Ein Modell zur Berechnung
Ideale Pfarramtsgrößen

Von: Gerhard Oetzmann
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Wie können Pfarramtsgrößen nach quantitativen Kriterien vergleichbar und gerecht ermittelt werden? Gerhard Oetzmann hat hierzu auf der Basis empirischer Befragungsergebnisse und Beratungsprozesse ein Rechenmodell entwickelt, das er nachfolgend vorstellt.


Die Anlage der Studien

Der Verfasser hat in drei empirischen Studien die Tätigkeit von Gemeindepfarrern (gemeint ist die Funktion, nicht das Geschlecht) untersucht. Im Jahre 1997 wurden 21 Pfarrer befragt, in den Jahren 2001 und 2012 dann 50 und 47. Zugrunde gelegt wurde jeweils ein 12-Monats-Zeitraum. Erfasst wurde, wie sich die Pfarrertätigkeit auf verschiedene Arbeitsfelder verteilt hat. Diese waren 2012 wie folgt bezeichnet:

A1 Gottesdienst
A2 Amtshandlungen
A3 Seelsorge- und Besuchsarbeit
A4 Konfirmandenarbeit
A5 Bildungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen
A6 Diakonisch- und Gemeinwesen-orientierte Arbeit
A7 Kindergartenarbeit
A8 Führen, Leiten, Verwalten
A9 Fortbildung
A10 Innovatives
A11 Besondere Aufgaben bzw. Sonstiges

Nach einem ca. einstündigen Interview war die prozentuale Aufteilung jeweils ermittelt. Eine Stichwortsammlung half. Sie bot zugleich Schutz gegen das Übersehen wichtiger Teilbereiche. Bei­spielsweise zum ersten Arbeitsfeld waren aufgeführt:

S1 Regelgottesdienst,
S2 vom Pfarrer gehaltener Kindergottesdienst,
S3 vom Pfarrer gehaltener Gottesdienst in Altersheimen, Pflegeheimen, Krankenhäusern.

Zusätzlich musste der Befragte entscheiden, ob das jeweilige Arbeitsfeld zur Kategorie »Fix« gehört, d.h. der Aufwand nicht von der Gemeindegliederzahl abhängt. Oder ob das Feld der Kategorie »Prop« zuzurechnen ist, weil sich der Aufwand rein proportional zur Gliederzahl verhält. Ggf. musste der Befragte die Aufteilung in einen Fix- und einen Prop-Anteil festlegen.

Ein kurzer geschichtlicher Exkurs: Von seiner Ehefrau, die seinerzeit dem hiesigen Kirchenvorstand angehörte, erfuhr der Verfasser 1996, dass im Kirchenkreis Winsen/Luhe zukünftig die Verteilung der Gemeindepfarrerstellen nahezu proportional zur Gliederzahl der Pfarrämter erfolgen soll. Die Spontanreaktion in den eigenen(!) vier Wänden (frei nach Obelix): »Die spinnen, die …«. Der Kommentar ist wohl dem erlaubt, der das »Grundgesetz« des Wissenschaftsgebiets Kybernetik kennt: »Wenn ein Prozess eine Ressource nach einer bestimmten Gesetzmäßigkeit verbraucht, sollte diese tunlichst nach derselben Gesetzmäßigkeit zugeführt werden; geschieht das nicht, kann der Prozess gestört werden bis hin zum Kollaps.«

Am nächsten Tag wurde der Gemeindepfarrer unter Bezug auf diese elementare Erkenntnis über die Absurdität des geplanten Steuerungsmodells informiert. Es folgte am Abend ein Aufklärungsgespräch mit dem Vorstand des Kirchenkreises. Einigkeit bestand schnell, dass die Tätigkeit von Gemeindepfarrern einen nicht zu vernachlässigenden Fixanteil einschließt. Aber nicht einmal die anwesenden Pastoren sahen sich in der Lage, für dessen Größe einen Schätzwert zu nennen. Damit war das Proportionalmodell auf Eis gelegt. Als Ausweg aus dem Dilemma bot der Verfasser an, alle Gemeindepfarrer zu befragen und eine mathematische Funktion zu entwickeln, mit der aus den Gliederzahlen der dazu passende, ideale Umfang an Pfarrerkapazität errechnet werden kann. Zwei Planungsziele bzw. Randbedingungen wurden vorgegeben:

Z1 Alle Gemeindepfarrer werden kalkulatorisch gleich stark mit Arbeit belastet.
Z2 Alle Glieder des Kirchenkreises werden umfänglich gleich von den Pfarrern betreut.


Auswertung und Ergebnis

Nun zur Auswertung eines der Kollektive von Pfarrerbefragungen! Folgender Weg führt zum Ziel. Zuerst werden die Antworten zu Position A11 herausgerechnet. Damit ist das Weitere auf das kirchliche »Kerngeschäft« beschränkt. Jetzt wird zusammengestellt, welche Fixanteile für ein-, zwei- und dreistellige Pfarrämter (Pfarramtsklasse) notwendig sind. Dazu werden die Antwortbögen differenziert ausgewertet. Separat die Antworten aus einstelligen, gemeinsam jene aus größeren Pfarrämtern.

Für alle Pfarramtsgrößen wird angesetzt, was mit den Antworten aus einstelligen Ämtern als notwendig begründet ist. Für größere Ämter werden Fixanteile hinzugefügt, die durch die höhere Pfarreranzahl begründet sind, z.B. ein Posten für die Pfarrerkoordinierung. Die Zahlenwerte sind den Antworten aus den mehrstelligen Ämtern entnommen. Aber nicht alles, was von Pfarrern aus mehrstelligen Ämtern als Teil ihrer Tätigkeit aufgeführt worden ist, wird jetzt auch wieder angesetzt. Beispielsweise ist der Posten »Leitung« tabu. Der ist durch den Ansatz für den ersten Pfarrer schon eingeplant.

Liegen die Ansätze für Fixes fest, ist ebenfalls klar, wie viel Pfarrerkapazität in jeder der drei Pfarramtsgrößen für Proportionales übrigbleibt. Mit einem Umrechnungsfaktor (PF) resultiert daraus die passende Gliederzahl. Dieser Faktor ergibt sich aus den Antwortbögen, wenn diese pro Pfarramt zusammengenommen und die Gliederzahl des Pfarramts durch den Proportionalanteil seiner Pfarrer dividiert wird. Die drei Studien brachten folgende Ergebnisse:

       

Offenbar war der 1997 untersuchte Kirchenkreis pro Glied mit weniger Pfarrerkapazität ausgestattet als die 2001 und 2012 analysierte Pfälzer Landeskirche. Und wem nützt das? Deshalb wird nun von absoluten Gliederzahlen auf prozentuale Anteile in der jeweiligen Zeile umgestellt. Das ergab dreimal das identische Ergebnis! Ideale relative Pfarramtsgröße

 

Herausgestellt sei, dass die befragten Pfarrer aus repräsentativ ausgesuchten Pfarrämtern stammten. Da sich das einheitliche Resultat ergab, sieht der Verfasser die erarbeitete Tabelle als EKD-weit nutzbar an.

Wird beispielsweise auf die Relation zwischen ein- und zweistelligem Pfarramt geschaut, weist die Tabelle aus, dass einem zweistelligen Pfarramt dreimal (33/11) so viele Glieder zugehören sollten wie dem einstelligen Pfarramt. Dem dreistelligen sogar ca. fünfmal so viele Glieder wie dem einstelligen. Nach Kenntnis des Verfassers weicht die Realität hiervon oft und auch sehr weit ab.

Vorsorglich wird jetzt betrachtet, ob in den Befragungen oder der Auswertung systematische Fehler liegen könnten. Die Empirie lieferte pro Interview ein Bild der wahren Tätigkeit des befragten Gemeindepfarrers. Die Wahrheit – wenn sie exakt fassbar wäre – würde wohl stets von den Angaben auf den Antwortbögen abweichen. Das bleibt aber ohne nennenswerte Auswirkung auf die vorstehend umrissene Auswertung; denn diese ist selbst-korrigierend. Sollte jemand seinen Fix-Anteil zu hoch angesetzt haben, fällt zugleich sein Prop-Anteil zu klein aus, woraus ein erhöhter Faktor PF resultiert. In der konstruktiven Phase der Auswertung führt das zu einem erhöhten Ansatz für Fixes in allen Pfarramtsklassen. Nachfolgend wird ausgehend von dem zu klein geratenen Kapazitätsrest für Proportionales mit einem erhöhten PF auf die zugehörige Gliederzahl umgerechnet. Diese wird dann allenfalls geringfügig anders ausfallen, als wenn mit dem korrekten Fix-Anteil gearbeitet worden wäre.

In einem Planungsgebiet (Landeskirche, Kirchenkreis) sollten zunächst die durchschnittlichen Gliederzahlen der drei Pfarramtsklassen berechnet werden. Diese werden dann in Relation gesetzt zu den einzelnen Pfarrämtern der beiden anderen Klassen. Der erste Blick sollte auf die Ämter mit extremer Gliederzahl gerichtet werden. Treten dabei deutlich andere Relationen auf als in der Tabelle mit den Idealrelationen, werden die Ziele Z1 und/oder Z2 nachhaltig verfehlt. Das bisherige Verfahren zur Verteilung der Gemeindepfarrerstellen muss abgelöst werden, wenn die Ziele Z1 und Z2 tatsächlich angestrebt werden sollen. Dann empfiehlt sich, zukünftig das »OK«-Modell (Oetzmanns Kapazitätssteuerungs-Modell) zu nutzen. Eine ältere Version steht im Internet, zu finden über www.oetzmann.de. Eine kürzere Anleitung kann beim Verfasser abgerufen werden: gerhard@oetzmann.de.

Gerhard Oetzmann


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2019

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