27. Oktober 2019, Johannes 5,1-16
19. Sonntag nach Trinitatis

Von: Silke Oestermann
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Wirkmächtige Barmherzigkeit


Survival of the fittest

Im Haus der Barmherzigkeit (so Bethesda übersetzt) geht es unbarmherzig zu. Nur der Stärkste setzt sich durch. Wer schwach ist, wer kein Netzwerk hat, kommt nicht ans Ziel. Auch wenn es sich bei den Teichen von Bethesda um eine Art Sanatorium handelt, ist hier von Heil und Heilung wenig zu spüren. So wenig wie in unserer Gesellschaft auch. Damals wie heute gilt: survival of the fittest. Die (An-)Klage des Mannes, der schon 38 Jahre lang krank ist, trifft und berührt uns. »Ich habe keinen Menschen.« So sollte es keinem gehen. Davon sind wir überzeugt.

Auch Jesu Frage »Willst du gesund werden« trifft mitten ins Herz. Bin ich selbst ein Schwacher, wäre ich empört. Oder gerührt. Endlich sieht mich jemand. Oder die Frage drückt aus, was ich nicht zu sagen wage: Warum kriegt der seinen Hintern nicht hoch? 38 Jahre? Da hätte er doch längst mal …


Heil im Wasser

Wir könnten über unsere unbarmherzige Gesellschaft, über die Verlierer, und den Mut, den es braucht, wenn man ganz unten ist, jemandem zu vertrauen und aufzustehen, predigen. Und würden am Ende zu Barmherzigkeit und solidarischem Handeln aufrufen. Doch damit würden wir weder der ganzen Perikope noch den Erwartungen der Zuhörenden gerecht werden. Die Mitglieder meines Bibelkreises blieben jedenfalls zunächst ausnahmslos beim zweiten Teil der Perikope hängen. Für sie und für mich geht es primär nicht um ein Überbietungswunder, sondern um die Frage, wo und wie Heil zu finden ist und wie wir uns zu Jesus stellen.

Alle, die am Teich auf Heilung hoffen, suchen dieses Heil im Wasser, nicht bei Gott. Sie alle sind nicht im Tempel, feiern nicht den Sabbat. Alle verstoßen damit gegen das erste und auch das dritte Gebot. Alle, die den Teich aufsuchen, sind auf sich, auf das Wasser, den Teich fixiert. Sie haben keinen Blick füreinander und auch nicht für das Heil, das ihnen in Jesus begegnet. Jeder ein homo curvatus in se, also das, was die Bibel Sünder nennt.


Gottes Reich blitzt auf

Und damit sind sie und der Gelähmte wie wir. Auch wir haben unseren Teich Bethesda. Einer sehnt sich sein Leben lang nach der Liebe und Anerkennung des Vaters, ist blind für die Liebe und Anerkennung, die er von anderen erfährt. Die eine strebt nach Ruhm und Anerkennung. Findet ihr Lebensglück in Hashtags und der Zahl der Likes unter ihren Beiträgen im Netz.

Dann begegnen sich der Gelähmte und Jesus, das Wunder geschieht. Nicht durch Wasser, sondern durch Jesu Wort und weil der Gelähmte diesem Wort gehorcht. Er steht auf, nimmt sein Bett und geht. Gottes Reich, Heil blitzt auf. Nicht mehr »Jeder ist sich selbst der Nächste«, sondern »Einer ist für den anderen da«. Gemeinschaft, Barmherzigkeit wird erfahrbar.

Der Geheilte bleibt Sünder

Nicht die Heilung ruft den Protest der Juden hervor, sondern das Tragen des Bettes am Sabbat. Damit stört der Geheilte die Sabbatruhe. Auch die Juden erweisen sich als Sünder. Ihre Gesetze lassen sie das Wesen des Sabbats verkennen. Ihr Teich Bethesda sind ihre Ordnungen. Doch auch der Geheilte bleibt in sich selbst verkrümmt. Kein Glaube, kein Bekennen. Im Gegenteil. Wie einst Adam weist er jede Schuld von sich und gibt Jesus die Schuld an seinem Gesetzesverstoß. Er übernimmt keine Verantwortung für seine Taten. Und später verrät er sogar Jesus. Die Aufforderung Jesu, hinfort nicht mehr zu sündigen, verhallt. Er bleibt Sünder, trotz der Heilung und des Heils, dem er sogar zweimal begegnet ist.

Auch wir könnten in der Begegnung mit Jesus unser Heil verpassen, wenn wir in die falsche Richtung sehen und nicht auf Jesus und die Perspektive, die er uns eröffnet. Allein Jesus und sein Wort heilen. Allein der gewinnt das Leben, der es wagt, der wirkmächtigen Barmherzigkeit Gottes zu vertrauen, und sich dann mit seiner Lebensgeschichte, seinem Bett, auf den Weg macht. Und sich hinfort nicht mehr von Gott trennt.


Lieder

EG 66 »Jesus ist kommen«
EG 346 »Such wer da will«
EG.E 24 »Da wohnt ein Sehnen«


Silke Oestermann

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2019

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