6. Oktober 2019, Jesaja 58,7-12
Erntedank

Von: Cornelia Eberle
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Begegnungen von Herz zu Herz

1. Zur Übersetzung

Vertraut klingt die Lutherübersetzung, samt den wunderschönen Bildern der Morgenröte, die hervorbricht, und dem Herz, das sich finden lässt. Aber vieles klingt auch antiquiert. Dabei ist dieser Text (leider) zeitlos aktuell. Die Übersetzung der »Gute Nachricht«-Bibel (1997) z.B. spricht dagegen unmittelbar an.


2. Aspekte

Der Text weitet den dankbaren Blick auf den eigenen gedeckten Tisch hin zu anderen, nur karg gedeckten Tischen und zu Menschen, die gar keinen Tisch haben. Unser Dank (wie damals das Fasten und Beten) erreicht Gott nicht, wenn wir nicht über unseren eigenen Tellerrand hinaus schauen.


a) Von Herz zu Herz

Eigentlich ist es ganz einfach, was Gott von uns erwartet ist: Menschen in Not helfen. Und doch ist es eine Zumutung. Denn gemeint ist mehr als Almosen geben. Es geht um eine Haltung – um unser Herz. Das hebräische Wort »näphäsch«, das Luther mit Herz übersetzt, steht in der Bibel für das, was aus uns lebendige Menschen macht: Atem, Seele, Herz. In V. 10 wird es direkt hintereinander für beide benutzt, für die Helfenden und die Hilfebedürftigen. Leider wird das in keiner der mir bekannten Übersetzungen deutlich. Das heißt: Im Akt der Hilfe geschieht eine Begegnung von Herz zu Herz. Oben und Unten wird hier aufgelöst – es geht um zwei Menschen, die beide gleich von Gottes Atem/Geist beseelt sind, beide mit Herz, beide mit gleicher Würde. Auch V. 9 fordert Wertschätzung statt Verachtung. Deshalb spitzt die »Neue Gute Nachricht« V. 7 zu: Ladet die Hungrigen an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf! Begegnung statt Distanz und Almosen von oben herab!

In der Diakonie habe ich eindrücklich erlebt, was es für Menschen bedeutet, wenn sie in ein Haus, an einen Tisch eingeladen werden, und sei es nur einmal im Jahr – aber regelmäßig und verlässlich. Umgekehrt: Wie viel Abwertung und subtile Arroganz erleben Menschen, die Hilfe brauchen. In einem Buch über Menschen, die für ein Jahr ein »bedingungsloses Grundeinkommen« zugelost bekamen, berichten viele, wie entwürdigend sie das deutsche Hilfesystem empfinden (M. Bohmeyer, C. Cornelsen, Was würdest du tun, Berlin 2019) und wie viel es für sie bedeutet hat, dass das gewonnene Geld wirklich bedingungslos – geschenkt! – war. Völlig ohne religiösen Hintergrund beschreiben viele eine Erfahrung, die wir als Kern des Evangeliums verstehen: eine unantastbare Würde haben, sich sein Lebensrecht nicht »verdienen« müssen – die Erfahrung von Gnade und »Rechtfertigung ohne Werke«. Ein Urbedürfnis aller Menschen und damit etwas zutiefst Verbindendes.


b) Gott im Rücken

In überschwänglichen, wunderbar poetischen Bildern beschreibt der Text, was geschieht, wenn sich Herzen öffnen für die Not anderer. Dabei kommt in beide Richtungen etwas ins Fließen. Es entsteht ein gegenseitiges Geben und Nehmen – bei Einzelnen und im ganzen Volk/in der ganzen Gesellschaft (bildhaft dafür das Wieder-Aufbauen von bewohnbarem Raum V. 12; wie aktuell heute mit dem Thema bezahlbarer Wohnraum!). Gleichzeitig kommt Gott ganz nahe, hörend, helfend, stärkend. Nicht als »Belohnung von oben herab«, sondern als Folge dieser Offenheit der Herzen. Offenheit für andere macht auch empfänglich für Gottes Gegenwart. Es ist dieselbe Ausrichtung. Und so bilden gute Taten und Gottes spür- und sichtbare Präsenz (Gottes Herrlichkeit, kavod, bedeutet die sichtbare, leuchtende Erscheinung der göttlichen Majestät) ein starkes Tandem: das eine geht uns voran, das andere hinter uns her als starker Schutz (V. 8). Beides ummantelt uns – sozusagen eine »jüdisch-christliche Aura«. Vielleicht kann in der Predigt jemand beschrieben werden, der/die »mit Gott im Rücken« etwas lebt und ausstrahlt von dem, wovon Jesaja schreibt.


c) Solidarisches Zusammenleben

Das Ziel des Prophetentextes ist eine solidarische Gemeinschaft (damals im Horizont des jüdischen Volkes – heute ist unser Horizont weltumspannend wie das Christentum). Er arbeitet mit Appellen und Verlockungen. Schön wäre es, wenn in der Predigt die Appelle so »übersetzt« werden könnten, dass die Herzen erreicht werden.

Ein Weg dahin: Den Hörer*innen ermöglichen, sich in andere hinein zu fühlen und zu denken. Durch Einblicke in das Leben, Fühlen und Denken von Menschen, die Solidarität und Hilfe brauchen – bei uns oder in fernen Ländern. Die unglaublich große Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen war z.B. wesentlich durch mediale Bilder und direkte Begegnungen hervorgerufen. Mitarbeitende der Diakonie können vieles erzählen und vermitteln über – oft versteckte – Not und Armut bei uns. Auch im genannten Buch sind dafür nachdenklich machende Beispiele zu finden. Noch besser ist es, von eigenen Begegnungen und Erfahrungen zu erzählen.


Cornelia Eberle

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2019

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