

24 An Eugen Jäckh 2.2.1904 (D 34).

25 Hübner: Prediger, Politiker, Pazifist, 244.

26 A.a.O., 266.

27 Andacht am 29.12.1896; zitiert nach Hübner: Prediger, Politiker, Pazifist, 145.

28 Christoph Blumhardt an Eugster-Züst 21.11.1914; in: Louis Specker (Hg.): Politik aus der Nachfolge. Der Briefwechsel zwischen Howard Eugster-Züst und Christoph Blumhardt 1886-1919. Zürich 1984, 357. Vgl. Blumhardt an Konstanze von Meyenburg 9.6.1916 (LKA Stuttgart, D 34): »Die Sünde der Welt drückt hart auf uns.« Die Erkenntnis, dass Krieg für Blumhardt Sünde ist, taucht bei Hübner erst in einem anderen Zusammenhang auf (274-276).

29 Hübner: Prediger, Politiker, Pazifist, 145f.

30 A.a.O., 195.

31 A.a.O., 195, 197.

32 An Eugster-Züst 22.9.1903; in: Specker, 149.

33 Helmut Matthies; in http://www.kath.net/news/18207.

34 Clara Zetkin an Christoph Blumhardt 5.12.1899 (LKA Stuttgart, D 34).

35 Bert Hoppe: In Stalins Gefolgschaft. Moskau und die KPD 1928-1933 (Studien zur Zeitgeschichte; 74), München 2007, 55-58 mit Anm. 135.

36 Hübner: Prediger, Politiker, Pazifist, 294; vgl. DPfBl 7/2019, 370.

37 Hübner: Prediger, Politiker, Pazifist, 293f.

38 Erlass des Reichspropagandaamts vom 26.4.1940 (Az. 4057/Nr. 577). Kopie: LKA Stuttgart, D 51 Sammlung Ising zu Blumhardt, Ordner 1881ff.

39 Vgl. den Weltverfolgungsindex, erstellt von der christlichen Menschenrechtsorganisation Open Doors: https://www.opendoors.de/christenverfolgung/weltverfolgungsindex.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. Dieter Ising, Jahrgang 1947, Studium der Evang. Theologie in Münster und Tübingen, 1979 Promotion bei Prof. Dr. Jürgen Moltmann, 1981-2012 wiss. Mitarbeiter am Landeskirchl. Archiv in Stuttgart, seit 1993 im Ausschuss des Vereins für württ. Kirchengeschichte, 2011-2017 wiss. Mitglied der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus; Veröffentlichungen (u.a.): Edition der Korrespondenz Johann Christoph Blumhardts (7 Bde., 1993-2001), Biographie »Johann Christoph Blumhardt. Leben und Werk« (2002, engl. 2009; 2. deutsche Aufl. 2018).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

2 Kommentare zu diesem Artikel

09.11.2019
Ein Kommentar von Wolfgang Gerth


Habe deine aktuelle Interpretation gerne und mit Gewinn gelesen. Kann dir nur gratulieren.
14.10.2019
Ein Kommentar von Friedhelm Groth


Sehr angemessen und hilfreich zurechtrückend, Glückwunsch, Dieter Ising!

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