Zum Umgang mit dem Beichtgeheimnis in der kirchlichen Aus- und Fortbildungspraxis
Bestens geschützt, doch laufend gebrochen

Von: Walter Rominger
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Das Beicht- und Seelsorgegeheimnis gehört zu den höchsten Vertrauensinstanzen kirchlicher und pfarrberuflicher Arbeit und ist rechtlich bestens geschützt. Dennoch zwingt die Praxis der Seelsorgeaus- und -fortbildung dazu, es in seiner Unverbrüchlichkeit zu verletzen und auszuhebeln. Für Walter Rominger ein unhaltbarer Zustand.


1. Die Wahrung des Beicht­geheim­nisses durch den Staat

Mit Beteiligung der Kirchen nimmt der Staat in seiner Gesetzgebung Rücksicht auf das Beichtgeheimnis (Art. 9 Reichskonkordat). Konkordate und staatliche Prozessgesetze schützen Geistliche vor Zeugenschaft und geben ihnen das »Recht zur Aussageverweigerung, wenn sie ihr Wissen aus der Beichte oder gegebenenfalls auch allgemeinen Seelsorge haben«1. Dieses Recht reicht so weit, dass selbst dann, wenn der Seelsorgebefohlene wünscht, der Geistliche möge aussagen, dieser diesem Wunsch nicht nachkommen muss: »denn die Schweigepflicht schützt die kirchl[iche] Arbeit schlechthin.« In der Bundesrepublik Deutschland sind auch die Gehilfen und die Notizen eines Geistlichen aus dem seelsorgerlichen Dienst geschützt. Dieses weitgehende Zeugnisverweigerungsrecht stellt also einen ganz weitreichenden Schutz des Beichtgeheimnisses von seiten des Staates dar.

Doch nicht allein die Aussageverweigerung wird dem Geistlichen durch staatliches Recht eingeräumt, sondern »das Strafrecht der BRD nimmt Geistliche von der allgemeinen Anzeigepflicht geplanter schwerer Verbrechen aus.« §138 StGB stellt zwar die Nichtanzeige drohender schwerer Verbrechen unter Strafe, aber §139 Abs. 2 bestimmt, »daß ein Geistlicher nicht verpflichtet ist anzuzeigen, ›was ihm in seiner Eigenschaft als Seelsorger anvertraut ist‹«2.


2. Die Wahrung des Beichtgeheim­nisses in der evangelischen Kirche

Der Erlanger Kirchenrechtler Heinrich de Wall erklärt eine Selbstverständlichkeit: »Das Bekenntnis konkreter Sünden in der Beichte setzt das Vertrauen in die Verschwiegenheit des Pfarrers voraus.«3 Die Begründung für das Beichtgeheimnis ist eine dreifache: Sie besteht zum einen in der christlichen »Liebe, die den Nächsten nicht ohne Not bloßstellt«4, zum andern in der Verantwortung für den Beichtenden, und schließlich im »Vertrauen in die Seelsorge der Kirche«. Das Beichtgeheimnis ist ein Sonderfall des allgemeinen Seelsorgegeheimnisses. Im Gefolge Luthers schärfen die lutherischen Kirchen es seit jeher als unverbrüchlich ein5. In reformierten Kirchen wird in den Kirchenordnungen oft eine vertrauliche Behandlung der Kirchenzucht verlangt, damit nicht öffentlich bekannte Vorwürfe auch nicht in die Öffentlichkeit gelangen und somit das Beichtgeheimnis gewahrt bleibt.

Dies gilt umfassend, und dabei fällt mehr darunter, als man zunächst meinen könnte. Erich Ruppel bestimmt dies so: Es »erstreckt sich auf den gesamten Inhalt dessen, was dem Geistlichen bei Ausübung der Seelsorge anvertraut ist, nicht nur auf die bekannte Schuld, sondern auf alle damit zusammenhängenden Vorgänge und Umstände. Seine Wahrung gehört zu den wichtigsten und selbstverständlichen Amtspflichten«6. An der Strenge dessen hat sich laut Kirchengesetzen auch in den Jahren danach nichts geändert. Sie wird weiterhin zur Pflicht gemacht. 30 Jahre nach Erich Ruppel brachte Albert Stein (1986) ebenfalls in einem Lexikonartikel den zu der Zeit allgemein gültigen kirchenrechtlichen Stand zum Ausdruck: Unter das Beichtgeheimnis »fällt, was der Beichthörer von dem Beichtenden über die Beichte erfährt.«7 Demzufolge ist die Wahrung des Beichtgeheimnisses »Amtspflicht laut vieler Kirchenordnungen und Pfarrerdienstgesetze«8. Als Beispiele nennt er die entsprechenden Paragraphen zweier Kirchenordnungen, die allerdings einen Großteil der evangelischen Landeskirchen in der Bundesrepublik Deutschland abdecken: §33 d[eu]t[sche] VELKD [Vereinigte evangelisch lutherische Kirche Deutschlands] und §28 EKU [Evangelische Kirche der Union].

Wie die Wahrung des Beichtgeheimnisses nach kirchlichen Gesetzen praktisch aussieht, geht aus Folgendem hervor: »Schon Andeutungen von Seelsorgewissen ist aus Predigt und Unterricht herauszuhalten.« Selbst denen gegenüber, die an sich auch unter der Wahrung des Beichtgeheimnisses stehen, ist es zu wahren, wie aus der sich anschließenden Ausführung Steins deutlich wird: Es »gilt auch gegenüber anderen Seelsorgern, Helfern, Gatten und in der Supervision«. Sein umfassender Schutz geht auch daraus hervor, dass der Beichtende seine Zustimmung geben muss, wenn fachlicher Rat eingeholt werden soll, dass ferner die Pflicht, es zu wahren, selbst dann »nicht ohne weiteres aufgehoben« ist, »wenn der Beichtende den Geistlichen von der Schweigepflicht entbunden hat«9, und dass im Übrigen der Seelsorger »auch in späterer eigener Beichte … unerkennbar lassen« soll, »wer bei ihm gebeichtet hat.« Aber auch dem Beichtenden gegenüber ist das Beichtgeheimnis unverbrüchlich, und deshalb darf er später nicht unaufgefordert auf die Beichte hin angesprochen werden.

Ganz seltene Ausnahmen sind denkbar – etwa dann, wenn es den Tod eines des gebeichteten Verbrechens bezichtigten Unschuldigen zu verhindern gilt, oder »um einen Anrufer bei der Telefonseelsorge vor Selbsttötung zu bewahren«10. Stein zufolge darf in einem solchen Fall »nach überwiegender ev[angelischer] Meinung«, weil es sich dabei um den »äußersten Fall« handelt, »Beichtwissen« – allerdings »ohne Verrat des Beichtenden selbst«, dieser bleibt geschützt – »zur Nächstenliebe nutzbar gemacht werden«. Ein vollständiger Konsens besteht freilich selbst »im äußersten Fall« nicht, da es sich lediglich um die »überwiegende« Meinung handelt, es also durchaus die Ansicht gibt, das Beichtgeheimnis sei so unverbrüchlich, dass keinerlei Ausnahmen möglich seien.


3. Ein Beispiel: Das Württem­bergische Pfarrergesetz

Ruppel und Stein beschreiben in ihren Artikeln den Durchschnitt dessen, was aufgrund der Kirchenordnungen und Pfarrerdienstgesetze hinsichtlich des Beichtgeheimnisses in den Gliedkirchen der EKD gilt. An einem Fall, nämlich dem Württ. Pfarrergesetz11 soll dies verifiziert werden. Dessen §15 führt unter der Überschrift »Beichtgeheimnis und Amtsverschwiegenheit« aus: »(1) Der Pfarrer ist verpflichtet, das Beichtgeheimnis gegenüber jedermann zu wahren. Dem Beichtgeheimnis unterliegt, was dem Pfarrer in Ausübung der Seelsorge anvertraut wird.« Dies gilt auch dann, wenn er seinen Dienst beendet hat, sogar bei weniger vertraulichen Angelegenheiten, wie aus (2) hervorgeht: »Der Pfarrer hat, auch nach Beendigung des Dienstverhältnisses, über alle Angelegenheiten, die ihm sonst in Ausübung seines Dienstes bekannt werden und ihrer Natur nach oder aufgrund besonderer Anordnung vertraulich sind, Verschwiegenheit zu bewahren (Amtsverschwiegenheit) …« Dass der Pfarrer nicht sich selbst vom Beichtgeheimnis befreien kann, sondern lediglich der Beichtende, macht (3) deutlich: »Von der Verpflichtung zur Wahrung des Beichtgeheimnisses kann der Pfarrer nur von dem entbunden werden, der sich ihm anvertraut hat«. Aus dem Folgesatz geht hervor, dass das Beichtgeheimnis strenger zu handhaben ist als die Amtsverschwiegenheit: »Von der Verpflichtung zur Amtsverschwiegenheit kann er durch den Oberkirchenrat entbunden werden.« Dass die Wahrung des Beichtgeheimnisses für den Pfarrer unter Umständen unangenehme Folgen haben kann, wird angesprochen; dieser muss dann aber dem Württ. Pfarrergesetz zufolge Nachteile hinnehmen, während ihm andererseits »die Kirche … Schutz und Fürsorge zu gewähren« hat: »(4) Der Pfarrer muß bereit sein, Nachteile, die sich aus dem Beichtgeheimnis und der Verpflichtung zur Amtsverschwiegenheit ergeben, auf sich zu nehmen. Die Kirche hat ihm und seiner Familie in einem solchen Falle Schutz und Fürsorge zu gewähren.«


4. Ein Ergebnis in Hinsicht auf geltendes Staats- und Kirchenrecht

Die bisherige Beschreibung dessen, was rechtens ist sowohl nach staatlichem als auch vor allem nach Kirchenrecht, ergibt, dass das Beichtgeheimnis unverbrüchlich ist und allerhöchsten Schutz genießt. Das gilt auch vor Gericht. Allenfalls »nach überwiegender ev[angelischer] Meinung« kann es einige Ausnahmefälle12 geben, aber nur wenn Leben bedroht ist, so dass das Beichtgeheimnis partiell zurückgedrängt sein kann, der Beichtende selbst aber nicht genannt werden darf. Darüber, ob es diesen »äußersten Fall« gibt, besteht kein Konsens.

Im Folgenden soll nun aufgezeigt werden, wie die kirchliche Wirklichkeit aussieht und ob, gemessen am geltenden Kirchenrecht, innerhalb des kirchlichen Betriebs – namentlich in der Aus- und Fortbildung – das Kirchenrecht faktisch überhaupt umgesetzt wird oder ob es lediglich in kirchlichen Rechtssammlungen steht.


5. Die kirchliche Wirklichkeit

Anlässlich einer Konsultation, zu der die Bekenntnisbewegung »Kein anderes Evangelium« und der »Theologische Konvent Bekennender Gemeinschaften« für den 26./27. Februar 1995 nach Frankfurt eingeladen hatten, hatten die beiden Erlanger Theologieprofessoren Reinhard Slenczka und Günter R. Schmidt Vorlagen zum Thema »Die Krise des kirchlichen Lehr- und Leitungsamtes« erarbeitet13. Schmidt stellte in seinem Thesenpapier zum einen treffend fest: »Die Beichte tritt völlig in den Hintergrund«14; er machte zum andern in der folgenden These, die für unseren Zusammenhang die wichtigere ist, deutlich: »Das Beicht- und Seelsorgegeheimnis wird durch Supervision oder sonstige gesprächsweise ›Verarbeitung‹ gebrochen«. Hier denkt er an die Protokolle seelsorgerlicher Gespräche, die bei Seelsorgekursen in der Vikarsausbildung und Pfarrerfortbildung, etwa zum Krankenhausseelsorger durch KSA-Kurse vorzulegen sind und die in der Gruppe besprochen werden. Tatsächlich widerspricht diese Praxis dem kirchenrechtlich festgelegten Beicht- und Seelsorgegeheimnis, ja es bedeutet geradezu dessen Bruch. Schließlich gilt das Beichtgeheimnis doch, wie Stein unmissverständlich zum Ausdruck bringt, »auch gegenüber anderen Seelsorgern, Helfern … und in der Supervision«. Supervision in der kirchlichen Arbeit ist allerdings ihrem Wesen nach auf den Bruch des Beichtgeheimnisses angelegt.

Ein Vergleich zwischen dem durch Kirchengesetz Geforderten und der gängigen Praxis ergibt, dass Anspruch und Wirklichkeit in diesem – wenn auch nicht nur in diesem – Falle einander entgegenstehen. Die gängige Praxis bricht Kirchenrecht. Äußerst fragwürdiger Pragmatismus steht über dem Recht. Damit ist eine rechtlose Situation geschaffen. Missbrauch ist nicht mehr auszuschließen, ja diese gängige Handhabung stellt bereits Missbrauch dar. Wer die Weiterbildung zum Klinikseelsorger anstrebt, muss wissen, dass er nicht darum herumkommt, Wissen, das ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut wird, weiterzugeben in Arbeitsgruppen, und dass damit »das Beicht- und Seelsorgegeheimnis … durch Supervision oder sonstige gesprächsweise ›Verarbeitung‹ gebrochen« wird (Schmidt). Selbst in den Seelsorgekursen in der Vikarsausbildung werden Protokolle seelsorgerlicher Gespräche verlangt, und was in der Fortbildung zum Klinikseelsorger unmöglich ist, ist auch hier kaum möglich, nämlich sich durch Verweigerung der »Fallbesprechung« dem Bruch des Beichtgeheimnisses zu entziehen. Die Erklärung, alle stünden ja unter dem Beichtgeheimnis, und deshalb dringe nichts nach außen, ist nicht statthaft, da doch das Beichtgeheimnis »auch gegenüber anderen Seelsorgern« gilt (Stein). Dass es Stein zufolge auch »in der Supervision« gilt, erweist sich schlichtweg als nicht erfüllbare Forderung, da, wie dargelegt, Supervision in der Seelsorge von ihrem Wesen her den Bruch des Beichtgeheimnisses inkludiert.


6. Unwürdiger Missbrauch

Nach staatlichem Recht ist das Beichtgeheimnis garantiert. Der Staat nimmt darauf Rücksicht15. Die Kirchen bestehen darauf – zu Recht! Nach allem sieht es so aus, als sei das Beichtgeheimnis im Staat mehr geschützt als in den Landeskirchen. Es scheint sich auch hier auszuwirken, dass nach der »Deutsche[n] Verfassung (Weimarer Verfassung) vom 11.8.1919«, die an dieser Stelle auch im »Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (GG) vom 23. Mai 1949« aufgenommen ist16, »jede Religionsgesellschaft … ihre Angelegenheiten selbständig …« »ordnet und verwaltet«. Deshalb kann, ohne dass dem gewehrt werden könnte, in den Landeskirchen gegen das diese an sich bindende Kirchenrecht gehandelt werden. So entsteht hier der Eindruck, als sei an dieser empfindlichen Stelle der Schutz vor Missbrauch durch den Staat besser gesichert als der Missbrauch durch die Kirche. Dazu ist dann allerdings zu sagen, dass vom Staat nicht das verlangt und eingefordert werden kann, was man selbst zu halten nicht bereit ist.

Der praktisch häufige Bruch des Beichtgeheimnisses birgt doch ein ungeheures Risiko in sich: Vertrauliches wird, wenngleich anonymisiert, in die Öffentlichkeit getragen, und dann ist nicht mehr kontrollierbar, wo es überall hingelangt, wo es vielleicht identifiziert, also einer bestimmten Person durchaus zugeordnet, wie es vielleicht auch entstellt wird und in welcher Form es dann womöglich gegen einen Beichtenden verwendet wird. Dass dies Kirchen durch ihre Praxis in Kauf nehmen, ist ihrer nicht würdig und verstößt gegen ihr Wesen.

Zum andern gelangen auf diese Weise auch seelsorgerliche Informationen über den Seelsorger nach außen, zu Kollegen, Vorgesetzten und damit vielleicht auch in seine Personalakte, oder, was noch schlimmer wäre, in eine »schwarze Akte«, in die der Betroffene nie Einsicht bekommt, deren Informationen aber sehr wohl gegen ihn verwendet werden können. Solches Vorgehen scheint auch anderweitig Anwendung zu finden, ist einer Kirche aber in besonderer Weise unwürdig und erinnert an totalitäre Staaten und deren Überwachungsmechanismen. An sich dürfen Informationen aus der Seelsorge überhaupt nicht »ausgewertet« werden. Aber wie soll dies verhindert werden, wenn sie vorliegen? Es ist ja geradezu verführerisch, sie mit zu berücksichtigen – und zwar verstärkt im digitalen Zeitalter17.


7. Chance auf Verweigerung?

Eine Verweigerung von »Seelsorgeprotokollen« kann sich schnell negativ auf die Beurteilung auszubildender Theologen auswirken. Es wird auf das Verhalten und den Charakter des Verweigerers geschlossen, etwa dieser sei nicht gesprächsfähig und habe Störungen in der Kommunikation. Dies wiederum – wohl registriert – kann gegen ihn verwendet werden, wiewohl das Kirchenrecht nicht gegen ihn steht, sondern auf seiner Seite. Freilich wird ihm dies wenig nützen, da es keine Möglichkeit gibt, dies Recht für sich zu fordern und durchzusetzen. Und Vorwürfe werden auch lieber im Psychologischen und damit Nebulösen gelassen, als dass sie konkret gemacht werden und damit auf die Ebene des Rechtlichen kommen. An sich müsste die Kirche – damit können hier nur kirchenleitende Organe gemeint sein – dem Betreffenden und seiner Familie »Schutz und Fürsorge … gewähren«18, da er ja »Nachteile, die sich aus dem Beichtgeheimnis … ergeben, auf sich« nimmt19. Dann wäre die Kirche in der Pflicht. Freilich, in diesem Falle ist sie es, die ihm womöglich Nachteile verschafft. Und wird sie ein Interesse daran haben, einen der Ihren vor sich zu schützen? Das ist doch nicht anzunehmen.

Im Voranstehenden wurde die kirchliche Wirklichkeit im Umgang mit dem Beichtgeheimnis und den unabsehbaren, unsäglichen Folgen beschrieben, wenn es nicht absolut unverbrüchlich gilt. Freilich ist da zu fragen, wie sich eine Praxis entwickeln konnte, die dem geltenden Kirchenrecht eigentlich widerspricht und dieses de facto dominiert. Allem Anschein nach wurde hier schleichend etwas eingeführt, was dann in der Praxis geltendes Recht verdrängte – eine Möglichkeit, die auch sonst erfolgreich realisiert wird. Man schafft nichts ab, aber das Bestehende ist praktisch durch die Ereignisse überholt; es gilt noch theoretisch, zählt aber praktisch nicht mehr. Damit ist dann auch die leidige Diskussion übersprungen, die aber notwendig wäre, ob und wie dies denn überhaupt mit dem geltenden Kirchenrecht verträglich wäre. Diese Frage geht einfach unter. Und wenn sie doch auftaucht, ist es meist schon zu spät, da man sich bereits mit dem kirchenrechtlich zwar unmöglichen, aber aufgrund der Gewöhnung eingetretenen Zustand als dem status quo abgefunden hat und sich sogar damit abfinden muss.

Allein auf Unwissenheit darf nicht alles zurückgeführt werden. Unwissenheit allein entschuldigt auch nicht. An Kirchenleitungen und Synoden ist freilich die Frage zu richten, wie Supervision und sonstige gesprächsweise »Verarbeitung«, Fallbesprechung in der Gruppe und so fort entgegen geltendem Kirchenrecht einfach eingeführt werden konnte. Sie trifft nach wie vor der Vorwurf, faktisch in eklatanter Weise gegen bindendes Kirchenrecht zu verstoßen. Das Schlimme daran ist, dass sie daran rechtlich nicht gehindert werden können, weil es hierfür keinen Richter gibt. Denn der Rechtsbrecher ist gleichzeitig oberster Richter.


8. Ein unbefriedigendes Fazit

Nicht in der Theorie, aber in der Praxis bricht die Kirche ihr eigenes Recht. Laut Kirchenrecht ist das Beichtgeheimnis unter allen Umständen zu wahren, ist also unverbrüchlich. In der Praxis jedoch ist dieser Grundsatz ausgehebelt und es gelangt durch Aus- und Fortbildung, durch Supervision, Fallbesprechung oder sonstige gesprächsweise »Verarbeitung« das, was dem Beichtgeheimnis unterliegt, dahin, wo es nicht hingehört – aus der Vertraulichkeit in die Öffentlichkeit. Damit kann es womöglich gegen Beichtenden und Seelsorger instrumentalisiert werden und in erpresserischer Weise Verwendung finden. Da aber die Religionsgemeinschaften ihre Angelegenheiten selbständig ordnen und verwalten (GG Art. 140), sind sowohl Seelsorger als auch Beichtender hier einer echten Gefahr ausgesetzt, der sie sich nur schwer erwehren können.

Nach alledem entsteht der Eindruck, dass das Beichtgeheimnis in der staatlichen Praxis besser geschützt ist als in der kirchlichen. Die Landeskirchen sind darauf hinzuweisen, dass – da nach geltendem Kirchenrecht und aller Üblichkeit weltweit das Beichtgeheimnis unverbrüchlich ist – die Kurse, in denen es zur Disposition steht, ersatzlos gestrichen gehören20. Allerdings – und dies wehrt jeglicher Euphorie: Erzwingen wird man dies nicht können, da, wie gesagt, der Rechtsbrecher selbst hier der oberste Richter ist. Über den Kirchengerichten steht kein weiteres irdisches. Eine Neutralität und Unabhängigkeit der Kirchengerichte ist nicht gegeben. Sie werden im Regelfall weniger nach der Rechtslage als nach den Erwartungen der Kirchenleitungen entscheiden. Viele Entscheidungen in anderen innerkirchlichen Rechtsfällen legen auch für diesen Fall nahe, dass sie zu Gunsten der Kir­chenleitungen entscheiden und damit den Kirchenrechtsbruch für rechtens erklären würden, weshalb alles beim Alten bliebe.


Anmerkungen:

1 Albert Stein, ehemals geschäftsführender Oberkirchenrat der Badischen Landeskirche, Theologe und Jurist, in: Evangelisches Kirchenlexikon, Bd. I, 3. Aufl. 1986, Art.: »Beichtgeheimnis«, 402-404, hier 403 (nächste Zitate ebd.).

2 Erich Ruppel: Art. Beichtgeheimnis, in: RGG3, Bd. I (957), 975.

3 Heinrich de Wall: Art. Beichtgeheimnis, in: RGG4, Bd. I, 1226f, hier 1226. S. im Übrigen aktueller: https://fragen.evangelisch.de/frage/4044/beichtgeheimnis (aufgerufen 29.01.2019).

4 Stein, a.a.O., 402 (nächste Zitate ebd.).

5 Zur Bedeutung der Beichte für Luther vgl. Werner Thiede: Evangelische Kirche – Schiff ohne Kompass? Impulse für eine neue Kursbestimmung«, Darmstadt 2017, 182ff.

6 Ruppel, a.a.O., 975.

7 Stein, a.a.O., 402.

8 A.a.O., 403. Die folgenden Zitate ebd.

9 Ruppel, ebd.

10 Vgl. Stein, a.a.O., 402; de Wall, a.a.O., 1226.

11 Kirchliches Gesetz über das Dienstverhältnis der Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg (Württ. Pfarrergesetz) – Auszug vom 3. 6. 1977 i. d. F. vom 26. 11. 1981 (Abl. 49, 461), zuletzt geändert durch Gesetz vom 2. März 1989 (Abl. 53 Nr. 20); zitiert wird nach: Handbuch für Kirchengemeinderäte, hg. im Auftrag des Oberkirchenrats der Evangelischen Landeskirche in Württemberg von Hans Karl Henne, Stuttgart 1989, 518-527, hier 520.

12 So Stein, a.a.O.

13 Vgl. Reinhard. Slenczka: Die Krise des kirchlichen Lehr- und Leitungsamtes, in: Kerygma und Dogma 41 (1995), 160-174; Günter R. Schmidt: »Catalogus gravamina«, ebd., 169-174.

14 Schmidt, a.a.O., 172 (Hervorhebung im Original, W.R.) (nächstes Zitat ebd., 173).

15 Vgl. Reichskonkordat Art. 9; §139 Abs. 2 StGB.

16 Art. 140 GG: »Die Bestimmungen der Artikel 136, 137, 138, 139 und 141 der Deutschen Verfassung vom 11. 8. 1919 sind Bestandteil dieses Grundgesetzes«.

17 Vgl. Stefan Aust/Thomas Ammann: Digitale Diktatur. Totalüberwachung – Datenmissbrauch – Cyberkrieg, Düsseldorf/Berlin 2014. Braucht es, um die kommenden virtualisierten 5G-Netze überwachen zu können, in ihnen viele weitere Abzapfpunkte (https://fm4.orf.at/stories/2949220/ – Aufruf 28.12.2018)?

18 §15, Ziff. 4 Württ. Pfarrergesetz.

19 Ebd.

20 Zur Praxis in der römisch-katholischen Kirche ist darauf hinzuweisen, dass dort das Kirchenrecht klarstellt: Das Beichtgeheimnis darf unter keinen Umständen gebrochen werden (c. 983 §1 CIC).

 

Über die Autorin / den Autor:

Walter Rominger, Jahrgang 1957, ab 1979 Studium der Evang. Theologie in Tübingen, 1985 1. Examen, 1988 2. Examen, seit ­etlichen Jahren hauptsächlich publizistisch tätig.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2019

1 Kommentar zu diesem Artikel

19.08.2019
Ein Kommentar von Dr. Hendrik Munsonius


Dieser Aufsatz macht auf ein wichtiges Problem aufmerksam und verdient darum durchaus Beachtung. Allerdings bringt er am Ende Aussagen, die - vorsichtig gesagt - fragwürdig sind: "Eine Neutralität und Unabhängigkeit der Kirchengerichte ist nicht gegeben. Sie werden im Regelfall weniger nach der Rechtslage als nach den Erwartungen der Kirchenleitungen entscheiden." 1. Ist sich der Autor der Tragweite dieser Aussagen bewusst? 2. Womit begründet er diese Aussagen? ("Viele Entscheidungen in anderen innerkirchlichen Rechtsfällen legen auch für diesen Fall nahe ..." reicht ja wohl keineswegs aus.) 3. Wie kommt jemand dazu, die Tätigkeit der Kirchengerichte und das Ethos der dort tätigen Personen in dieser Weise zu diskreditieren?

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