1989 – einige persönliche Erinnerungen

Von: Peter Haigis
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Deutscher Evangelischer Kirchentag in Berlin 1989 – wir stehen in einer der üblichen Schlangen und warten auf Einlass. Ich weiß nicht mehr, an welchem Veranstaltungsort das war, meine aber, es könnte vor dem Gebäude des SFB (Sender Freies Berlin) gewesen sein. Angekündigt ist der erst zwei Jahre zuvor in den deutschen Kinos präsentierte Film »Himmel über Berlin«. Der Regisseur Wim Wenders wird ebenfalls erwartet.

Den Film kenne ich bereits, schaue ihn mir aber gerne nochmals an und freue mich auf das Gespräch mit dem Filmemacher. »Himmel über Berlin« erzählt die Geschichte zweier Engel – im Film dargestellt von Bruno Ganz und Otto Sander, gekleidet in lange, graue Mäntel (es müssen nicht Männer mit Flügeln sein!). Sie sind unsichtbar, als geistige Wesen nahe bei den Menschen, begleiten ihre Geschichte und »speichern« Geschehenes auf. Doch einer der beiden ist unzufrieden mit seinem geistigen Dasein, möchte Mensch werden, einen Leib aus Fleisch und Blut haben. Und er bekommt diesen Wunsch auch erfüllt: Er erwacht zu einem menschlichen Dasein direkt neben der Mauer, mitten im geteilten Berlin, auf der Westseite. »Himmel über Berlin« – ein Film voller Anspielungen auf deutsche Geschichte und Befindlichkeiten seit 1945.

Nur wenige Tage zuvor wird eine Protestbewegung chinesischer Studenten auf dem »Platz des Himmlischen Friedens« in Peking vom amtierenden Regime mit militärischer Gewalt brutal niedergeschlagen. Während ich den Lernstoff für die mündlichen Prüfungen meines theologischen Examens in Tübingen repetiere, zeigen die Nachrichten im Fernsehen Bilder der demonstrierenden Studenten. Mit ihrem Protest verbindet sich die Hoffnung auf politische Freiheiten, demokratische Mitbestimmung, offene Grenzen und internationale Begegnungen …

Es ist Herbst geworden. Ich bin zurückgekehrt an meinen langjährigen Studienort Marburg, um dort die Arbeit an einer Dissertation aufzunehmen. In den Nachrichten verstärken sich seit den Sommermonaten die Berichte über DDR-Bürger, die sich in der westdeutschen Botschaft in Prag aufhalten. Sie drängen auf Ausreise in den Westen. Offene Grenzen: Ich erinnere mich an meine eigenen Erfahrungen mit DDR-Grenzkontrollen. Mein Theologiestudium habe ich an der Freien Universität Berlin begonnen, als junger Mann und Kriegsdienstverweigerer von Gollwitzer und der Friedensbewegung inspiriert. Die langen Fahrten mit dem Zug von Stuttgart über Probstzella und Griebnitzsee nach Berlin und zurück mit allen Schikanen und Passkontrollen an der innerdeutschen Grenze sind mir noch lebhaft bewusst. In Leipzig und anderen Städten in der DDR – so höre ich – finden montags Friedensgebete in den Kirchen statt, die zu lautstarken Demonstrationszügen für politische Freiheiten werden …

Dann der Abend des 9. November: Günter Schabowski verkündet Reisefreiheit und offene Grenzen für DDR-Bürger. Bilder im Fernsehen: Menschen passieren Schlagbäume vor bewaffneten Soldaten, die regungslos, zum Teil auch fassungslos den Strömen mit ihren Blicken folgen. Es fallen keine Schüsse. Es fließt kein Blut. Es sterben keine Menschen an der innerdeutschen Grenze. Nicht mehr in dieser Nacht!

In den Tagen und Wochen danach machen sich viele auf den Weg zu einem Abstecher in den Westen, manche zu Fuß, andere mit dem Zug, wieder andere sind mit ihren »Trabbis« unterwegs. Wenn ich die Bilder hiervon heute sehe, kommt mir das alles sehr, sehr lange her vor: Die Passanten, die die Fahrzeuge aus dem Osten am Straßenrand bejubeln, sehen eben aus wie von früher, von einst, als noch kurz geschnittene Daunenjacken, Schnauzer und »Vokuhila«-Frisuren (vorne kurz, hinten lang) Mode waren. Ich bin einer von ihnen, sah wohl genauso merkwürdig aus – und stand in Marburg gegenüber der Alten Universität an der Straße, um den Trabbi-Fahrern zuzuwinken.

Erst vor kurzem hatte ich eine Begegnung mit drei Frauen aus Ostdeutschland, etwas jünger als ich, mit denen ich Erinnerungen an diese Zeit austauschen konnte – und wir fragten uns, woher die Euphorie damals kam, dieser »Zauber« einer Nacht, und wohin der Enthusiasmus von einst verflogen ist, und warum es immer noch ein geteiltes Deutschland gibt …

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

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