3. November 2019, 1. Mose 8,18-22; 9,12-17
20. Sonntag nach Trinitatis

Von: Titus Reinmuth
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Wechselvolles Leben


Es gibt ein Leben nach der Katastrophe

Keine Kinderbibel ohne Bilder von der Arche, von Noah und den seinen, den vielen Tieren, der großen Flut, der Taube mit dem Ölzweig und schließlich dem Regenbogen über denen, die gerettet wurden. Die Sintflutgeschichte lässt sich gut erzählen. Es ist eine Rettungsgeschichte. Es gibt ein Leben nach der Katastrophe.

Man kann sich diesen Einschnitt in der biblischen Geschichte gar nicht drastisch genug vorstellen. Als Noah seinen Fuß auf das trockene Land setzt, gleicht das fast einer Mondlandung: ein kleiner Schritt für Noah, aber ein großer Schritt für die Menschheit. Es ist der Schritt in ein neues Leben. Doch den größten Schritt in dieser Geschichte macht Gott. Er entschließt sich zu einem Versprechen: »Ich will in Zukunft nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen … und ich will nicht mehr schlagen alles, was lebt.« Und das verspricht Gott, obwohl er weiß: »Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.« Gott sieht nun davon ab, dass wir Menschen sind, wie wir sind. Komme, was da wolle, eine Sintflut wird es nicht mehr geben. Stattdessen will Gott das Leben bewahren und die Menschen begleiten.


Bewährt sich Gottes Versprechen?

Das ist schön. Aber es bleibt ein leeres Versprechen, wenn es sich nicht mit Erfahrungen verbindet. Bewährt sich das, was Gott hier versprochen hat? Manche erleben ihre ganz persönlichen Katastrophen, scheitern im Beruf, erleben einen schlimmen Verlust, werden schwer krank. Wo ist er da, der liebe Gott? Die ganze Noah-Geschichte würde nicht helfen können, wenn sie nicht schon anderen geholfen hätte.

Wenn nicht alles täuscht, führt die Erzählung in die größte Katastrophe, die das Volk Israel bis dahin erlebt hatte. Sie entstand nach schlimmen Erfahrungen von Krieg, Zerstörung und Gefangenschaft. Auch diese exilisch-nachexilische Zeit lässt sich mit ein paar Federstrichen nacherzählen: Im Exil wurden Fragen laut, ob Gott sein Volk wohl für immer verlassen habe. »Wie lange, Gott, willst du uns so ganz vergessen?« fragt ein Psalmbeter. »Warum willst du uns ewig vergessen und verlassen für lange Tage?« singt ein Klagelied. Bereits ein Prophet dieser Zeit versucht, wieder Mut zu machen: Ja, Gott hat euch einen kleinen Augenblick verlassen im Zorn. Aber dieser Augenblick ist jetzt vorbei. Ja, Gott weiß von eurer Schuld, aber er spricht nicht mehr davon. Ja, Gott kennt eure Geschichte, aber er behaftet euch nicht länger dabei. Er wird sich neu mit euch verbünden (vgl. Jes. 54). Und so ist es geschehen: Das Volk konnte zurückkehren nach Juda und Jerusalem, den Tempel bauen, die Stadt errichten und wieder neu anfangen.


Aus freien Stücken

Die Pointe: Gott hatte sich einfach so wieder mit den Menschen verbündet. Aus freien Stücken. Ohne ihr eigenes Zutun. Denn sie waren ja die gleichen geblieben, die sie schon immer waren: Menschen, die versuchen, mit Gott zu leben, und die sich doch immer wieder von ihm abwenden. Menschen, die sich bemühen, wenigstens ihren Freunden gerecht zu werden, und die selbst da scheitern. Menschen, denen gesagt ist, was gut ist – und die doch nicht danach leben. Trotz alledem gibt Gott sie nicht auf.

Gut, ein Leben im Paradies wird es nicht geben. Gott hat nicht versprochen, dass auf einmal alles heil und schön ist. Das Leben mit Gott wird ein wechselvolles. In diesem Leben gibt es Saat und Ernte: Zeiten, in denen man sich engagieren und alle Kräfte einsetzen muss – und Zeiten, in denen einem manches wie von selbst zufällt. Es gibt Sommer und Winter: Gerade in den Herbsttagen ist mit Händen zu greifen, wie zerbrechlich und vergänglich das Leben ist. Es gibt Tag und Nacht: Arbeit und Ruhe, Freude und Klage, Gelingen und Scheitern. In diesen Rhythmus stellt Gott unser Leben. Das ist doch was. Vielleicht mehr, als man erwarten kann. Und in diesen Lebensrhythmus hinein fügen sich dann auch die Wegstrecken, die wir als unsere persönlichen Lebenskatastrophen empfinden: die Krankheit, der Misserfolg im Beruf, der plötzliche Verlust. Das wird vorkommen. Aber in all diesem Werden und Vergehen hat Gott versprochen, uns Menschen nahe zu bleiben, uns wieder Kraft zu geben und einen neuen Anfang zu ermöglichen. Wir leben nicht im Paradies. Aber wir leben nach der Sintflut. In allem, was unsicher ist, bleibt das gewiss.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Kirche als Heimatakteur
Was Kirche schon ist und was sie noch mehr sein kann
Artikel lesen
»Raus aus der Komfortzone!«
Kirche im öffentlichen Raum
Artikel lesen
»Die Welt ist mir ein Lachen«
Betrachtungen zum Thema »Glaube und Humor«
Artikel lesen
Fälscher der Heiligen Schrift
Wie Martin Luther nach seiner Revolution zum Ketzer wurde
Artikel lesen
1. Advent
1. Dezember 2019, Römer 13,8-12
Artikel lesen
Warum hat Er gepflanzt?
Versuch über die Theodizeefrage
Artikel lesen
Gedenktag der Entschlafenen
24. November 2019, Johannes 5,24-29
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!