22. September 2019, 1. Mose 28,10-19a(19b-22)
14. Sonntag nach Trinitatis

Von: Theophil Steudle
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Aufwärts – abwärts – vorwärts

Im Fraumünster zu Zürich lässt Marc Chagall mit seinen wunderbar schönen, strahlend leuchtenden, farbenprächtigen Fenstern biblische Szenen für uns lebendig und anschaulich werden – auch Jakobs Himmelsleiter: Engel schweben aufwärts und abwärts, Jakob erlebt göttliche Gegenwart – eine wahrhaft eindrucksvolle Botschaft!

Rose Ausländer hat in ihrem Gedicht »Der Engel in dir« das bedeutsame, treffliche Wort »engelwärts« geprägt (»Lenk deinen Schritt/engelwärts«) – eine anrührende Einladung!


Aufwärts

»Ihr wandelt droben im Licht« – so lässt Friedrich Hölderlin seinen Hyperion singen. Es ist wohl eine uralte Sehnsucht der Menschheit, ein tiefes Hoffen und Verlangen im Menschen nach dem, was »droben« ist: dort oben »im Licht« zu sein oder wenigstens Verbindung dorthin zu haben – das hat doch was! So auch in Jakobs Traum: Er ist Ausdruck seiner Bedürfnisse und seiner Befindlichkeit: Wegen seines verwerflichen Verhaltens gegenüber Vater und Bruder ist er Flüchtling geworden – die Verbindung mit dem Gott der Väter und mit seiner Familie ist ihm abhanden gekommen. Sein Traum aber schenkt ihm die Gewissheit, dass Gottes Segen seine Zukunft bestimmen wird: »engelwärts« geht es in seinem Traum, aufwärts – und dann und darum aber auch mit ihm selber vorwärts!


Abwärts

Jakob hatte seinen Traum – war’s das dann? Oder könnte diese Geschichte für uns heute doch wichtig sein? Nicht so sehr in ihrer speziellen Besonderheit, aber dies: Trotz mancher Versuche und Mühen haben auch wir keinen unmittelbaren Zugang zu Gott; trotz unserer Anstrengungen ist es uns nicht möglich, so richtig »nach oben« zu gelangen, gelingt es uns nicht, einen gangbaren Weg aufwärts zu finden – Jakob ist es in seinem Traum widerfahren. Für uns heute gilt eine ähnliche, aber doch neue Perspektive.

Lenken wir also unsere Aufmerksamkeit auf das NT! Dort ist ausdrücklich von einer ganz bestimmten, besonderen Bewegung die Rede – abwärts nämlich: Dass Jesus als Sohn Gottes in erbarmender Liebe und in gnädiger Zuwendung zu uns Mensch wurde, also solidarisch mit uns, ist essentiell für die ganze Jesus-Botschaft – wir finden diese Bewegung im NT in vielfältiger Form und in mannigfachen Beschreibungen (vgl. nur Joh. 1,1ff.24; Phil. 2,6ff). Um unsretwillen geht Jesus seinen Lebens- und Leidensweg konsequent abwärts bis in den Tod und ins Reich der Toten. Es ist der Weg seiner erbarmenden Liebe zu uns, der wiederum mit Jesu Auferstehung endgültig sein Aufwärts vollendet.


Vorwärts

»Da machte sich Jakob auf den Weg und ging …« (Gen. 29,1) – sein Traum hat ihn so sehr gestärkt und ermutigt, dass er nicht nur dankbar aufstehen, sondern getrost und unverzagt vorwärts sehen und gehen kann. Von Gottes Segen begleitet schafft er, was er zu tun hat – fleißig und mit Erfolg.

Jesus wird mit uns solidarisch – er nimmt Teil an unseren Sorgen und Ängsten, unserem Leid und unseren Anfechtungen – er kennt unsere Situation und nimmt uns ernst – er sieht uns und redet mit uns – er schenkt uns Mut, gibt uns Kraft und Hoffnung – und er weist uns den richtigen Weg, auf dass wir wie Jakob getrost und unverzagt vorwärts sehen und gehen können.

Der Blick vorwärts öffnet uns weiten Raum – er lässt zurück, was uns beschwert und hilft uns, zu sehen und wahrzunehmen, dass Menschen um uns sind, die uns brauchen, weil sie niemand haben, der ihnen beisteht – und dann gemeinsam Schritte vorwärts zu tun: mit offenen Augen, wachsamen Sinnen, helfenden Händen, mutigen Worten und Taten jene Zuwendung und Liebe weiterzugeben, die wir empfangen haben.

Es sind eher kleine Schritte, die wir machen können – und manchmal geht es auch rückwärts – aber Gottes Segen begleitet uns auf unserem Weg, weil Jesus mit uns geht – wie weiland im Traum die Engel auf der Himmelsleiter Jakob den Segen Gottes verheißen.


Theophil Steudle

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2019

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