Notwendige Fähigkeiten kirchlicher Mitarbeiter*innen
Das Evangelium kommunizieren in der evangelischen Jugendarbeit

Von: Uta Pohl-Patalong
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Wer in der Kirche mitarbeitet, sieht sich einer Fülle von Aufgabenfeldern gegenüber. Bereits der Blick in einen durchschnittlichen Gemeindebrief zeigt, in wie vielen Handlungsfeldern Haupt- und Ehrenamtliche der Kirche aktiv sind. Diese Entwicklung ist in der pluralen Gesellschaft durchaus sinnvoll und folgerichtig, denn unterschiedliche Menschen brauchen unterschiedliche religiöse Zugänge und Wege. Das lässt allerdings umso deutlicher danach fragen, was das Gemeinsame hinter den diversen Aktivitäten ist. Theologisch gesprochen stellt sich die Frage nach dem grundlegenden Auftrag der Kirche, dem die Mitarbeiter*innen dienen – die Kommunikation des Evangeliums. Uta Pohl-Patalong spielt diesen Gedanken im Blick auf die evangelische Jugendarbeit durch.*


1. »Evangelium kommunizieren« als grundlegender Auftrag der Kirche

Fragt man nach dem grundlegenden Auftrag der Kirche, wird dies gegenwärtig in der Praktischen Theologie häufig im Rekurs auf Ernst Lange mit der Formel der »Kommunikation des Evangeliums« beantwortet.1 Der Begriff »Kommunikation« statt Verkündigung trifft dabei bereits gewisse Vorentscheidungen, die in zentrale Grundsätze evangelischer Jugendarbeit hineinführen.


(1) Subjektorientierung und Partizipation

Mit dem Begriff »Kommunikation« ist programmatisch eine Abwendung von einem monologischen und am pastoralen Amt orientierten Ausrichten einer vorgegebenen Botschaft verbunden. Der Kommunikationsbegriff beruht stattdessen auf einer Wahrnehmung der am Kommunikationsprozess Beteiligten als Subjekte, was für die evangelische Jugendarbeit grundlegend ist. »Kommunikation« ist keine Einbahnstraße, sondern hat ein partizipatives Moment. Zudem erscheint der Begriff offener und wird damit den reformatorischen Grundlagen, die die Freiheit des Glaubens betonen, gerecht.2


(2) Offenheit und Unverfügbarkeit

Kommunikation hat zwar in der Regel Ziele, aber das Resultat eines Kommunikationsvorgangs ist grundsätzlich offen.3 Gilt das schon für die zwischenmenschliche Kommunikation, verstärkt sich dieses Phänomen, wenn es um religiöse Fragen geht. Ihnen ist eine besonders große Deutungsoffenheit eigen, die christlicherseits immer mit Gott als dritter Größe im Kommunikationsvorgang rechnen – theologisch als Wirken des Geistes beschreibbar. Gleichzeitig ist die Form der Kommunikation für das Ergebnis nicht gleichgültig. Hier muss sauber zwischen »Gotteswerk« und »Menschenwerk« unterschieden werden.


(3) Weite und Vielfältigkeit

»Kommunikation« beschränkt sich keinesfalls auf das gesprochene Wort und die intendierte Mitteilung. Kommuniziert wird verbal und nonverbal, intendiert und nicht intendiert, bewusst und unbewusst. Kommuniziert wird mit Worten, Taten, Gesten, Blicken, Symbolen, Ritualen, Atmosphären, Einrichtungen, Kleidungsstilen etc. Kommunikation ist weiter nicht auf die Kommunikation unter Anwesenden beschränkt, sondern bedient sich vielfacher Medien.4


(4) Persönliche Botschaft

Die Verbindung von »Kommunikation« mit »Evangelium« signalisiert weitere Richtungsentscheidungen. Das »Euangellion« richtet sich immer an Menschen als Subjekte, für die sie eine Frohbotschaft darstellt, während Alternativen wie Kommunikation »des Christentums«, »des christlichen Glaubens« oder »der christlichen Tradition« stärker von Inhalten ausgehen, die von einer Institution vertreten werden. Das Evangelium kommt nicht dann an sein Ziel, wenn es ausgerichtet wird, sondern wenn es ankommt.


2. Dimensionen der Kommunikation des Evangeliums

In der Kommunikation des Evangeliums lassen sich weiter drei idealtypische Varianten unterscheiden.


(1) Kommunikation des Evangeliums als Förderung des Erlebens der christlichen Botschaft

Evangelium zu kommunizieren kann zunächst bedeuten, das Erlebnis anzubahnen und zu gestalten, dass Menschen die Zuwendung Gottes spüren, sich als angenommen und geliebt erfahren, sich in einem größeren Ganzen aufgehoben fühlen, einen inneren Kontakt zu Gott bekommen, sich vom Geist ergriffen fühlen – oder wie auch immer Menschen eine solche religiöse Erfahrung beschreiben. Dieses kann selbstverständlich nicht herbeigeführt, wohl aber ermöglicht und angebahnt werden, ob im Gottesdienst, in der Andacht, im Jugendgruppenerlebnis, in der Natur oder beim Großevent.


(2) Kommunikation des Evangeliums als Gespräch über Lebens- und Glaubensfragen

Kommunikation des Evangeliums kann aber auch als Kommunikation »über« das Evangelium verstanden werden, also das Gespräch über existenzielle Themen mit religiösem Bezug – das Reden über das eigene Leben, über Liebe, Hoffnung, Zweifel etc. Dies sind Themen, die besonders Jugendliche bewegen und für die sie geschützte Räume brauchen, sich damit auseinanderzusetzen und zu einer eigenen Position zu kommen. Ein christliches Bekenntnis ist dabei weder Voraussetzung noch Ziel dieser Kommunikationsform, aber wenn der Rahmen dieser Kommunikation die evangelische Jugendarbeit ist, wird damit gleichzeitig eine bestimmte religiöse Tradition ins Spiel gebracht.


(3) Kommunikation des Evangeliums als religiös motiviertes Handeln

Schließlich findet die Kommunikation des Evangeliums auch als christlich motiviertes Handeln statt, das in der Art, wie die Handlung geschieht, von dieser Motivation etwas erkennbar werden lässt, also diese Motivation direkt oder häufig auch indirekt kommuniziert. Diese Form einer »Kirche für andere« ist kein »Zusatz« oder »uneigentlich«, sondern Bestandteil der Kommunikation des Evangeliums selbst.


3. »Kommunikation des Evangeliums« heute

Die Orientierung an den Menschen als Subjekten bringt es mit sich, dass die Kommunikation des Evangeliums immer kontextuell gedacht werden muss und sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen permanent verändern muss – »communicatio semper reformanda«. Selbstverständlich ist jede Kommunikationssituation eine individuelle und besondere. Dennoch lassen sich für die Gegenwart einige typische Merkmale benennen, die die Kommunikation des Evangeliums im ersten Viertel des 21. Jh. prägen.

Betrachtet man das Selbstverständnis der Kirche im Gegenüber zur Gesellschaft und ihre Kommunikationssituation, befinden wir uns – sehr grob unterteilt – in einer vierten Phase:

• In den ersten Jahrhunderten hatte das Christentum – nach seiner Loslösung vom Judentum als eigenständige Religion – einerseits einen erstaunlichen Erfolg in seinen Kommunikationsbemühungen und wurde andererseits abgelehnt bis zur Verfolgung seiner Anhänger*innen. Damit ergab sich ein überaus kontroverses und spannungsgeladenes Verhältnis zur Gesellschaft.

• Im »christlichen Mittelalter« verschmolzen Gesellschaft und Kirche; sie wurde zu einem gesellschaftlich prägenden Faktor und konnte das Verhältnis der Menschen zum christlichen Glauben bestimmen. Die Kommunikationsformen zielten daher auf Einübung in den christlichen Glauben und festgefügte Formen.

• Mit Beginn der Neuzeit zerbrach diese Synthese von Gesellschaft, Religion und Kirche allmählich. Die Kirche erlebte dies als Macht- und Relevanzverlust. Die »Säkularisierungsthese« deutete die überwiegende kirchliche Erfahrung, dass kirchliche Kommunikationsbemühungen häufig nicht den gewünschten Erfolg hatten, die gesellschaftliche Bedeutung der Kirche immer mehr zurückging und viele Menschen Kirche und Religion den Rücken kehrten.

• Seit den 1990er Jahren allerdings nahm die Plausibilität dieser These, dass Religion in der Moderne zwangsläufig an Bedeutung verliert und die Kirche daher kaum Erfolg haben kann mit ihren Kommunikationsbemühungen, ab. Es wurde deutlicher, dass das Interesse an Religion und Spiritualität nicht ab-, sondern eher zunimmt.

Dabei zeigt sich bereits: Die heute typischen Zugänge zu Religion verstehen sich nicht in Abhängigkeit von den etablierten religiösen Institutionen, sondern begreifen sich als individuelle Suchbewegungen. Dabei gibt es durchaus eine Offenheit für religiöse Traditionen, gerade bei jungen Menschen, wenn sie ihnen einleuchten und hilfreich erscheinen. Die Plausibilität dafür wird zunehmend weniger im guten Argument denn im subjektiven Erleben gesucht – angenommen wird, was als gut erlebt wird.

Ob das gewachsene Interesse für Religion und religiöse Traditionen gerade auch bei Jugendlichen zu einer stabilen religiösen Überzeugung und erst recht, ob diese zu einer engeren Bindung an die Institution Kirche führt, ist stark von der Kommunikation mit und in der Kirche abhängig. Statt selbstverständlich eine Leitfunktion in der Gesellschaft zu beanspruchen wie vor der Moderne oder von einer wachsenden Irrelevanz auszugehen wie in der frühen Moderne, ist heute seitens der Kirche Überzeugungskraft gefragt, was ganz andere Anforderungen in die Kommunikation stellt. In der religiösen Pluralität sind die großen Kirchen zudem nicht mehr die einzigen »Anbieterinnen« auf dem religiösen »Markt«. Menschen müssen sich für diese entscheiden wie für alles andere im Leben auch. Da Plausibilität für eine Wahl durch Kommunikation entsteht, ist Kommunikation in gewisser Weise an die Stelle von Traditionen und selbstverständlichen Normen getreten,5 die früher darüber entschieden, wie man lebt und was man glaubt. Erst recht gilt dies für Jugendliche, die zum einen Traditionen noch stärker hinterfragen als ältere Menschen und zum anderen medial-kommunikativ vernetzt aufwachsen. Die Kommunikation des Evangeliums erweist sich daher nicht nur von der Sache her, sondern in der Gegenwart ganz besonders von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen her als anspruchsvolle Aufgabe.


4. Erforderliche Fähigkeiten für die Kommunikation des Evangeliums6

Die Aufgabe, Evangelium zu kommunizieren, kommt selbstverständlich allen Christ*innen zu. Wer hauptberuflich in der Kirche tätig ist oder ein bestimmtes Ehrenamt übernommen hat, widmet sich allerdings in besonders intensiver Weise diesem Auftrag. Von diesen Menschen können auch bestimmte Fähigkeiten erwartet werden, die sie benötigen, um diese Aufgabe in ihren jeweiligen Handlungsfeldern gut erfüllen zu können. Manche dieser Fähigkeiten bringen Menschen mit – bzw. ergreifen gerade deshalb diesen Beruf oder übernehmen deshalb dieses Ehrenamt, weil sie dafür besonders befähigt sind. Diese »Charismen«, die durchaus theologisch als jeweils individuelle Geistesgaben verstanden werden dürfen, bilden eine wichtige Grundlage für das Gelingen der Kommunikation des Evangeliums.

In der Gegenwart reicht es allerdings für die Großkirche nicht aus, sich auf diese Charismen zu verlassen. Sie müssen verfeinert, geschult und ergänzt werden, um die Chancen zu erhöhen, in der religiösen Pluralität Evangelium mit vielen, sehr unterschiedlichen Menschen überzeugend zu kommunizieren. Die Ausbildungs- und Studiengänge bilden für die hauptberufliche Tätigkeit eine wichtige Grundlage, die jedoch angesichts der Vielfalt der Handlungsfelder, der immer spezifischer werdenden Herausforderungen und der sich immer rascher wandelnden Rahmenbedingungen bei weitem nicht und schon gar nicht lebenslang ausreicht. Für diese Kirche sind Fortbildungseinrichtungen nötig, die aufbauend auf den persönlichen Talenten und Stärken Fähigkeiten für die Kommunikation des Evangeliums vermitteln. Diese haben eine unverzichtbare Funktion für die Kirche: In ihnen geschieht einerseits selbst Kommunikation des Evangeliums, vor allem aber fördern sie die Kommunikation des Evangeliums an anderen Orten, indem sie die dafür nötigen Fähigkeiten von Menschen stärken. Diese können wie folgt beschrieben werden:


(1) Eigene Erfahrungen mit dem Evangelium

Um überzeugend Evangelium kommunizieren zu können – egal ob gelebt, reflektiert oder als Inspiration zum Handeln –, sind eigene produktive Erfahrungen mit ihm eine wichtige Grundlage. Wer – auch emotional – erlebt hat und immer wieder neu erlebt, dass der christliche Glaube hilfreich und lebensdienlich ist, hat einen lebendigen Zugang zu ihm und strahlt diese Überzeugung gegenüber anderen auch aus. Diese Überlegung darf nicht dahingehend missverstanden werden, dass die Kirche ein intensives Glaubensleben als Bedingung hauptberuflicher oder ehrenamtlicher Mitarbeit definiert. Umgekehrt muss sie vielmehr sicherstellen, dass Menschen, die in ihr hauptberuflich oder ehrenamtlich mitarbeiten, genügend Möglichkeiten haben, Evangelium lebendig, inspirierend, lebensbereichernd zu erfahren, um dies gut kommunizieren zu können.

Selbstverständlich sind solche Erfahrungen nicht machbar oder können »Lernziele« eines Kurses sein, sondern sie sind unverfügbar und ereignen sich. Allerdings weht der Geist nur selten im luftleeren Raum, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Erfahrung von »Evangelium« ereignet, ist in bestimmten Settings größer als in anderen. Dies geschieht selbstverständlich auch in Ortsgemeinden und anderen kirchlichen Einrichtungen. Ein Tagungs- und Fortbildungszentrum mit einem bestimmten »Geist« bietet jedoch besonders gute Bedingungen für intensive Erfahrungen mit dem Evangelium, weil es örtlich herausnimmt aus dem Alltag, weil es eine besondere Umgebung und Atmosphäre besitzt, weil die hier Tätigen besondere Fähigkeiten zur Ermöglichung und Gestaltung solcher Erfahrungen haben und weil Menschen, die sonst in leitenden und verantwortungsvollen Positionen sind, empfangen dürfen.


(2) Reflexion der eigenen Erfahrungen mit dem Evangelium

Um Evangelium mit anderen gut kommunizieren zu können, muss zum Erleben eine Reflexion des Erlebten hinzutreten, die einen Schritt zurücktreten lässt von den eigenen Erfahrungen mit dem Evangelium und diese wahrnehmen und tiefer verstehen lässt. Die eigenen Erfahrungen werden dadurch als eigene Erfahrungen deutlich, die von Faktoren wie Persönlichkeit, Biografie, Lebenssituation, Kontext und Gruppe abhängig sind. Bernhard Dressler beschreibt dies als Wechsel der Perspektive vom Frosch zum Vogel:7 In der Froschperspektive macht man eindrücklich bestimmte subjektive Erfahrungen. In der Vogelperspektive blickt man auf diese Erfahrungen und lernt sie einzuordnen und zu verstehen als eine mögliche Erfahrung unter anderen möglichen, die für einen selbst ebenso plausibel ist wie andere von ihren Erfahrungen überzeugt und geprägt sind. Wesentlich ist also die Fähigkeit zum situativ angemessenen Wechsel zwischen Außen- und Binnenperspek­tive bzw. zwischen Frosch und Vogel – kirchliche Mitarbeiter*innen müssen also »Froschvögel« sein. Dies hilft, die eigenen Erfahrungen nicht zu verabsolutieren und sie auch bei anderen zu erwarten oder sie gar als Norm für die Erfahrungen anderer zu verstehen. Es lehrt, nicht nur kognitiv zu verstehen, sondern auch zu erleben und emotional zu verankern, dass andere Menschen ganz andere religiöse Erfahrungen machen, die das gleiche Recht und den gleichen Wert haben wie die eigenen. Dazu sind ein kluges didaktisches Setting und ein kompetent angeleiteter Austausch in der Gruppe außerordentlich hilfreich.


(3) Unterstützung im Umgang mit Vielfalt

Diese Reflexion eigenen Erlebens ist bereits ein wichtiger Schritt zur Entwicklung der Fähigkeit, andere auf ihren ganz anderen Glaubens- und Lebenswegen als die eigenen zu begleiten. Sie führt weiter dazu, dazu beizutragen, dass auch andere der Unterschiedlichkeit von Menschen – bezüglich ihrer Lebensentwürfe, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer Werte etc. – respektvoll und wertschätzend begegnen und damit zu einer offenen und toleranten Gesellschaft beitragen. In unserer immer vielfältiger werdenden Gesellschaft reicht dafür die Reflexion eigener Erfahrungen nicht mehr aus, zumal in einer gesellschaftlichen Situation, wo Abschließungsprozesse zunehmen, das Misstrauen gegenüber dem »Fremden« wächst und wesentliche demokratische Grundlagen in Frage gestellt werden. Menschen, die das befreiende und jedem Menschen in seiner Unterschiedlichkeit gleichermaßen wertschätzende Evangelium überzeugend kommunizieren möchten, brauchen daher Unterstützung in ihrer persönlichen Fähigkeit, mit Vielfalt konstruktiv umzugehen wie darin, diese Fähigkeiten bei anderen und letztlich auch gesamtgesellschaftlich zu fördern.


(4) Menschen ernst nehmen und wertschätzen

Ist die Wertschätzung von Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit selbstverständlich auch Bestandteil der Unterstützung im Umgang mit Vielfalt, scheint es mir dennoch lohnenswert, diesen Aspekt noch einmal gesondert zu betrachten, weil er einerseits eine Schlüsselrolle für die Kommunikation des Evangeliums in der Spätmoderne besitzt und andererseits mit bestimmten kirchlichen Traditionen bricht.

Grundlage dieser Fähigkeit ist die Einsicht, dass sich Menschen heute als Subjekte ihres Lebens und ihres Glaubens begreifen, die sich mit Inhalten, Zugängen und Traditionen, die ihnen begegnen, kritisch auseinandersetzen. Sie akzeptieren und übernehmen in der Regel nicht fraglos fertige Inhalte, sondern prüfen sie daraufhin, ob sie ihnen plausibel und relevant für ihr Leben erscheinen. Die vor allem von Jugendlichen (aber bei weitem nicht nur) gestellte Frage »und was bringt mir das?« ist daher nicht als unbotmäßiges »Nützlichkeitsdenken« zurückzuweisen, sondern als berechtigte Suche nach der Lebensrelevanz und Lebensdienlichkeit des Evangeliums wertzuschätzen.

Der Neutestamentler Gerd Theißen weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Verbreitung des Glaubens an den auferstandenen Jesus Christus in den ersten Jahrhunderten kaum vorstellbar ist, ohne dass sich dieser als relevant und sinnhaft für das Leben von Menschen erwiesen hat.8 Gerade die reformatorischen Kirchen haben zudem die persönliche Aneignung von Glaubensinhalten – was kritische Prüfung einschließt – immer wieder betont. Auch der klassische Bildungsbegriff stellt das Subjekt und seine persönliche, immer auch kritische Auseinandersetzung in den Mittelpunkt und nicht die Vermittlung vorgegebener Inhalte. Wenn das Subjekt und seine individuellen Wege der Auseinandersetzung und des Lernens wirklich ernst genommen werden, dann kann es kein festgelegtes religiöses Lernziel geben, das von allen erreicht werden müsste. Die Prozesse werden dann ergebnisoffener und stärker von den Teilnehmenden her gedacht.

Für die Kommunikation des Evangeliums bedeutet dies, seine Inhalte als Angebote zu präsentieren und davon auszugehen, dass sie von den Menschen auf ihre Plausibilität und persönliche Lebensrelevanz kritisch geprüft werden. Diese Prozesse sollten jedoch nicht nur in Kauf genommen, sondern auch angebahnt werden, indem die christlichen Gehalte als offen für die individuellen Deutungen der Subjekte und damit potenziell anschlussfähig an ihre Lebensfragen und
-themen inszeniert werden. Wichtig dafür ist die Überzeugung, dass auch junge Menschen nicht nur Fragen in religiöse Suchprozesse mitbringen, sondern auch eigene Antworten und Überzeugungen. Diese im Kontakt mit dem Evangelium ernst zu nehmen und wertzuschätzen, erscheint mir heute für die Kommunikation des Evangeliums zentral. Dies ist eine Frage der inneren Haltung, die angebahnt, aber auch geschult werden muss, ebenso müssen hauptberuflich und ehrenamtlich Mitarbeitende aber didaktische Zugänge kennen und beherrschen, die solche Prozesse fördern.


(5) Souveräner und spielerischer Umgang mit Traditionen

Eng damit zusammenhängend ist der nächste Aspekt: Für die Kommunikation des Evangeliums in der Spätmoderne erscheint es mir zentral, mit den christlichen Traditionen wie den biblischen Texten, den liturgischen Formen und auch den Inhalten des christlichen Glaubens souverän und spielerisch umgehen zu können.

Nachdem einige Jahrzehnte lang im religionspädagogischen Arbeiten überwiegend »problemorientierten« Ansätzen gefolgt wurde, die vorrangig von den Themen und Fragen der (jungen) Menschen ausgingen, ist in den letzten Jahrzehnten die Einsicht gewachsen, dass die Begegnung mit christlichen Traditionen große Chancen für religiöse Lernprozesse besitzt. Gleichzeitig ist deutlich geworden, dass die Offenheit für und das Interesse an religiösen Traditionen vor allem bei jüngeren Menschen wieder gewachsen ist – man denke beispielsweise an die Attraktivität von Klosteraufenthalten oder Pilgerwegen. Diese Formen »objektiver Religion« dürfen allerdings – der Subjektorientierung gemäß – nicht als unhinterfragbare Größen mit normativem Anspruch präsentiert werden, die man nur annehmen oder ablehnen kann. Chancenreich sind sie dann, wenn sie als Angebote begegnen, deren Lebensrelevanz erkennbar wird und die zu eigenen Entdeckungsprozessen mit ihnen einladen. Sie präsentieren sich dann als Deutungsmöglichkeiten des Evangeliums, die wiederum zu eigenen Deutungen einladen.

Mit Traditionen souverän und spielerisch umgehen zu können, setzt voraus, von der Sinnhaftigkeit und Kraft religiöser Traditionen und Wege überzeugt zu sein, ohne sie zu verabsolutieren, und Wege zu kennen und eröffnen zu können, Menschen spielerisch und probehalber in Kontakt mit ihnen zu bringen.


(6) Menschen zur verantwortlichen Mitgestaltung von Gesellschaft und Kirche befähigen und ermächtigen

Und schließlich brauchen Menschen für die Kommunikation des Evangeliums die Fähigkeit, andere zu befähigen und zu ermächtigen, ihrerseits Gesellschaft und Kirche mitzugestalten und dabei ebenfalls Evangelium zu kommunizieren. Hilfreich dafür kann der »Empowerment«-Ansatz sein als ein Weg, »dass Menschen lernen, ihre eigene Subjektivität, ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten zu entdecken, ihnen Ausdruck zu verleihen und sich sodann in solidarischer Vernetzung in deren Um- und Durchsetzung und dabei Selbstwertsteigerung und Gestaltungskraft zu erfahren«. Denn die Bedeutung der christlichen Religion zeigt sich immer auch auf der Ebene der Lebensgestaltung und zwar nicht nur im persönlichen Leben, sondern auch als »solidarische Aufgabe […], die gesellschaftliche Aspekte einschließt«. Das Evangelium wird dabei als Kraft der Veränderung für das Zusammenleben von Menschen erfahren, für die es eine Orientierung bildet.


Anmerkungen:

* Überarbeitete Fassung eines Vortrags beim Symposium im Evang. Studienzentrum Josefstal am 17.11.2018 anlässlich der Verabschiedung von Rainer Brandt.

1 Vgl. Ernst Lange: Zur Theorie und Praxis der Predigtarbeit, in: Ders., Predigen als Beruf. Aufsätze (hg. v. Rüdiger Schloz), Stuttgart/Berlin 1976, 9.11.13f u.ö. Vgl aber auch schon Henrik Kramer: The Communication of the Christian Faith, [London 1956] Zürich 1958, 21f.

2 Vgl. Eberhard Hauschildt/Uta Pohl-Patalong: Kirche (Lehrbuch Praktische Theologie), Gütersloh 2013.

3 Vgl. Niklas Luhmann: Die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation, in: ders. (Hg.): Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation, Opladen 1981, 25-34.

4 Vgl. Hauschildt/Pohl-Patalong, 2013.

5 Vgl. auch Christian Grethlein: Praktische Theologie (de Gruyter Studium), Berlin/New York 2012, 144: »Der Rückgang von allgemein anerkannten Traditionen und normativen Beständen führt zu einem wachsenden Interesse an der Kommunikationsthematik.«

6 Häufig werden Überlegungen, was Menschen können müssen, mit dem Kompetenzbegriff beschrieben. Ich habe mich hier bewusst dagegen entschieden, den Begriff zu verwenden, weil man damit unweigerlich in die (religions-)pädagogische Debatte um Sinn und Gefahren des Kompetenzbegriffs hineinkommt (vgl. beispielsweise Rudolf Englert: Was bedeutet Kompetenzorientierung für den RU? Neun kritische Punkte, in: Clauß Peter Sajak (Hg.): Religionsunterricht kompetenzorientiert. Beiträge aus fachdidaktischer Forschung, Paderborn/München/Wien/Zürich 2012, 67f, oder in einer guten Zusammenfassung der Debatte Michael Fricke: FALKO-R: Professionswissen von Religionslehrkräften. Entwicklung eines Messinstruments zur fachspezifischen Lehrerkompetenz, in: Stefan Krauss u.a.: FALKO: Fachspezifische Lehrerkompetenzen. Konzeption von Professionswissenstests in den Fächern Deutsch, Englisch, Latein, Physik, Musik, Evangelische Religion und Pädagogik, Münster/New York 2017, 291-335, 295f), die mir für die hier angestellten Überlegungen nicht produktiv erscheint, und spreche daher lieber allgemein von »Fähigkeiten« in einem unspezifischen Verständnis.

7 Bernhard Dressler: Religiös sein – eine Frage der Bildung? Vortrag zur Eröffnung des evangelischen Forums Hanau am 24.9.2004, http://www.efhanau.de/alt/download/B01_Dressler_Religioes_sein.pdf (11.11.2018).

8 Vgl. Gerd Theißen: Exegese und Homiletik. Neue Textmodelle als Impuls für neue Predigten, in: Pohl-Patalong, Uta/Muchlinsky, Frank (Hg.): Predigen im Plural. Homiletische Aspekte, Hamburg 2001, 55-67, 56.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong, Jahrgang 1965, Studium der Evang. Theologie in Kiel, Heidelberg, Jerusalem und München, 1995 Promotion über »Seelsorge zwischen Individuum und Gesellschaft«, 1995-2001 Vikariat und Pastorinnendienst, 2002 Habilitation zu »Parochialität und Nichtparochialität im Konflikt«, seit 2007 Prof. an der Theol. Fakultät der Universität Kiel.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2019

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