31. Oktober 2019, 5. Mose 6,4-9
Reformationstag

Von: Christoph Dinkel
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In der Traditionsbildung nicht nachlassen


Pädagogik von überlegener Weisheit

Gottes Gebot mit allen Sinnen lernen – das fordert Gott durch Mose von den Israeliten an der Schwelle zum Gelobten Land. Gottes Gebot wird erlebbar durch die Zeichen an Hand, Auge, Türpfosten und Tor. Es schafft sich ein »kulturelles Gedächtnis« (Jan und Aleida Assmann) in der Form von Symbolen, Markierungen und Handgriffen. Dazu kommt die Unterweisung der Kinder mit knappen, klaren, an den Fingern abzählbaren Geboten. Herz und Hand, Auge und Ohr werden erreicht. Gottes Gebot verschmilzt mit der individuellen Identität und schafft zugleich eine kollektive Identität, die so stark ist, dass Israel und das Judentum selbst größte Katastrophen, Pogrome und den Auslöschungsversuch der Nationalsozialisten überlebten. Gottes Forderung im »Schema Jisrael« die Gebote mit allen Sinnen erlebbar zu machen, erwies sich als Pädagogik von überlegener Weisheit.


Verlust leiblich-sinnlicher Zeichen

Auf den Spuren Moses haben die Reformatoren Katechismen für den Unterricht an Kindern und Heranwachsenden entwickelt. Auch ihre Wirkung war groß und langfristig. Immerhin gibt es die evangelische Kirche seit fast 500 Jahren. Allerdings ist den reformatorischen Kirchen der Geschmack an der Katechismus-Pädagogik inzwischen vergangen. Zu abständig erscheint die in den Katechismustexten vorausgesetzte Welt von Haus und Hof, Äckern, Vieh und Gesinde, von der Verteilung der Rollen von Mann und Frau. Schon der alte Konsul Buddenbrook macht sich darüber lustig, wenn er seine achtjährige Enkelin Tony beim Aufsagen von Luthers Erklärung zum ersten Gebot spöttisch nach ihrem Acker und ihrem Vieh fragt (Thomas Mann, Buddenbrooks, Eingangsszene).

Außerdem hat das Auswendiglernen seine Bedeutung weitgehend eingebüßt. In einer Kultur, in der nur eine kleine Minderheit lesen und schreiben konnte, war auswendig Gelerntes von elementarer Bedeutung. Bei fast vollständiger Alphabetisierung und bei jederzeit online verfügbarem Wissen, leuchtet Auswendiglernen nur noch bei ganz wenigen Texten ein. Der mittlerweile unübersehbare Traditionsabbruch beim Glaubenswissen junger Protestantinnen und Protestanten offenbart dabei eine empfindliche Schwäche des pädagogischen Ansatzes der Reformatoren und ihrer Nachfolger: Sie verzichteten weitgehend auf Gesten, Riten und Zeichen. Vieles, was lange Tradition war, wurde abgeschafft, teils schon am Beginn der Reformation, teils im Laufe der Zeit: Weihwasser, Bekreuzigen, Einzelbuße, Wallfahrten, viele religiöse Feste, Rosenkranz, Heiligenbilder, Herrgottswinkel. Die Kritik daran leuchtet bis heute ein. Allerdings fehlt es dem Protestantismus durch die Abschaffung an körperlichen und gestischen Zeichen, an Zeichen, die den Leib betreffen oder als äußerliches Zeichen Räume markieren und mit einer religiösen Signatur versehen.


Wenn die Münder stumm bleiben …

Geblieben ist dem Protestantismus seine Affinität zur Musik. Musik protestantischer Komponisten, Lieder aus protestantischer Tradition sind heute weltweit präsent und lebendige Kultur. Die Liedproduktion ist vital, auf dem Kirchentag in Dortmund konnte man sich davon ein Bild verschaffen. Viele Chöre entstehen neu und haben teils enormen Zulauf. Nur die breite Masse des Kirchenvolkes ist immer weniger bereit mitzusingen. Viele Münder bleiben beim Gemeindegesang stumm. Auch Musiklehrer an Schulen beklagen, wie mühsam es ist, eine Klasse zum Singen zu bewegen. Die Deutschen zerfallen immer mehr in einige Singbegeisterte und eine große Masse an Singmuffeln (Ausnahme: Fußballstadion).

Das Vorbild des Schema Jisrael und der jüdischen Tradition verstehe ich als Ermutigung, im Bemühen um Kulturprägung und Traditionsbildung nicht nachzulassen. Starke Identitäten entstehen durch stetige Übung. Beim Singen und bei der Musik kann der Protestantismus an eine große, lebendige Tradition anknüpfen. Bei den Katechismen könnte es sich lohnen, Fleiß und Mühe in neue, memorierbare Fassungen zu investieren. Und vielleicht wäre es auch denkbar, die protestantische Scheu vor körperlichen Gesten und räumlichen Zeichen und Markierungen zu überwinden, damit die christliche Identität besser sichtbar und kulturell präsenter wird.


Christoph Dinkel

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2019

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