Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Die Berliner Mitte wächst rasant mit dem Neubau des Schlosses. Wer sich aber davon löst und hinter das Zeughaus geht, kommt auf altes Gelände: Auf der kleinen Straße »Am Festungsgraben« treffen die Spaziergänger auf zwei historische Gebäude, die Sing-Akademie und das Palais am Festungsgraben. Aber zuvor noch einen Moment innegehalten und überlegt: Wieso dieser Straßenname, wo doch keine Festung zu sehen ist?

Es verhält sich wie so oft mit solchen Namen – sie erzählen von einer Zeit, die jetzt schon lange vergangen ist, nämlich, als nach dem Dreißigjährigen Krieg ein Bollwerk errichtet wurde, das in alten Stadtplänen als vielzackiger Stern abgebildet ist und bei dem jede der 13 Bastionen einen Zacken bildete. Aber schon als Baumeister Memhardt das Projekt begann, war diese Art von Festung durch die neue Waffentechnik sinnlos geworden, doch die französischen Subventionen flossen dem Großen Kurfürsten halt zu … Und hinter der alten Bastion VIII, heute Standort Pergamonmuseum, erinnert der Straßenname an diese Zeit. Die Stadtbahnviadukte stehen auf dieser Strecke – preisgünstiges Bauland …

Zurück zu den Gebäuden: Im Gebäude der Sing-Akademie hat seit 1952 das Maxim-Gorki-Theater seinen Platz, aber eigentlich gehört es der Sing-Akademie. Seit 2011 erinnert ein Denkmal an den Musiker, Komponisten und Chorleiter Carl Friedrich Christan Fasch. Dieser war Hofcembalist und später auch Hofkapellmeister von Friedrich dem Großen und eine seiner Aufgaben bestand darin, den König bei seinen Flötenkonzerten zu begleiten. Weil er keine Sänger fand, die eine anspruchsvolle 16-stimmige italienische Messe singen konnten, gründete er 1791 die Sing-Akademie. Sie war als gemischter Chor schon zu Lebzeiten von Fasch erfolgreich und wuchs unter seinem Nachfolger Carl Friedrich Zelter im Ansehen weiter. So führte hier Mendelssohn-Bartholdy die wieder entdeckte Matthäus-Passion auf: 100 Jahre nach der Uraufführung in der Leipziger Thomaskirche fand sie ihren Beginn der Bach-Renaissance am 11. März 1829 im eigens für sie 1827 gebauten Konzerthaus der Sing-Akademie; entworfen hatte diesen klassizistischen Bau ein Schüler von Schinkel, Carl Friedrich Ottmer.

Rechts daneben steht das Palais am Festungsgraben. Friedrich II. schenkte das Grundstück 1751 seinem Kammerdiener Johann Gottfried Donner, weshalb es auch als Palais Donner bekannt war. Er ließ das Palais nach Plänen Christian Friedrich Feldmanns errichten. Eine Hälfte des Gebäudes bewohnte Donner mit der Familie seiner Tochter selbst, in der anderen Hälfte wohnte der preußische Generalmünzmeister Johann Friedrich Graumann. Auf dem Hof betrieb Donner mit seinem Schwiegersohn eine Holzhandlung und lagerte unter dem Dach auch Getreide. 1787 verkaufte Donner das Gebäude an die königliche Finanzbehörde und im Obergeschoß wurde die Dienstwohnung für den preußischen Finanzminister eingerichtet.

Hier residierte auch der letzte Preußische Finanzminister und Professor der Finanzwissenschaft, Johannes Popitz. In Paul Fechters Erinnerungen »Menschen und Zeiten« fand ich die beeindruckende Beschreibung dieses führenden Mannes der »Mittwochsgesellschaft«, eines Kreises von sechzehn Mitgliedern aus der Universität. Er bestand seit fast 100 Jahren und man traf sich vierzehntägig im Haus eines der Mitglieder und dieser hatte die Verpflichtung einen Vortrag zu halten. Bewegend waren die Ausführungen von Popitz, ob Deutschland zwischen dem Augsburger Religionsfrieden und dem Prager Fenstersturz die Katastrophe des Religionskrieges durch eine staatsmännische Tat vermeiden konnte. Er zeigte mit dem Porträt des Kardinal Melchior Klesel, welche Chance bestand und wie diese durch die rechtswidrige Verhaftung und Beseitigung von seitens Ferdinand des Zweiten zerstört worden war. »Es war einer der interessanteste Vorträge aus der letzten Zeit der Mittwochsgesellschaft« und man »ahnte, daß auch sein Versuch ähnlich ausgehen würde wie der des Kardinals Klesel. Damals erlebte man im wesentlichen die geistige Spannweite von Popitz, der das Zeug besaß, auch in verworrenen Zeiten das Steuer eines Staates zugleich stark und klug zu lenken.«

Bald nach dem 20. Juli 1944 wurde er verhaftet, am 2. Dezember 1944 feierte er seinen 60. Geburtstag im Gefängnis der Gestapo – die Tochter Cornelia hatte ihn besucht und mit der Lektüre versorgt, die er nur noch las: Goethe und Fontane – und Anfang 1945 folgte er den vorausgegangenen Freunden.

Das schöne, sorgfältig restaurierte Palais wird heute genutzt für Ausstellungen, Tagungen und Kongresse.

Siegfried Sunnus

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2019

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