25. August 2019, Markus 12,28-34
10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag)

Von: Martin Schuck
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Die persönliche Haltung zum Gesetz ist entscheidend

I

In den vergangenen Jahrzehnten hat der frühere »Judensonntag«, der heute »Israelsonntag“ heißt, eine entscheidende theologische Bedeutungsverschiebung erfahren. Stand seit dem Mittelalter die Judenmission im Vordergrund, so geht es heute um das Verhältnis zwischen Christen und Juden, also um die Thematisierung einer Schuldgeschichte. Klar machen kann man sich die Bedeutungsverschiebung an den Evangelien dieses Sonntags: Traditionelles Evangelium des 10. Sonntag nach Trinitatis war Lk. 19,41-48 (»Jesus weint über Jerusalem« [41-44] und »Die Tempelreinigung« [45-48]). In dieser Perikope geht es vornehmlich um die Auflösung von Verblendungszusammenhängen. In der seit 1998 als Alternative vorgeschlagenen Perikope Mk. 12,28-34, dem diesjährigen Predigttext zum Israelsonntag, geht es dagegen um die theologische Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum.


II

Hergestellt wird diese Verbundenheit durch die Frage eines Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot. In der internen Dramaturgie des 12. Kapitels leitet diese Frage zu einem ersten Höhepunkt hin, denn sie schließt einen Reigen von drei Fragen ab, in denen Jesus durch Fangfragen auf die Probe gestellt werden soll: Zunächst fragen die Pharisäer nach der Rechtmäßigkeit des Steuerzahlens, sodann fragen die Sadduzäer nach dem Fortbestand rechtlich geregelter irdischer Eheverbindungen nach der Auferstehung, und schließlich stellt ein einzelner Schriftgelehrter die Frage nach dem höchsten Gebot.

Beantwortet Jesus die Frage der Pharisäer mit dem Hinweis auf das Kaiserbild einer Münze und die Frage der Sadduzäer mit der veränderten Wirklichkeit des menschlichen Seins nach der Auferstehung, so gibt die Frage des nicht näher benannten Schriftgelehrten erstmals die Gelegenheit einer konstruktiven Antwort auf dem Boden der Tora und vor dem Hintergrund zeitgenössischer rabbinischer Theologie.


III

Inhaltlich geht es bei Jesu Antwort auf die an ihn gestellte Frage nach der Vorordnung eines einzelnen Gebots über alle dokumentierten 613 Gesetze der Tora um die Schaffung einer Meta-Ebene, von der aus eine sinnhafte Ordnung in der Gesamtheit der Gesetze sichtbar wird. Durch den Verweis auf das »Höre Israel« in Dtn. 6,4-5 werden alle existierenden Gesetze unter das Vorzeichen der Gottesliebe gestellt. Interessant ist nun, dass das Gebot, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, nicht dem Gebot der Gottesliebe nachgeordnet, sondern diesem gleichgestellt wird. Damit erfährt die Sache, um die es in der Frage nach dem höchsten Gebot scheinbar geht, in Jesu Antwort eine entscheidende Transformation: Nicht der Inhalt eines einzelnen Gebots ist höher zu bewerten als die Inhalte aller anderen, sondern die Parallelstellung der Gottesliebe mit der Selbst- und Nächstenliebe schafft einen Referenzrahmen, innerhalb dessen die persönliche Haltung bei der Befolgung der Gebote zum entscheidenden Kriterium wird.


IV

Der Inhalt dieses Kriterium ist nichts anderes als die Liebe. Gebote, die lieblos ausgeführt werden, mögen zwar zur formalen Aufrechterhaltung einer (öffentlichen oder privaten) Ordnung dienen, aber sie erfüllen nicht die Funktion, die Gott den Geboten zugedacht hat. Es ist kein Zufall, sondern theologisches Programm, dass im Dekalog die Einzigartigkeit des Gottes Israels, die sich aus einer geschichtlichen Erinnerung, nämlich dem Auszug aus Ägypten, begründet, als Klammer um alle anderen Gebote gelegt ist. Damit sind religiöse Gebote wie die Sabbatheiligung und scheinbar »nur« weltliche Gebote wie das Tötungsverbot Teil einer einheitlichen Haltung, die eben beides, Gottes- und Nächstenliebe, als Voraussetzung für ein wohlgeordnetes Sozialwesen begreift, in dem alle zu ihrem Recht kommen.


V

Der Israelsonntag bietet mit dem Predigttext Mk. 12,28-34 die Gelegenheit, im Zusammenspiel von Gottes- und Nächstenliebe die besondere Art des Aufeinander-Bezogen-Seins von Christen und Juden zu thematisieren. Indem der Schriftgelehrte die Antwort Jesu versteht und erkennt, dass einer Handlung, die im Lichte der Gottes- und Nächstenliebe ausgeführt wird, eine andere Wertigkeit zukommt als lieblos ausgeführten vorgeschriebenen Gesetzeswerken, wird ihm von Jesus die Nähe zum Reich Gottes bescheinigt.

Das fordert dazu heraus, theologisch über das Verhältnis von Gesetz und Evangelium nachzudenken, ohne dem Klischee von der Minderwertigkeit jener Werke, die sich als Erfüllung des Gesetzes verstehen, zu verfallen. Das Kriterium, dass Werke unter dem Vorzeichen der Liebe eine andere Wertigkeit haben als eine zwar formgerechte, aber lieblose Ausführung vorgeschriebener Gesetze, könnte eine neue theologische Brücke zwischen Christen und Juden schlagen.


Martin Schuck

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2019

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