Strategien der Kirche in Zeiten anhaltender Kirchenaustritte
Wo soll's denn hingehen?

Von: Markus Beile
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Die evangelischen Landeskirchen in Deutschland verlieren pro Jahr durchschnittlich etwa 200.000 Mitglieder. Zwischen 1990 und 2013 ging die Zahl der Protestanten dadurch um 22,6% zurück. Keine kleinen Störungen, sondern schmerzhafte Einschnitte, die ins Mark gehen – wie Markus Beile meint. Und auch die Zukunft verheißt nichts Gutes: Die letzte Mitgliederuntersuchung der EKD stellt fest, dass die Gruppe der »treuen Kirchenfernen«, also derer, die am kirchlichen Leben kaum teilnehmen, aber dennoch bewusst in der Kirche bleiben, rasant wegbricht. Zugleich ist die Anzahl derer, die austrittswillig sind, prozentual deutlich gestiegen. Wie reagieren die Landeskirchen darauf? Mit welcher Strategie will man die konstante Rückläufigkeit der Mitgliederzahl aufhalten? Markus Beile diskutiert drei Strategien.

 

 

 

Erste Strategie:
Weitermachen wie bisher

Diese Strategie ist eigentlich gar keine Strategie. Sie bedeutet schlicht: Nichts tun. Mit nichts tun ist nicht gemeint, dass man untätig ist. Die normale Arbeit in den Kirchengemeinden geht selbstverständlich weiter. Und in den Kirchenleitungen werden Überlegungen angestellt, wie man mit dem geringer werdenden Etat zurechtkommen kann. Was jedoch nicht geschieht, ist, die kirchliche Praxis einer eingehenden und grundsätzlichen Prüfung zu unterziehen. Allenfalls Veränderungen im Detail werden erwogen. Ansonsten macht man im Prinzip weiter wie bisher, auch wenn man merkt, dass immer mehr die Felle davonschwimmen. Man lernt, damit zu leben, dass sich immer weniger Menschen für den sonntäglichen Gottesdienst oder das Gemeindefest interessieren.

Zusammenlegen von Landeskirchen, Kirchenbezirken oder Gemeinden gehört für mich zu diesem Bereich. Das ist – auch wenn es von der Kirchenleitung anders verkauft wird – in der Regel keine inhaltliche Strategie, sondern schlicht den knapper werdenden finanziellen Ressourcen geschuldet.

Weitermachen wie bisher: Diese Strategie ist für mich gekennzeichnet durch eine bizarre Mischung von Trotz, Realitätsverweigerung, Angst vor Veränderungen (»Jetzt nicht noch die letzten Treuen verprellen!«), Durchhalteparolen, Hilflosigkeit, Bequemlichkeit, Überforderung und Resignation. Was einem ein wenig Trost gibt, ist, dass es anderen Institutionen (z.B. vielen Vereinen, den Gewerkschaften und der katholischen Kirche) auch nicht besser geht. Nicht wenige Kolleginnen und Kollegen blicken auch schon sehnsüchtig auf den Ruhestand, wenn man endlich das sinkende Schiff verlassen kann.

Weitermachen wie bisher führt jedoch unweigerlich zum schleichenden Tod der evangelischen Landeskirchen. Treffend hat es einer einmal so gesagt: »Wer will, dass die Kirche bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt«.

 

Zweite Strategie:
Sich verstärkt zu einer Servicebehörde entwickeln

Nicht zuletzt aus der Erkenntnis heraus, dass ein einfaches »Weiter so« in der derzeitigen Situation nicht weiterhilft, hat sich in den letzten Jahrzehnten der immer größer werdende Einfluss wirtschaftlichen Denkens auch in den evangelischen Landeskirchen bemerkbar gemacht. Das Prinzip der Kundenorientierung und das reichhaltige Instrumentarium modernen Marketings wurden breit rezipiert und für die eigene Institution durchdacht.

Die Anwendung betriebswirtschaftlichen Denkens führte zum Leitmodell »Servicekirche«. Servicekirche bedeutet, sich vor allem auf die gefragten Angebote der Kirche, die klassischen Kasualien (Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung) und neue Gelegenheiten (wie z.B. den Schulanfang) sowie besondere Gottesdienste im Kirchenjahr (in erster Linie sind hier die Gottesdienste an Heiligabend zu nennen) zu konzentrieren. Dabei spielen Milieudifferenzierung sowie eine breit aufgestellte Öffentlichkeitsarbeit eine wichtige Rolle.

Das Modell »Servicekirche« nimmt an Bedeutung in den evangelischen Landeskirchen immer mehr zu, aber meiner Meinung nach ist es gerade dieses Leitmodell, das die Landeskirchen zugrunde richten wird. Warum bin ich dieser Meinung?

 

Wachsende »Kundenerwartungen«

Die Ansprüche der Kunden, was die Serviceleistungen der Kirche anbetrifft, werden immer höher. Früher genügte es z.B. als Vorbereitung einer kirchlichen Hochzeit, wenn die Pfarrperson sich mit den Trauleuten zu einem Gespräch traf, um die Trauung vorzubereiten. Das hat sich deutlich geändert. Nach meiner Erfahrung ist es der Normalfall, dass man sich mit den Trauleuten mindestens zwei-, wenn nicht gar dreimal trifft. Darüber hinaus rufen die Trauleute mehrmals die Sekretärin an und verabreden sich mit der Kirchendienerin zu einem gesonderten Termin. Am Tag zuvor muss diese anwesend sein, wenn der Schmuck für die Kirche geliefert und gerichtet wird. Am Tag der Trauung herrscht vor der Kirche schon Stunden vor dem Gottesdienst buntes Treiben: Sängerinnen proben oder gar ein professioneller Chor, der Sektempfang wird gerichtet, die Hochzeitsplanerin läuft geschäftig durch den Kirchenraum und die Fotografen erkunden, von wo aus sie am besten Bilder schießen können. Eine Trauung ist heutzutage eine aufwändige Inszenierung, die viel Zeit verschlingt, auch für die Kirchengemeinde. Öfters wird von der Pfarrperson auch erwartet, dass sie einen weiten Weg auf sich nimmt, um in einer bekannten Hochzeitskirche den Traugottesdienst zu halten. Und wehe, sie weigert sich!

Um ihre Kunden (vormals: Gemeindeglieder) zufriedenzustellen, nehmen die Kirchengemeinden einen immer größeren Aufwand an Öffentlichkeitsarbeit auf sich. Der klassische Gemeindebrief und der Schaukasten vor der Kirche tun es schon lange nicht mehr allein. Eine Homepage ist hinzugekommen, die regelmäßig gepflegt werden muss. In manchen Gemeinden gibt es inzwischen Whats-App-Gruppen (z.B. für den Kontakt mit den Konfis) und thematisch sortierte eMail-Verteiler. Öffentlichkeitsarbeit muss, um heutigen Ansprüchen zu genügen, professionell durchgeführt werden. Das kostet Zeit und Geld.

Immer höhere Ansprüche der Kunden: Das heißt auch, dass diese immer mehr die Termine vorgeben, die sie kirchlich beanspruchen und bei denen sie erwarten, dass sich die Kirchengemeinde danach richtet. Wenn die Taufe nicht an dem gewünschten Termin möglich ist, dann fühlt man sich nicht wertgeschätzt, reagiert verschnupft, ruft die Dekanin bzw. den Dekan an und beschwert sich, fragt in einer anderen Kirchengemeinde nach oder lässt die Taufe gar ganz sein.

Aus der Sicht der Kunden ist dieses Verhalten absolut einsichtig: Sie zahlen regelmäßig ihre Kirchensteuer. Dann haben sie auch einen Anspruch darauf, dass, wenn sie schon einmal etwas von der Kirche wollen, das Fest zu dem Zeitpunkt und zu den Konditionen gefeiert werden kann, wie sie es wünschen. Aus der Sicht der Kirchengemeinde werden die Ansprüche der Kunden immer mehr zu einer zeitlichen und terminlichen Belastung. Überarbeitete Pfarrpersonen gibt es zuhauf. Und Burnout ist kein seltenes Phänomen.

 

Disparate Bedürfnisse

Die Bedürfnisse der Kunden werden immer disparater. Die Milieuforschung der letzten Jahre hat es deutlich gemacht: Unsere Gesellschaft wird immer vielfältiger und disparater. Die einzelnen Milieus in der Gesellschaft, deren Bestimmung regelmäßig neu justiert werden muss, haben unterschiedlichen Charakter, was die finanziellen Möglichkeiten, die Freizeitgestaltung, den Kleidungsstil, das Bildungsniveau, die verwendete Sprache und vieles mehr anbetrifft. Auch dies ist für die Kirchengemeinden eine große Herausforderung. Die traditionelle Agende für die Kasualien wird der Vielfalt der Milieus kaum mehr gerecht. Eigentlich bräuchte es eine Vielzahl verschiedener Agenden. Milieusensibel sollen Gottesdienste und Kasualien gefeiert werden, wünschen sich Kirchenleitungen. Das ist leichter gesagt als getan. Zumal die Milieus, die beispielsweise bei einer Trauung anwesend sind, in den seltensten Fällen einheitlichen Charakter haben. Wie kann es gelingen, milieuübergreifend Kasualien zu gestalten? Geht das überhaupt noch?

Diese Herausforderung bezieht sich auch auf die Gottesdienste, die in der Kirchengemeinde gefeiert werden. Sie sind faktisch Zielgruppengottesdienste, die auf ein bestimmtes Milieu ausgerichtet sind und die anderen Milieus kaum mehr erreichen. Dies schlägt sich entsprechend auf die Zahl der Kirchenbesucher – sieht man einmal von Heiligabend und anderen Sondergottesdiensten ab – nieder. Eigentlich müsste man am Wochenende gleich mehrere Gottesdienste anbieten, um der Milieudifferenzierung gerecht zu werden. Wie soll das geleistet werden? Fragen über Fragen!

Das Hauptproblem des Modells »Servicekirche« ist aber noch einmal ein ganz anderes.

 

»Kundenbedürfnisse« und biblisch-christliche Tradition

Die Bedürfnisse der Kunden passen immer weniger zu den Inhalten der biblisch-christlichen Tradition. Die Kasualien und die Gottesdienste im Jahreskreis hatten in den letzten Jahrhunderten eine gute Passung zu den Bedürfnissen der Kirchenmitglieder. Die Kirche bot an den Wendepunkten des Lebens rituelle Begleitung und verlieh dem Alltag mit den Gottesdiensten im Kirchenjahr Sinn und Deutungstiefe. Die Gesellschaft hat sich jedoch tiefgreifend gewandelt. Der Traditionsabbruch ist massiv, selbst die meisten der Kirchenmitglieder fühlen sich in der christlichen Tradition nicht mehr heimisch, sondern sind innerlich längst aus ihr ausgewandert: Nicht einmal die berühmten biblischen Geschichten sind mehr bekannt. Die meisten Kirchenfeste werden in ihrem Sinn nicht mehr verstanden, zum Teil nicht einmal mehr wahrgenommen. Die klassischen Kasualien setzen jedoch nicht nur eine Verbundenheit der Kirchenmitglieder mit der kirchlichen Tradition voraus, sondern erwarten auch Verbindlichkeit derer, die die Kasualien begehren. Offensichtlich ist das bei den Kasualien Taufe und Konfirmation. Dort gibt es an prominenter Stelle im Gottesdienst jeweils ein Versprechen: Die Taufeltern und -paten versprechen nicht nur, ihr (Paten-)Kind christlich zu erziehen, sondern es auch an die Kirchengemeinde heranzuführen. Bei der Konfirmation hat das Konfirmandenversprechen ebenfalls den Anspruch von Verbindlichkeit. Diese Versprechen geraten immer mehr zur Farce: Die meisten Taufeltern sieht man in den Kirchengemeinden nicht mehr, auch die Konfirmanden verabschieden sich mit der Konfirmation größtenteils von der Kirchengemeinde, weshalb Spötter von einer »Aussegnung« sprechen.

Noch gelten Taufe und Konfirmation als die entscheidenden Identitätsmarker evangelischen Christseins, und der Prozentsatz derer, die diese Kasualien wollen, ist hoch. Ich prognostiziere in den nächsten Jahren diesbezüglich jedoch einen deutlichen Einbruch. Bei den Trauungen und Beerdigungen ist dieser Einbruch schon klar erkennbar und wird in den nächsten Jahren vermutlich noch stärker werden.

Spannend ist in diesem Zusammenhang die Frage: Was wünschen sich eigentlich die, die die klassischen Kasualien begehren? Viele Tauffamilien, das ist zumindest meine Wahrnehmung, wünschen sich für ihre Kinder nicht die Kirchenmitgliedschaft, sondern ein Segensritual. Das geht schon allein daraus hervor, dass der beliebteste Taufspruch Ps. 91,11 ist: »Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.« Auch die Tatsache, dass es immer schwerer einsichtig zu machen ist, dass Paten und zumindest einer der Eltern Kirchenmitglieder sein müssen, spricht Bände.

Die Konfirmationszeit ist aus Sicht der Eltern ein durchaus sinnvolles orientierungstiftendes Angebot für die heranwachsenden Kinder, das die christlichen Grundwerte vermitteln soll. Dieses darf aber nicht mit den anderen Angeboten wie Sport und Musik kollidieren. Deshalb ist es immer schwerer, Sondertermine im Rahmen der Konfirmandenzeit zu platzieren oder einen regelmäßigen Gottesdienstbesuch am Sonntagmorgen zu erwarten. Die Konfirmation selbst ist nach dem Verständnis der Eltern eine rituelle Segenshandlung für die Lebensreise der Konfirmanden, die nach der Konfirmation beginnt und in der Regel nichts mehr mit der Kirchengemeinde zu tun hat. Jetzt müssen sich die Jugendlichen wieder auf die Schule konzentrieren, um gute Startchancen für später zu haben.

Auch die Vorstellungen der meisten Trauleute und ihrer Gäste haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Eine Predigt gehört für sie zum Gottesdienst schon irgendwie dazu, aber der Höhepunkt ist zweifellos das Trauversprechen. Entsprechend postieren sich die Fotografen und werden schon einmal vorsorglich die Taschentücher gezückt. Zunehmend kommen über die Medien vermittelt auch fragwürdige amerikanische Bräuche (wie das Über­geben der Braut durch ihren Vater an den Ehemann) in Mode.

Was die Bedürfnisse der Menschen im Bereich der Beerdigung anbetrifft, ist ein Blick auf die Todesanzeigen instruktiv. Nur noch selten findet sich ein Bibelvers. Stattdessen prangt dort zumeist ein moderner Sinnspruch, der zum Ausdruck bringt, dass man den Toten schmerzlich vermisst und er in den Herzen der Angehörigen weiterlebt.

 

Moderne Segenstheologie

In den Kirchengemeinden hat man sich vielfach auf die Bedürfnisse der Kunden eingestellt. Entsprechend entschärft man die Teile der rituellen Handlung, die sperrig sind bzw. Verbindlichkeit einfordern. In der Zürcher Landeskirche ist man gar von der Voraussetzung abgegangen, dass Eltern und Paten Kirchenmitglieder sein müssen. Das ist auf dem Weg zu einer totalen Servicekirche nur konsequent.

Inhaltlich bietet man den Kunden eine Segenstheologie, die zum Ausdruck bringt: »So, wie du bist, so mag dich der liebe Gott und wird es auch in Zukunft tun.« In ihrer Einseitigkeit stellt diese Theologie eine Pervertierung der biblischen Rechtfertigungslehre dar, aber wen stört’s? Alles okay, solange die Kunden weiter brav ihre Kirchensteuer zahlen! Immer noch umhüllt die rituelle Tradition der Kirche das Leben ihrer Mitglieder, vom Segensritual anlässlich der Geburt (genannt Taufe) bis hin zur Beerdigung. So kann die Kirche überleben, als Servicebehörde, hoffen viele, unter anderem die, die von ihrer Kirche ein regelmäßiges und gut dotiertes Beamtengehalt beziehen. Wellness-Religion: eine nette Sache! Seltsamerweise brechen dennoch den evangelischen Landeskirchen weiterhin ihre Mitglieder weg. Und das wird allen Prognosen zufolge kontinuierlich weitergehen. So sehr Menschen in der Spätmoderne für bestimmte Momente in ihrem Leben ein Ritual begehren: Das, was sie sich wünschen, passt immer weniger zu dem, was die Kirche ihnen bietet, trotz aller Bemühungen von Seiten der Kirche – bis hin zur Selbstverleugnung –, ihnen entgegenzukommen.

 

Konkurrierende Sinnanbieter

Zur Wahrheit des aus der Wirtschaft entlehnten Prinzips der Kundenorientierung gehört, dass Kirche sich auf dem Markt der Sinnanbieter in einem harten Konkurrenzwettbewerb befindet. Für die Bedürfnisse der Menschen hat die Kirche kein Monopol mehr, auch wenn sich die jahrtausendalte Tradition kirchlicher Rituale im kulturellen Gedächtnis tief eingegraben hat. Je mehr sich die Menschen der christlichen Tradition entfremden, desto attraktiver werden jedoch andere Anbieter. Das ist im Bereich der Trauung offensichtlich: Die standesamtliche Trauung ist in den letzten Jahren rituell immer mehr aufgewertet worden und bedarf einer kirchlichen Trauung als Inszenierung immer weniger. Für Beerdigungen gibt es freie Redner, die vereinzelt inzwischen auch von Kirchenmitgliedern in Anspruch genommen werden. Oder man lässt sich gar anonym bestatten. Im Bereich der Konfirmation hält sich im Osten Deutschlands die Jugendweihe hartnäckig, und Schulen, Sportvereine und Musikschulen bieten verschiedene Gelegenheiten der Inszenierung eines allmählichen Erwachsenwerdens an. Und im Zusammenhang der Geburt entstehen erste Ersatzriten und Bräuche (z.B. Geburtsfeste), die die Bedürfnisse der Menschen eher befriedigen als die kirchliche Tradition, die vom Gefühl her schon lange nicht mehr die eigene ist.

Gleiches gilt für die Gottesdienste im Kirchenjahr: Osterhase und Ostereier umspielen die Osterzeit, entsprechende Osterbasteleien finden schon in der Passionszeit statt und drängen diese in den Hintergrund. An Weihnachten steigen jedes Jahr der Weihnachtsmann und das Christkind vom Himmel, um die Geschenke an die Kinder (und Erwachsenen) zu verteilen. Der Martinstag mutiert zu einem Laternenfest. Auch im Jahreskreis entleeren sich somit die Sinngehalte der christlichen Feste und werden anders gefüllt.

 

Kirche schafft sich ab

Servicekirche, Kundenorientierung: Mit dieser Ausrichtung schafft sich die Kirche m.E. nur selbst ab. Der Kirche wird es immer weniger gelingen, die Menschen davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, für die wenigen Gelegenheiten, bei denen sie die Kirche in Anspruch nehmen wollen, regelmäßig Kirchensteuern zu zahlen. Und die Gottesdienste im Jahreskreis stehen für Ausgetretene, die an diesen teilnehmen wollen, ja weiterhin offen.

Wir werden in den nächsten Dekaden brutale Einbrüche in der Kirchenmitgliedschaft erleben. Die lange Zeit treuen Kirchenfernen sterben immer mehr aus. Die Kirche tritt heutzutage immer weiter aus dem Blickfeld. Bei den Mitstudierenden meiner Kinder ist das Thema »Kirche«, um ein Beispiel zu nennen, so weit weg, dass es über die Vorstellungskraft vieler kirchlicher Funktionäre vermutlich weit hinausgeht. Wir rennen einem Klientel hinterher, das sich von der Kirche immer mehr lossagt und auch durch noch so hohen Einsatz, ihren Bedürfnissen gerecht zu werden, nicht in der Kirche zu halten sein wird.

Was nun? Ich glaube, es ist an der Zeit, an ein anderes Leitmodell zu erinnern. Es hat in den Anfängen der Kirche einmal geherrscht. Ich möchte es »Kirche als Überzeugungs- und Lebensgemeinschaft« nennen.

 

Dritte Strategie:
Sich rückbesinnen auf Kirche als Überzeugungs- und Lebensgemeinschaft

In Apg. 2 wird dieses Leitbild von Kirche auf eindrucksvolle Weise beschrieben. Wesentliche Elemente dieses Leitbilds sind intensive Gemeinschaft, bewusste Jesus-Nachfolge, intensive spirituelle Praxis, fester Zusammenhalt, Gütergemeinschaft, diakonisches Handeln, Freude und Herzlichkeit – ein Ideal, bei dem einem fast den Atem stockt! Hinter diesem Ideal ist die Kirche in ihrer Geschichte meist zurückgeblieben, heutzutage in dem Modell als Servicebehörde mehr denn je.

Ein hohes Maß an Verbindlichkeit und religiöser Praxis prägte die Urgemeinde. Und interessanterweise war sie gerade deswegen hoch geachtet beim Volk und fand großen Zulauf, wie es in der Apg. heißt und was sich dokumentiert in der rasanten Ausbreitung des Christentums in der damaligen griechisch-römischen Welt, die übrigens interessanterweise die in vielem unserer heutigen Spätmoderne ähnelt. Vielleicht ist es ja gerade unsere Unverbindlichkeit und unsere allgemein bekannte Wellness- und Segenssoße, die die Menschen heutzutage langweilt und das Christentum unattraktiv erscheinen lässt? »Ein halber Christ ist ein ganzer Unsinn«, hat der Schriftsteller Christian Dietrich Grabbe einmal gesagt. Hat er nicht recht?

In Stockholm habe ich vor einigen Jahren eine spannende Gemeinde erlebt. Es war kalt gewesen und wir hatten eine Kirche gesucht in der Hoffnung, dass wir uns dort etwas aufwärmen und auftanken könnten. Aber die Kirchen, an denen wir vorbeikamen, waren entweder geschlossen oder kalt und leer. Doch dann kamen wir unverhofft in eine beheizte Kirche mit angenehmer Atmosphäre, wurden freundlich begrüßt, bekamen einen heißen Kaffee und waren bald mitten in einer angeregten Unterhaltung mit einem freundlichen jungen Mann. Doch irgendwann meinte dieser, er müsse jetzt alles für den Nachmittagseinsatz herrichten. Und er erzählte mir, dass sie sich in der Gemeinde intensiv um Drogenabhängige und Bettler in der Innenstadt kümmern. Ob ich mitkommen wolle? Gemeinsam zogen wir mit einem Leiterwagen voller Kaffee und Broten auf den großen Platz in der Innenstadt, wo die Junkies und Bettler schon auf uns warteten. Ich war sehr angerührt davon, wie die Mitglieder der Gemeinde die zerlumpten Gestalten umarmten und ihnen so das Gefühl von Würde und Einzigartigkeit gaben. Nicht wenige Tränen sind geflossen. Das Engagement hat, wie ich feststellte, eine überraschende Folgewirkung: Die Drogenabhängigen und Bettler kommen regelmäßig in die Gottesdienste der Gemeinde. Der Kirchenraum war, wie ich am Tag darauf feststellte, voll von Menschen, die man in der Kirche nicht erwarten würde. Aber nicht nur sie füllten den Kirchenraum: Viele junge Studierende und erfolgreiche Manager waren ebenfalls, beeindruckt vom Engagement der Kirchengemeinde, in den Bankreihen zu sehen. Und das Spendenaufkommen landesweit für die Gemeinde ist, wie mir einer erzählte, hoch; auch nichtreligiöse Menschen spenden für diese Gemeinde. Gelebte Jesusnachfolge heute!

 

Überzeugende und ausstrahlende Lebenshaltung

Ich bin der festen Ansicht: Überzeugend ist nicht in erster Linie ein attraktives Marketing - das kann heute fast jeder – und ein Service, der auf alle Wünsche der Kunden eingeht. Überzeugend und ausstrahlend ist eine bestimmte Lebenshaltung.

In evangelikalen Gemeinden und den Freikirchen kann man intensive Gemeinschaft und das Bemühen um eine authentische Jesusnachfolge durchaus häufig erleben. Allerdings kann ich als aufgeklärter, weltoffener Theologe mit der Anschauungswelt der Evangelikalen (und das heißt: eine nach meinem Geschmack allzu trivial-anthropomorphe Gottesvorstellung, das Wörtlichnehmen der biblischen Symbolsprache, das Absolutsetzen zeitbezogener Moral- und Glaubensvorstellungen und die zugleich pauschale Abwertung anderer Religionen und Wahrheitsentwürfe) nichts anfangen. Die Evangelikalen, so empfinde ich es zumindest, muten mir zu, meinen Verstand auszuschalten, und zwingen mich in eine geistige Enge. Dazu bin ich nicht bereit. Aber das muss m.E. auch gar nicht sein. Man kann liberal und weltoffen sein – und zugleich eine verbindliche Jesusnachfolge leben. Zumindest käme es auf den Versuch an.

 

Ein neues Leitmodell von Kirche

Wenn wir in den Landeskirchen »Kirche als Überzeugungs- und Lebensgemeinschaft« zu unserem Leitmodell erheben würden, müsste sich vieles in unseren Kirchengemeinden ändern. Im Fokus stünden dann nicht mehr die Kasualien für Kirchenferne, sondern der Aufbau einer authentischen, verbindlichen Gemeinschaft, für die es eine Ehre und Auszeichnung ist, am Reich Gottes, der großen Vision Jesu, mitzuarbeiten. Die, die zu dieser Gemeinschaft gehörten, würden ihr Leben entsprechend ausrichten. Sie würden im Sinne der Bewahrung der Schöpfung bewusst einen ökologischen Lebensstil pflegen. Die einladend gestalteten Gottesdienste würden von dieser Gemeinschaft getragen und mitgestaltet. Taufen würden aufgewertet in ihrer Bedeutung und ihrem Anspruch und mithilfe von Taufseminaren entsprechend vorbereitet. Gesprächskreise würden initiiert, in denen man sich über den Glauben und seine Auswirkung auf das eigene Leben verständigt und in denen die unterschiedliche Milieuzugehörigkeit nicht mehr als Barriere, sondern als Bereicherung empfunden wird. Chöre dienten nicht – wie ich es leider nicht selten erlebe – der Selbstdarstellung, sondern würden die Gottesdienste bereichern. Diakonische Hilfe würde nicht mehr an das Diakonische Werk delegiert, sondern selbst durchgeführt werden. Für Interessierte gäbe es Kurse, die in den christlichen Glauben und die Möglichkeiten christlicher Lebenspraxis einführen in konstruktiver und respektvoller Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften und anderen Wahrheitsentwürfen (ich betone das, weil die meisten Glaubenskurse nach meiner Ansicht genau dies nicht tun).

Ich bin sicher, eine Gemeinschaft in diesem Sinne, wenn sie authentisch und überzeugend wäre, würde ausstrahlen. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen in den Landeskirchen sagen, eine intensive Gemeinschaft wird von den heutigen Menschen nicht gewünscht. Meine Erfahrungen sind da ganz anders: Meine Volleyball-Freizeitmannschaft pflegt ein intensives Zusammensein: Man geht nach dem Spielen regelmäßig noch etwas trinken, feiert Feste miteinander, kümmert sich umeinander, wenn es einem nicht gut geht, besucht man sich gegenseitig, geht miteinander spazieren. Bei meiner Theatergruppe ist es ähnlich. Beispiele belegen, dass das in Kirchengemeinden ebenfalls gelingt. Sollte das nicht Ansporn sein?

Gemeindeaufbau, das heißt im Sinne des neuen, alten Leitmodells: alle Kraft dafür verwenden, im Sinne der Urkirche eine Überzeugungs- und Lebensgemeinschaft zu werden. Wir werden nicht abrupt mit unserer Servicetradition brechen können und sollen es auch gar nicht, aber sie wird sich inhaltlich wieder stärker an der biblischen Tradition ausrichten und einen zeitlich deutlich begrenzteren Raum einnehmen. Letzteres wird auf Dauer allein schon dadurch geschehen, dass die Anzahl der evangelischen Kirchenmitglieder weiter abnimmt. Vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm. Vielleicht schrumpfen wir uns auch allmählich wieder gesund. Und immerhin, auch das zeigt die letzte Mitgliedschaftsumfrage der EKD: neben den vielen Austrittswilligen gibt es auch einen größer werdenden Anteil an Menschen, die aktiv in den Kirchengemeinden mitarbeiten oder mitarbeiten wollen. Das ist Anlass zur Hoffnung und zeigt auf, dass hier Potential besteht.

Kirche als eine weit denkende, weltoffene, aber zugleich verbindliche, authentische Lebens- und Überzeugungsgemeinschaft: Das ist mein Traum. Ich hoffe sehr, dass ich die zielgerichtete Umsetzung dieses biblischen Leitmodells in den Landeskirchen noch erleben werde.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Markus Beile, Pfarrer und Religionslehrer in Konstanz, zuvor Pfarrer in kleineren Orten am Bodensee und im Wechsel dazu im Ausland (1 Jahr Vikariat in Barcelona, 3 Jahre Pfarrer in Singapur); Buchveröffentlichungen: Reise durch die Welt des Glaubens. Ein Konfi-Kurskonzept für 9 Samstage und ein Wochenende (2012), Religion für Nichtschwimmer. Eine Einführung in den christlichen Glauben (2014), Herausforderungen und Perspektiven der Konfirmationspredigt. Empirische Einsichten und theologische Klärungen (2016).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

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